Warum es in Mantua schön ist

Ein Platz- Piazza delle Erbe – mit einem Restaurant im oberitalienischen Mantua:


Über einem Bogengang aus dem zwölften Jahrhundert wurde eine Art begehbare Freiluft-Empore eingerichtet. Die dafür nötigen Stützen hat man einfach vor die Pfeiler des Bogengangs gestellt. Keine besonders elegante Lösung, könnte man auf den ersten, in Harmoniesuppe geschulten Blick sagen, aber dafür zweckmäßig.

Zweiter Blick: Man hat hier eine wunderbare Zusammenstellung von mittelalterlichen Stützen mit merkwürdigen Kapitellen und modernen Säulen, die schlicht ihre Aufgabe erfüllen. Form follows function. Die alten Pfeiler stützen die Bögen, die neuen die Empore. Und alles ist gut. Warum irgend etwas verschleiern?

Travertin vor Metall. Jeder Zeit das ihr Mögliche. Dazu ein kräftiger Betonsockel, damit die Säule nicht kippt. Man sitzt hier nicht mehr in einem komplett altstädtischen Ambiente, sondern in einem funktionalen, wobei die Travertinstütze auch einmal funktional war. Das Regenrohr verschiebt die Ästhetik ein wenig ins Schrebergärtnerische, aber eben nur ein wenig.


Es ist ein bisschen Berlin – oder vielmehr das Bild von Berlin – das hier aufscheint: Skurrile Lösungen, die nicht mit viel Geld und Know-How realisiert wurden, sondern geradlinig, ehrlich, lösungsorientiert, machbar, ohne Klischee, und genau deshalb sympathisch.

So sah der Platz ohne die Emporenkonstruktion aus:

Gut möglich, dass es vor Baubeginn in der Stadt öffentliche Diskussionen deswegen gab, ich weiß es nicht.

Besser? Schlechter? Die Frage muss sich nicht stellen. Es ist zweckmäßig, und genau das ist auf lange Sicht die beste Lösung. Die ganze Stadt wurde über Jahrhunderte genau nach dieser Richtlinie entwickelt. Jede Epoche hat so gebaut, wie sie das für richtig hielt. Was auch sonst? Auf dem letzten Bild sieht man eine Rundkirche aus dem elften Jahrhundert, romanisch karg. Man könnte sie als hässlich beschreiben: Die Pilaster sind zu schmal, zu hoch und liegen zu eng beieinander, es fehlt der rechte Maßstab. Und es gibt zu wenig Maueröffnungen.

Es ist egal, denn es ist imposant, dass das Gebäude immer noch steht – bzw. wieder ausgegraben wurde. Ein paar Meter tiefer als der Bogengang, alles ein wenig schief, ohne Lot, aber es wird alles respektiert.

Man findet bei einem Spaziergang durch Mantua unzählige Beispiele dafür, wie jede Zeit rücksichtslos ihren Streifen gemacht hat. Rücksichtslos in dem Sinne, dass man sich ums kontextuelle Bauen nicht geschert hat. Man baute, was man wollte. Kontextuelles Bauen ist nur in verunsicherten Zeiten „in“, wenn man nicht weiß, was man will. Weiß man es, baut man es, ohne Rücksicht auf den Nachbarn.

In Mantua baute jede Epoche, wie sie wollte, ohne deshalb das Alte zerstören, bereinigen, verschwinden lassen zu wollen. Und auch heute setzt man rücksichtslos die neuen Metallsäulen vor die alten Travertinstützen. Diese bleiben ja stehen, das muss reichen.

Und genau deshalb ist es in Mantua schön.

Als problematisch könnte sich erweisen, dass Mantua seit 2008 Weltkulturerbe der Unesco ist. Bekämen die das mit den Metallsäulen raus, gäbe es vermutlich Stress. Ich erinnere an die unglaubliche Diskussion über Hochhäuser in Köln, die nicht gebaut werden durften, weil sie die Sichtachse auf den Dom versperrten, reiste man aus Bergisch Gladbach an.

Die Unesco ist der Tod jeder städtischen Entwicklung.

Möge Mantua gegenüber den Bürokraten sich als durchsetzungsfähig erweisen. Damit es auch weiterhin schön bleibt.

(Fotos: genova 2017 und wikipedia)

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