o.T. 389


Ein Foto aus vergangener Zeit in einer Ausstellung in Ludwigshafen über vergangene Zeit: Gastarbeiter kurz nach ihrer Ankunft in den 1960er Jahren in Deutschland, noch ohne ihre, wie man sagt, Frauen, vor moderner, teilweise organischer Architektur mit hyperbolischem Dach, der Eberthalle in Ludwigshafen. Die Gastarbeiter sind tadellos gekleidet, die Architektur angenehm und zukunftsweisend. Heute stünde da ein Proletenrapper mit Stinkefinger, Goldkette und SUV und dahinter irgendein reaktionäres Haus. Wobei: Als alter, weißer Mann sich über Rapper auszulassen, ist ein sinnloses Unterfangen.

Interessant jedenfalls: Die Halle wurde von den Ludwigshafener Stadtvätern zur Fertigstellung Mitte der 1960er Jahre in Erinnerung an einen wichtigen Sozialdemokraten getauft, der einen der vielen sozialdemokratischen Schritte weg vom sozialistischen Programm und hinein ins „System“ machte. Der Architekt der Eberthalle wiederum hieß Roland Rainer, war Österreicher und vor allem Nazi. 1938 pünktlich NSDAP-Mitglied geworden, kümmerte sich zeitlebens um das Einfamilienhaus, das seinerzeit von den Nazis propagandistisch benutzt wurde, und tat sich auch nach 45 mit seiner Vergangenheit schwer.

Nichts destotrotz war Rainer wendig, wie viele seiner Berufskollegen. Zehn Jahre vor der Eberthalle und zehn Jahre, nachdem er vom „arischen Wesen“, für das er baue, fabuliert hatte, baute er die Stadthalle in Wien:


Man sieht, Rainer passte sich zeitlebens an: ob 70er-Jahre-Strukturalismus oder die hyperbolische Dachform, also ein selbsttragendes dünnes Dach, in Ludwigshafen. Der 1910 Geborene wuchs vielleicht in einer Zeit auf, die der heutigen ähnelt: Faschisten treten in die österreichische Regierung ein und Gegenden wie Kärnten sind mehr oder weniger faschistisch grundiert, die Hitlerverehrung ist auf Heider übergegangen, der wiederum von Strache oder Höcke abgelöst werden wird, das ist der wesentliche Unterschied. Die junge Generation ist vermutlich in weiten Teilen verseucht.

Kärnten ist das Sachsen Österreichs, also eine Katastrophe. Roland Rainer, das Opfer.

Die Gastarbeiter von unserem Foto ganz oben kannten wahrscheinlich weder Roland Rainer noch Friedrich Ebert noch Haider-Kärnten, sie kamen ins Hier und Jetzt, wollten eine bella figura machen und Geld verdienen. Ein streng rechtwinklig-moderner Springbrunnen, der tatsächlich in Betrieb ist, dezentes Grün, schöne, dem Anschein nach gut geschnittene Anzüge, eine selbstreflexive Körperhaltung, freundliche Menschen, zeitgemäße Stühle aus neuartigen Kunststoffen und die organische Eberthalle mit dem tollen Dach.

Das Foto könnte heute auch als Werbung für die Ehe für alle dienen. Zwei schwule Gastarbeiter auf dem Weg zum Traualtar in die moderne Kirche im Hintergrund mit hyperbolischem Dach. Die Welt ist unübersichtlich.

Herr Rainer vor seiner Wiener Stadthalle, 1958:


(Foto: genova 2017 und wikipedia und hier)

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2 Antworten zu o.T. 389

  1. schlingsite schreibt:

    Anzufügen ist vielleicht, dass Hitler in Österreich eine äußerst rechte Regierung stürzte, die sich sogar mit Mussolini verbündete, wird heute oft vergessen.

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  2. genova68 schreibt:

    Dass Hitler eine äußerst rechte Regierung stürzte, um dann eine äußerst rechte Regierung zu installieren, ist in der Tat merkwürdig.

    Gefällt 1 Person

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