„Suizidales Gebäude mit Knastatmosphäre“

Eine Schulerweiterung von AFF Architekten in Berlin:

Viel Sichtbeton, viel Skulpturales. Bei Baunetz, wo das Gebäude vorgestellt wurde, üben Leser eine Menge Kritik:

Die Oberfläche Beton wird unbewußt mit ganz anderen Emotionen verknüpft, wie das beim geschulten Fachmann der Fall ist.
Solange Architekten dies immer noch arrogant ignorieren, und weiterhin ganze Lebensräume grau in grau gestalten, muss sich der Berufstand auch zurecht Kritik wie „Bunker- oder Knastarchitektur“ gefallen lassen.

und:

eine anmutung … von 1970 … schade um die vertane chance …

und:

die wirklich sehr tristen und abweisenden Innenräume dieses Baus, die zu Vandalismus und ruppigem Umgang mit dem Interieur geradzu herauszufordern scheinen.

und:

Suizidales Gebäude mit Knastatmosphäre. Fehlt nur noch das Sprunggitter, das sich quer durchs Atrium spannt.

und:

Grau in Grau, hart und kantig…dem Architekten gefällts, dem Grossteil der Bevölkerung und Nutzer eher nicht. Kein Wunder, erinnert es “normale Bürger“ doch sehr an eine Bauruine deren Investor das Geld mitten im Bau ausgegangen ist. Andere erinnert es an die Betonhäuser in denen die Bundeswehr ihre Übungen veranstaltet. Grauer harter kantiger Schulalltag.

und:

So neu und von den künftigen Nutzern unangetastet könnte man meinen hier wird der Kader für das dunkle Imperium in Star Wars ausgebildet.
Aber mit den kahlen und kalten Wänden wollen die Architekten Lehrer und Jugendliche bestimmt zur farbenfrohen Aufhübschung mit Postern, Transparenten, Bildern, etc provozieren ;-)

Sichtbeton ist in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit immer noch bäh: kalt, herzlos, böse. Es ist Teil des falschen Bewusstseins, dass man den ganzen neoklassizistischen und völlig verlogenen Müll, der in Berlin und anderswo gebaut wird, vermutlich als wahr, freundlich, menschlich und gut bewertet. Es erinnert an die gute alte Zeit.

Beton wird nach wie vor als Baustoff für den Rohbau betrachtet, der bitte verkleidet gehört. Wenn die Zeiten menschenfeindlich sind, braucht es die reaktionäre Hülle, damit es menschelt. Interessante Formgebungen werden dann als „formalistisch“ gebrandmarkt, wie man sagt, um sich mit der Form gar nicht erst beschäftigen zu müssen.

Man könnte das Gebäude auch als Angebot betrachten: Man kann den Beton noch mit Farbe anstreichen, Bilder dranhängen, was auch immer. Davon abgesehen sollte man sich eine Schule nur gefüllt mit Schülern vorstellen. Die fehlen auf diesen perfekt inszenierten und deshalb auch recht irrealen Fotos.

Interessanter ist da schon die Geschichte, denn „als ehemals privates Landschulheim für den preußischen Adel pflegen Bau und Inhalt eine elitäre Tradition“, wie es im Begleittext von Baunetz heißt.

Hui. Wie diese elitäre Traditionspflege aussieht, erfährt man nicht, die Kommentatoren scheint es auch nicht zu interessieren.

Nebenbei: Ob das Gebäude gelungen ist oder nicht, kann man selbstverständlich nicht anhand von ein paar Bildern im Leerzustand beurteilen.

Mehr Bilder und Text gibt es hier.

(Fotos: Hans-Christian Schink, baunetz)

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3 Antworten zu „Suizidales Gebäude mit Knastatmosphäre“

  1. schlingsite schreibt:

    Zumindest spiegelt die hübsch verschachtelte Funktionalität des Baues die Zwangsläufigkeiten in der Bildung zukünftiger Leistungsträger spielerisch ab.

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  2. tikerscherk schreibt:

    Mir gefällt das, was ich sehen kann, ganz ausgezeichnet. Allein der Treppenaufgang und dann die Ansicht des Treppenhauses von unten!

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  3. genova68 schreibt:

    Liebe tikerscherk,
    freut mich, dass es dir gefällt. Und überrascht mich nicht :-)

    Schön auch, dass das sozusagen architecture parlante ist; nicht, was die geplante Nutzung, sondern den Herstellungsprozess angeht: Man kann ihn – also das Betongießen oder das Zusammenfügen der Fertigteile – ablesen. Man geht durch das Gebäude und liest.

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