Es bleibt spannend

In Berlin wird demnächst mal wieder ein Stadtviertel eröffnet, in Friedrichshain, an der Spree. Es hat noch keinen Namen, dafür der zentrale Platz darin: Mercedes Platz. Ohne Bindestrich, wohlgemerkt, und alle Zeitungen schreiben das genau so, wie Mercedes das will. Vermutlich fällt das den meisten Journalisten nicht auf. Neben dem Mercedes Platz steht schon die Mercedes-Benz Arena, exakt so geschrieben. Auf deren Dach prangt ein Stern so groß, dass man ihn noch vom Mond aus sieht.

Es entstehen ein paar wenige, teure Wohnungen in hohen Türmen, die Max und Moritz heißen, total lausbubenmäßig. Dazu ein Kino mit 14 Sälen, 15 Restaurants, 28 Bowling-Bahnen und ein Einkaufscenter mit 120 Geschäften, von dem schon der Rohbau steht, wie die Berliner Morgenpost berichtet. Ich hätte ja vermutet, dass es in dieser Stadt bereits genügend Kommerzkinos, genügend Bowling-Bahnen und auch genügend Einkaufscenter gibt, aber so kann man sich täuschen. Bezahlbare Wohnungen dagegen scheinen in Hülle und Fülle verfügbar, sonst würde man ja welche bauen, am Mercedes Platz.

Bemerkenswert an dem Morgenpost-Artikel ist das leicht verzweifelte Bemühen, das neue Viertel als cool darzustellen. Coolness, Hipness und so weiter sind unabdingbar, denn das ist der wesentliche Grund, in Friedrichshain etwas zu bauen. Selbst systemaffine Spießer wie Mercedes und Werbeagenturen wollen da unbedingt hin, denn dass Rentner mit Prostatabeschwerden die Hauptprivatkunden der Marke sind, ist nicht zukunftsträchtig. Friedrichshain als Erlösung.

Das Viertel ist architektonisch selbstredend (ja, leider) peinlicher, rechter Kommerzschrott. Die übliche Schießschartenarchitektur, preußisch angehaucht, zumindest das, was man bisher sehen kann. Es erstaunt auch den Abgebrühten, mit welcher Nonchalance man sich nicht mal mehr den Anschein von Innovation gibt. Man könnte sich an google oder Facebook orientieren, die derzeit in den USA ziemlich imposante Konzernzentralen hochziehen bzw. schon hochgezogen haben. Bei Einkaufscentern und Bowlingbahnen traut man sich vielleicht nicht.

Die Morgenpost-Journalistin ist ein wenig durchs Quartier, wie man heute auch gerne sagt, gezogen und hat tatsächlich Leute gefunden, die es „spannend“ finden. Eine Kommunikationsagenturtante findet es sogar „megaspannend“, ein anderer „total spannend“, er ist auch „gespannt auf die Lebendigkeit“. Genauer gesagt finden sie nicht das neue Stadtviertel spannend, sondern „das Projekt“. Hört sich vermutlich spannender an.

Leute, die alles spannend finden, sind erfahrungsgemäß uninteressant und finden in Wahrheit nichts spannend, außer vielleicht Geld verdienen. Das machen diese Gestalten mithilfe des bewusst und notwendig nichtkapitalistischen Images bestimmter Berliner Gegenden. Die machen sich dort breit, schmarotzen und finden es spannend.

Die Kommunikationsagenturtante ist sich nicht mal zu blöd, sich für die Printausgabe der Berliner Morgenpost in ihrem Büro mit einem Skateboard fotografieren zu lassen. Linke Hand aufs Skateboard gestützt, rechte Hand in der Hosentasche. Sie findet das Viertel übrigens megaspannend, weil: „Hier passiert so viel.“

Alles spannend finden und immer im Fluss: Leute, die alles spannend finden, finden nichts spannend. Wer in einer Kommunikationsagentur arbeitet, kann nichts spannend finden, außer Geldverdienen vielleicht. Wobei: Man könnte das Böse spannend finden, wenn man in einer Kommunikationsagentur arbeitet. Aber nicht mal dazu reicht es bei diesen Leuten.

Während der Recherche hat sich die Morgenpost-Journalistin entschieden, das namenlose Viertel „Vergnügungsviertel“ zu nennen. Man vergnügt sich auf der Bowlingbahn, in der Systemgastronomie und so weiter. Man wird Profit generieren, weil es immer noch genügend Leute gibt, die als Touristen nach Berlin kommen und allen Ernstes solche Scheißgegenden aufsuchen. Sie könnten das in irgendeinem Freizeit- und Vergnügungspark kriegen, da sind auch die Parkplätze billiger.

Vielleicht aber geht die Rechnung nicht auf. Das Einkaufscenter wird anderen das Wasser abgraben, die Bowling-Bahnen gibt es auch in Brandenburg und die Kinos ebenso. Für derartige Vergnügungen braucht es kein Berlin, der Speckgürtel reicht.

Die Kommunikationsagenturtante kommt übrigens „mit der Vespa zur Arbeit“. Doch nicht mit dem Skateboard.

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2 Antworten zu Es bleibt spannend

  1. Beat Company schreibt:

    Ich dachte Friedrichshain ist schon wieder nach Xberg umgezogen ?!

    Gefällt 2 Personen

  2. genova68 schreibt:

    Ja, ich weiß auch nicht so genau. Es geht hier alles so schnell und es passiert so viel.

    Gefällt 1 Person

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