Kurze Bemerkungen zu einer Scheune

Die steht in der Po-Ebene:


Ein bemerkenswertes Gebäude. Es ist auf den ersten Blick eigentlich ein reiner Zweckschuppen, der durch ein paar Gesten aufgewertet wurde. Die haben es in sich: Zum einen gibt es einen Haupttrakt und zwei in der Höhe heruntergelassene Seitenschiffe, dazu das auch vorne sich senkende Dach, Walmdach, das durch die Senkung der Wand eine gewisse Milde gibt und der Konfrontation einer Wand entgegenwirkt. Sparsam eingesetzte Formdetails geben dem Kasten eine ins Auge springende Würde, so die fünf Pilaster, von denen der mittige sich nach unten teilt und so Platz für die Tür freigibt, die in einem dezenten Grün gestrichen ist, das gut mit dem Rasen korrespondiert. Außerdem erinnert das Gesims ein wenig an Palladio, der in dieser Gegend wirkte; so eine Art modernisierter Klassizismus.

Obwohl in der Front nur zwei kleine Fenster, überdies mit Sprossen geteilt, die die Fenster noch düsterer wirken lassen, wirkt das Gebäude nicht verschlossen, sondern grazil. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Fassade zwar in Bemühen um Symmetrie angelegt wurde, die aber schnell zugunsten der Praxis variierte: Links haben wir einen offenen Torbogen, damit der Traktor und der LKW oder früher das Pferdefuhrwerk passieren können, dazu eine offene, durch Bögen strukturierte Seitenwand, rechts ein Seitenschiff mit einer breiten Tür, vielleicht für landwirtschaftliche Geräte. Es gibt keinen Sockel, was den Kasten so unprätentiös und einladen macht: Hier erheischt niemand Respekt aufgrund eines unnötigerweise symbolisierten Fundamentes.

Die Scheune wirkt rundherum gelungen. Das hängt meines Erachtens mit der klaren Konstruktion zusammen, die sich ihrem Einsatz, ihrer Funktion nicht verweigert. Das Ernstnehmen der Funktion aber führt eben nicht zu einem monotonen, symmetrischen Kasten. Und das dürfte in der Praxis bei kaum einem Gebäude der Fall sein.

Hin und wieder wird versucht, den Funktionalismusbegriff positiv umzudeuten. Funktionalität nicht als bloßes Funktionieren in Bezug auf Essen, Schlafen und Sich-Aufhalten, sondern als praktische Umsetzung differenzierterer menschlicher Bedürfnisse. Diese unscheinbare Scheune wäre ein schönes Beispiel dafür.

(Foto: genova 2017)

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