„Die Folklore latscht immer der Hochkultur nach“

Am Ende einer dahinplätschernden Diskussion zwischen dem Architekturtheoretiker und -kritiker François Burkhardt und dem Architekturkritiker und -theoretiker Dietmar Steiner über Architektur, Design, Moderne, Postmoderne, Utopien, Regionalismus, Zeitläufte, wie man sagt, und so weiter in Wien meldet sich ein Zuschauer zu Wort, der in Beziehung zum Regionalismus und Folklore diese bemerkenswerte Überlegung anstellt:

„Die Folklore latscht immer den Innovationen der Hochkultur nach, nicht, wie man denkt, das sei da vor Ort gewachsen. Quatsch! Das sind immer Folgeerscheinungen. So wie man hier durch österreichische Dörfer fahren kann, und dann sieht man – selbst in Schrebergärten – postmoderne Bauten, dekonstruktivistische Bauten und ähnliches. Das nennt man dann regionale Architektur.“

Da ist wohl etwas dran. Jedes Bauernhaus, das ein Fenster hat, hat einen Anteil an baulicher Innovation. Folklore muss also zuvor ein Haus (oder gar eine Höhle) ohne Fensteröffnung gewesen sein. Jeder um ein paar Zentimeter längere Sturz ist ein Triumph der Statiker oder eines neuen Materials, nicht der Region. Um diese These einleuchtend zu finden, muss man sich nicht an die Vorstellung einer Urhütte von Laugier klammern, obwohl die natürlich passen würde. Gerade in Österreich auf dem Land feiern FPÖ – und dazu passend Folklorekitsch – Dauererfolge, die auf der Erzählung vom Authentischen, vom Althergebrachten, vom Normalzustand basieren, was durch Moderne, Entwicklung und Westbindung zerstört würde. Das zwanghafte Weiterführen vermeintlicher Folklore in Form sechsstöckiger Bauerhäuser, die Fünf-Sterne-Hotels beherbergen steht genauso dafür wie all der postmoderne Zierrat an ihnen.

Die Aussage dieses Zuschauers ist geradezu revolutionär, weil sie in die aktuellen Diskussionen in Deutschland und Österreich reingrätscht. Regionalismus ist nur dann ernstzunehmen, wenn er sich der Welt öffnet. Ohne globale Einflüsse keine regionale Entwicklung. Ohne diese Einflüsse sollte man Folklore nicht Folklore nennen, sondern Kitsch.

Man könnte nun über das Thema ein Buch schreiben, was mir zu anstrengend ist. Folklore als Heileweltveranstaltung, die vermutlich das Feindliche, das Regressive in sich trägt.

Mir fallen bei diesen Themen immer wieder die Leute ein, die in den 70ern oder 80ern sozialisiert wurden und heute behaupten, dass es seitdem keine gute Musik mehr gegeben habe.

fade out

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Architektur veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu „Die Folklore latscht immer der Hochkultur nach“

  1. hANNES wURST schreibt:

    Mir fällt auf, dass nicht jeder Stil, jedes Metier gleichermaßen von Innovation und Avantgarde abhängig ist. Im Pop scheint die Eingängigkeit, der schöne Refrain, die Emotionalität wichtiger als die Innovation. Im Hip-Hop gehört Recycling zur Standardausstattung. Jazz jedoch, und das gilt für alle typischen Hipster-Kulturformen, zeichnet sich gerade durch die Suche nach immer neuen Formen und Spielweisen aus (auch wenn der Vortrag an sich stark normiert wurde).

    Spätestens in den 80ern hat der Jazz seine innovative Kraft verloren und wirkt seitdem etwas orientierungslos. Man muss sich damit abfinden, dass es keinen Miles Davis mehr geben wird, der in seinem Leben einen bedeutenden Musikstil dreimal neu erfinden kann.

    Innovation wird immer schwieriger, es ist ähnlich wie in der Forschung (in der Innovation mehr zählt als in jedem anderen Bereich – Forschung ist Innovation). Gehard Vollmar hat das mit dem Effekt verglichen, den man beim Aufblasen eines Luftballons erzielt. Am Anfang macht man deutliche Fortschritte, doch hat der Ballon eine gewisse Größe erreicht, dann scheint die Mühe des Aufpustens weitaus weniger Effekt zu zeigen. Man muss schon sehr stark pusten (pun intended), um den Jazz noch sichtlich zu bewegen.

    Möglicherweisen gibt es Parallelen zur Architektur – die Frage ist, wie stark diese Disziplin Innovation gewichtet.

    Liken

  2. genova68 schreibt:

    Zu deinem schönen Kommentar könnte man ein ganzes Buch schreiben.

    Wird Innovation immer schwieriger? Oder werden nur die Zeiten reaktionärer und es fehlt der gesellschaftliche Wille zur Innovation? In der Architektur scheint mir das eindeutig: Rekonstruktion und gute alte Zeit sind angesagt, Innovation ist aber gleichzeitig derzeit notwendig: Ob neue Materialien, Energiesparen, neue Wohnformen. Es geschieht in diesen Bereichen auch viel, aber es wird nicht mehr gesamtgesellschaftlich wahrgenommen. Beim preisgünstigen und guten Bauen gibt es hervorragende Ergebnisse, aber real gebaut wird das nicht, weil bei begrenzter Bodenfläche hochpreisiges Bauen derzeit seine Abnehmer findet, und sei es auch nur als Geldanlage. Innovation findet nur dann Aufmerksamkeit, wenn es die Kapitalakkumulation nicht behindert.

    In der Musik gibt es sicher Innovation, Jazz und Hiphop beispielsweise, Christian Scott, der das versucht. Ich bin in dem Thema leider nicht mehr drin und höre nur noch das alte bekannte Jazzzeug.

    Ich glaube, der Ballvergleich hinkt. Jazz ist kein Luftballon, nichts ist ein Luftballon, weil das immer das Ende einer Entwicklung bedeutet. Der Mensch denkt zwar gerne in Anfang und Ende, aber gesellschaftlich oder musikalisch ist das falsch. Das würde ja auch bedeuten, dass der Beginn der Jazzära zugleich sein theoretisch absehbares Ende markiert. Nö. Es gibt zwar diese vielen braven Nachwuchsjazzer, die technisch versiert und brav die alten Sachen nachspielen, aber das liegt nur daran, dass es danach offenbar einen Bedarf gibt: nach Altem, Vertrautem.

    Im Jazz waren wie in der Architektur die 60er Jahre bedeutend: Es gab in der Architektur haufenweise Science-Fiction-Ideen, manches wurde umgesetzt wie beispielsweise Moshe Safdie in Montreal. Heute in Deutschland zumindest undenkbar, aber nicht, weil es architektonisch keine Innovation mehr gäbe, sondern weil das Kapital derzeit andersweitig mehr Profit zu machen glaubt und man dieses System laufen lässt.

    Der Pop braucht wohl nur wenig Innovation, wie du richtig schreibst, sondern Eingängigkeit, die allerdings auch immer weiter innovativ verändert wird. Die Synthiesachen in den 80ern waren neu, Indie, was auch immer, vermutlich immer auch von Jazz inspiriert.

    Vielleicht kann man den Jazz als die Königsdisziplin der Musik bezeichnen, deren Einflüsse in Rock und Pop und Schlager reichen. Warum haben die Kastelruther Herzspatzen ein Schlagzeug? Weil es das vorher in anderen musikalischen Genres gab. Noch das innovationsfeindlichste Genre macht Innovation mit, freiwillig oder gezwungen, ich weiß es nicht. Jedes noch so kleine Abweichen vom Vier-Viertel-Rhythmus im Schlager ist vermutlich, über tausend Umwege, jazzindiziert.

    Und so meinte der Zuschauer das wohl auch für das debile Landleben, wo die Postmoderne in pervertierter Form angekommen ist.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.