Die Volksbühne und das spannende Berlin

Die Berliner „Volksbühne“ wurde gerade unter dem Label „Glitzer zu Staub“ eine Zeitlang besetzt. Die Besetzer wandten sich gegen ein Berlin „des Standortmarketings, der Investitionsanreize, der sozialen Ausgrenzung, der Abschiebungen, der Gentrifizierung“. Eigentlich eine sinnvolle Sache: Ein linkes Theater besetzen und damit eine Debatte zu einem wichtigen Thema entfachen. Allerdings: Vor zeitgenössischen Debatten hat das Kapital kein Angst. Reden ist in neoliberalen Zeiten völlig ok, über alles und jeden, und auf Nachfrage wird jeder Neoliberale diese Debatte „spannend“ und „wichtig“ finden. Er weiß: Es bleibt beim Reden.

Der Tagesspiegel schreibt über die Volksbühnenbesetzung ganz richtig:

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Besetzung, diese von den Medien aufmerksamst verfolgte „transmediale Theaterinszenierung“ … der Gentrifizierung einen weiteren kleinen Schub bescheren könnte. Denn weitere Sympathisanten, weitere angehende Künstler, weitere Touristen, die durch die Volksbühnenbesetzung angelockt wurden, werden das ach so „spannende“ Berlin naturgemäß in diese Richtung verändern, werden Stadtviertel aufwerten, siehe beispielsweise Neukölln, werden sie teurer und für Alteingesessene unbewohnbarer machen … Fragt sich halt noch: War die vergangene Woche an der Volksbühne wirklich mehr als nur ein interessantes, spannendes, Berlin noch attraktiver machendes Spektakel?

Es entbehrt vor allem nicht einer gewissen Ironie, dass eine bürgerliche Zeitung sorgenvoll fragt, ob die Linke vielleicht zu wenig effektiv und nachhaltig ist. Es zeigt das ganze Dilemma.

Natürlich hat der Tagesspiegel in seiner Analyse recht. Die Besetzung machte auf einen Zustand aufmerksam, den eh schon alle kennen. Das entscheidende Thema wäre: Wie kommt man in Aktionen, die den Zustand ernsthaft verändern. Um die Volksbühne herum ist die Gentrifizierung seit Jahren voll im Gange, man findet im Umkreis von mindestens 15 Kilometern keine bezahlbare Wohnung. Galerien, die Kunst nur noch als Kapitalanlage betrachten und damit neoliberale Politik aktiv mitgestalten. An dieser Entwicklung änderten auch 25 Jahre Castorf-Intendanz nichts. Eher im Gegenteil. Die Volkbühne wurde unter jungen Leuten Kult, wie man sagt, eine Party mehr, und egal, wie gut oder schlecht die Inszenierungen waren, sie waren Teil exakt jenes Stadtmarketings, das die Besetzer nun kritisierten. Es ging bei Statements zur Volksbühne nie um Politik, auch nicht um Kunst, eher um so eine Art systemkompatible Avantgarde, in deren hellem Schein man selber glänzte. Vermutlich konnte man als Besetzungs-Beteiligter seine Chancen um einen gut bezahlten Arbeitsplatz steigern. Etwas tun, milde die Regeln brechen und aufmerksamkeitsökonomisch vorne dabei sein: Was könnte es fürs Kapital Schöneres geben?

Das Verrückte: Je mehr interessante und aktive Leute in einer Stadt mitmischen, desto gieriger stürzt sich das Kapital auf sie. Duisburg hat es gut. Dieses Dilemma aufzulösen, wäre Aufgabe linker Politik.

Das ach so spannende Berlin ist eins der totalen Unterwerfung unters Kapital. Dass die Damen und Herren Renditejäger es schafften, ihr menschenverachtendes Treiben via Öffentlichkeitsarbeit so zu positionieren, dass zu einem Castorf kein Widerspruch mehr besteht, ist so bewunderns- wie verachtenswert.

Die Crowd macht freudig mit, man ist dabei und es passiert etwas, was vermutlich die Hauptsache ist. Die neoliberale Gehirnwäsche der vergangenen 20 Jahre fruchtet. In Deutschland besonders.

Dazu passt vielleicht auch ein kürzlich erschienener Zeit-Artikel, in dem ein junger Amerikaner meinte, dass die U30-Amis mehrheitlich für Bernie Sanders waren, die U30-Franzosen mehrheitlich für Jean-Luc Melenchon und die U30-Briten mehrheitlich für Jeremy Corbyn. Nur die U30-Deutschen kriegen nichts auf die Reihe. Jüngst meinte ein U30-Mensch zu mir, seine Generation sei völlig entfremdet. Fürs Kapital könnte es nicht besser laufen.

Deutschland als Täterland, nach wie vor. Im Herzen der Bestie feiert man eine Siebentagebesetzung und fühlt sich vermutlich im Widerstand. Dass das selbst einer bürgerlichen Zeitung zu viel Verlogenheit ist, ist der Ausdruck des ganzen Dilemmas.

Der ideelle Gesamtkapitalist sind wir alle.

P.S.: Hier noch ein kritischer Rückblick einiger Akteure von „Glitzer zu Staub“

 

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2 Antworten zu Die Volksbühne und das spannende Berlin

  1. dame.von.welt schreibt:

    Über die Volksbühne gab’s anläßlich des Endes der Castorf-Ära einen bildschönen Film beim rbb (Lutz Pehnert), wärmstens empfohlen:

    Carl Hegemann schrieb in der FAZ:
    Es ist Dercons fehlende Theatererfahrung, die sich in dieser dürftigen Spielplanung niederschlägt. Das Konzept, im weltweiten Kunst-Angebot auf Shopping-Tour zu gehen und, solange das Geld reicht, die attraktivsten Angebote einzukaufen, hat sich für einen eigenständigen Spielplan bisher jedenfalls als unzureichend erwiesen. Nicht die Besetzung des Foyers ist Dercons Problem, sondern die Inkompatibilität seiner bisherigen Arbeit als Vermittler von bildender Kunst und „Geldeinsammler“ (Dercon) mit den Grundlagen der kollektiven Theaterarbeit. Die Aufgabe, die Dercon offenbar vertraglich übernommen hat und die im Entwurf des Wirtschaftsplans 2017/18 festgehalten ist – nämlich die Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater mit der fast kompletten bisherigen Belegschaft zu erhalten und sie gleichzeitig in eine „Plattform“ für Einkauf, Herstellung und Distribution internationaler Koproduktionen von Kunst nahezu jeder Art zu verwandeln, wobei der Name Volksbühne als „Dachmarke“ fungieren soll – ist unlösbar. Die Entscheidungsträger in der Kulturpolitik, die sich das ausgedacht haben, waren ahnungslos. Und Herr Dercon, der dem zugestimmt hat, offensichtlich auch. Und das Parlament, das solche Entscheidungen prüfen müsste, scheint es gar nicht mitgekriegt zu haben. Aus diesem „Plan“ wird nichts werden.

    Nicht die Besetzer oder die Liebhaber des ach so spannenden Berlin sind das Problem, sondern u.a. Kultursenator Klaus Lederer (die Linke), der für diesen offensichtlich bekloppten „Plan“ verantwortlich ist und der im Volk in der Volksbühne „Unberechtigte“ von der Polizei ausmachen ließ.

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  2. genova68 schreibt:

    Du oder Sie (ich weiß es leider nicht mehr) sprechen das Theater und seine Struktur an. Dazu kann ich wenig sagen, wobei der FAZ-Artikel überzeugend klingt, also contra Dercon

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