Brutalismus und soziale Konnotation

Die taz interviewte (vor acht Jahren) den britischen Blogger Owen Hatherley, der ein Buch über Brutalismus und seine popkulturelle Verankerung in England geschrieben hat:

Sie schreiben „Klasse und politische Bildung sind untrennbar damit verbunden, wie man ein modernistisches Gebäude wahrnimmt“. Gilt das auch für die Beurteilung von Popmusik?

Nicht in demselben Maße. Auch ein nichtspezialisiertes britisches Laienpublikum kann inzwischen kritisch über die radikalste Popmusik urteilen: Das Wissen über Pop ist verbreiteter als das Wissen über Architektur. Schauen Sie sich die Reaktionen auf Hochhäuser und Council-Estate-Siedlungen an. Die meisten Menschen empfinden Hochhäuser als unwirtlich. Das mag mit der großflächigen Betonbauweise zu tun haben, meistens aber liegt das an der sozialen Konnotation von Hochhäusern. Damit werden die Armen, die Verlierer der Gesellschaft, assoziiert; ergo gelten Hochhäuser als architektonischer Schandfleck. Dabei ist die Bausubstanz von Luxusapartments weit schlechter als die von kommunalen Wohnungsbauprojekten, sie gelten aber als architektonisch hochstehender, weil darin Börsenmakler leben.

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Eigentlich nichts Neues, aber gut gesagt. Die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Konnotationen von Architektur und die mehr oder weniger reflektierten Ansichten darüber, die dann über gesellschaftliche Akzeptanzen entscheiden. Wobei sich Konnotationen ändern: Berliner Mietskasernen waren noch in den 1970ern das Milieu der Hängengebliebenen, der Gastarbeiter, der Verlierer. Demenstprechend großzügig wurde abgerissen. Im Zuge der Kritik an moderner Architektur und Zonentrennung kam die Wende. Heute ist der Altbau das Non plus ultra, was einen regressiven Charakter hat, denn damit geht die Ablehnung des Neuen einher. Fragt sich, welche Klasse es eigentlich ist, der zum Thema Wohnen nichts Neues einfällt, außer dem Alten zu huldigen und das Neue kapitalistischen Investoren zu überlassen.

Die unsägliche neue preußische Architektur mit Schießscharten, vorgeblendeten pseudotragenden Granitplatten und drangepappten Gesimsen ist heute populär, weil scheinbar solide und retro. Die wirklich guten Sachen wie all das, was in der Nachfolge von Moshe Safdies Montrealer Habitat auch in Deutschland gebaut wurde, hat keine Chance mehr auf Rehabilitierung, da man diese Siedlungen mittlerweile fast flächendeckend abgerissen hat. Die in Maßen interessante Architektur ist ausschließlich hochpreisig und vor allem Anlageobjekt statt Wohnraum.

Andererseits: Die neuen Firmenzentralen von Google oder facebook zeigen, dass eine durchaus fortschrittliche Architektur heute umstandslos vom menschenzerstörenden Kapital besetzt werden kann. Es gibt keinerlei Probleme mit rein visueller Transparenz, mit neuen Materialien, mit architektonisch ausgedrückten flachen Hierarchien. Dieses Phänomen gab es schon bei den vollverglasten Bürotürmen der frühen Bundesrepublik, die – zumindest was die publizistische Begleitung angeht – in Affinität zur jungen Demokratie errichtet wurden: Transparenz über alles. Es war in der Regel ohnehin nur Spiegelglas, durch das man raus-, aber nicht reinschauen konnte.

Es wäre bei jedem neuen Gebäude, bei jedem neuen Modell, bei jeder neuen architektonischen Idee die komplette soziale Frage zu stellen. Alles andere ist unterm neoliberalen Dogma Augenwischerei.

 

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