Die schöne, autoritär verodnete Stadt

Die europäische Stadt, von der wir heute reden, ist zum Teil selbst das Ergebnis einer gigantischen historischen Zerstörung. Das Musterbeispiel ist die beliebteste Stadt überhaupt, Paris, wo Baron Haussmann quer durch die alte Stadt Schneisen und Sichtachsen schlug. Diese großen Boulevards, die sternförmig durch die Stadt verlaufen, scheren sich überhaupt nicht um die Struktur der alten Stadt. Und genau dieses Haussmannsche Paris ist eigentlich unser Idealbild der historischen Stadt. Das, was wir heute für die bürgerliche europäische Sadt halten, ist eine autoritär verordnete Stadt. In Berlin geschah etwas Ähnliches. Hier folgte man mit dem Hobrecht-Plan dem Pariser Modell.

Schrieb der verstorbene Architektursoziologe Werner Sewing 2008 in einem Sammelband mit dem schönen Titel Beauty and the city.

Ja und nein. Ja, weil Hausmann zwar in der Tat die vorhandene Stadtstruktur zerstörte. Wobei er sich sehr wohl um diese kümmerte, weil einer seiner Jobs war, mögliche künftige Aufstände in der Stadt städtebaulich zu erschweren. Gassen aufzulösen, war da eine notwendige Option. Nein, weil wir andererseits von der europäischen Stadt auch in Bezug auf ihre mittelalterlichen Anteile reden. Heutzutage geht es nur darum, dass es alt – genauer: nicht modern – aussieht.

Worum es Sewing hier ging, ist aber offensichtlich. Die aktuelle reakionäre Sehnsucht nach der alten Stadt ist vor allem eine nach der vormodernen Stadt. Eine sogenannte bürgerliche, in der die Welt noch in Ordnung war. Die Hausmannsche Zerstörung hätte den heutigen Adepten der Vormoderne nicht gefallen, aber Geschichte wurde hier geklittert. Das Hausmannsche Paris scheint dem Sehnsüchtigen heute als das originale, das paradiesische. Die Zerstörung von Stadt durch die Moderne kritisieren diese Leute heute und fordern ihren Ersatz durchs vermeintlich Gewaltfreie. Deformierte Menschen fordern Schlösser, die immer auch Folterkeller beherbergen. Die AfD ist nur ein Ausdruck dessen, dass die Folterkeller sichtbar werden. Das Problem reicht allerdings viel weiter, hinein ins marketing- und orwellzerstörte sogenannte Bürgertum. Die aktuelle sogenannte bürgerliche Architektur zeigt ganz gut den Kaputtheitsgrad ihrer Träger. Das „Vorwärts in die Vergangenheit“ ist immer nur ein partielles, da jenseits der Retro-Fassade keinerlei Ideen existieren, die reales Unwohlsein kurieren könnten. Schießschartenarchitektur hat seine ganz reale bildhafte Aufgabe.

Zeitgemäße Architektur und zeitgemäßer Städtebau heute wäre einer, der die ökonomischen Bedingungen ins Auge fasst. Daraus entwickelte sich vermutlich von selbst eine Architektur, die zeitgemäß ist. Man setze den deformierten Menschen instand, und die Architektur tut dasselbe. Naturgemäß ist die Hoffnung, dass sich ausgerechnet in dem Land, das man Deutschland nennt, eine wenn auch zarte Avantgarde sich bilden werde, eine völlig und durch und durch unrealistische. Der aktuelle Wahlkampf und seine Behandlung der Gentrifizierung zeigt den Deformierungsgrad der Deformierten.

Warum die architektonische Katastrophe ausgerechnet in Deutschland und hier ausgerechnet in seinem preußischen Kernland die schlimmsten Ausmaße annimmt, lässt sich am umgekehrten Beispiel Italien deutlich machen, was demnächst in diesem Blog passieren wird.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Geschichte, Kapitalismus, Postmoderne abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Die schöne, autoritär verodnete Stadt

  1. dame.von.welt schreibt:

    Man setze den deformierten Menschen instand, und die Architektur tut dasselbe.

    Wie ordnet sich darin die moralische Anstalt der Idealstadt à la Alcalá de Henares, Palmanova, Sabioneta, Jülich, Mannheim, Washington ein? Und wie Planstädte (zu großen Teilen) wie Berlin und Barcelona?
    War/ist Stadtplanung nicht (so gut wie) immer autoritär?

    Liken

  2. genova68 schreibt:

    Die von Ihnen genannten Städte kann man sicher als autoritär geplant verstehen. Aber deren Planungen sind lange her und eine Stadt wie Sabbioneta hat sich seitdem nicht weiterenwickelt, die wurde als Residenz angelegt, aber nie ernsthaft als solche gebraucht. Da fand also eine Transformation statt bzw. die Stadt geriet schnell in Vergessenheit und die autoritäre Planung spielt heute keine große Rolle mehr. Es ist einfach ein großes Dorf, in dem man vermutlich billig eine Wohnung bekommt, wenn man eine will. Es gibt dort keine wie auch immer strukturierte Klasse, die auf das heutige Sabbioneta einen Anspruch erhebt – außer vielleicht die UNESCO.

    Stadtplanung seit den 1920er Jahren verstand sich ja anders, schon zentral geplant, aber auf die Befürfnisse der Bewohner – und das waren erstmals normale Menschen – Rücksicht nehmend.

    Sabbioneta oder auch Mannheim sind in erster Linie praktisch geplante Städte, die vielfach nutzbar sind, halt einfach Blöcke und Quadrate.

    Ich wollte mit dem Artikel sagen, dass die Sehnsucht nach dem Alten auf der Annahme basiert, dort sei man Zwängen nicht ausgeliefert gewesen, was sicher nicht stimmt. Andererseits weiß ich gar nicht, was der Hang zum Retro alles beinhaltet. Vielleicht sehnt sich der Retrobürger nach Zwang, nach klaren Richtungen, nach weniger Wahlfreiheit und findet deshalb an autoritärer Stadtplanung gefallen.

    Autoritäre Stadtplanung war wohl das meiste, was über Dorfgröße hinausging. Aus heutiger Sicht ist von Interesse, wie groß der aktuelle Verwertungsdruck ist. Berlin oder Barcelona fügen sich brav in ihre Kapitalverwertungsrolle, Mannheim auch, Sabbioneta (und Palmanova) interessieren nicht. In Berlin ist die Eurocity ein schönes Beispiel für autoritäre Stadtplanung, autoritär aber ausschließlich als Spielwiese des Kapitals. Wien wäre in Teilen ein schönes Gegenbeispiel. Demokratischer, an den Bewohnern orientierte Stadtplanung, ganz aktuell dort an vielen Punkten.

    Liken

  3. dame.von.welt schreibt:

    Ich wollte mit dem Artikel sagen, dass die Sehnsucht nach dem Alten auf der Annahme basiert, dort sei man Zwängen nicht ausgeliefert gewesen, was sicher nicht stimmt. Andererseits weiß ich gar nicht, was der Hang zum Retro alles beinhaltet. Vielleicht sehnt sich der Retrobürger nach Zwang, nach klaren Richtungen, nach weniger Wahlfreiheit und findet deshalb an autoritärer Stadtplanung gefallen.

    Vielleicht glaubt der Retrobürger und Schloßfassadenliebhaber auch, die alten Zwänge seien ihm schon bekannt, sie seien gewohnt, irgendwie ja ganz erträglich und allein schon deswegen jeder Veränderung vorzuziehen.

    Ich wollte auf etwas anderes hinaus, nämlich ob Architektur überhaupt moralische Anstalt sein oder demokratisch vonstatten gehen kann. Die Idealstädte waren immer ausdrücklich autoritär, allein schon entweder mit Kirche oder Residenz als ihrem Zentrum. Für sie wurden aber meist keine bestehenden Häuser für Verkehrswege, Sichtachsen und Bauten geschleift wie bei Haussmann, sondern z.B. Wald gerodet und eine neue Stadt im Nirgendwo errichtet. Das trifft auch auf Zisterzienserbauten zu, besonders sichtbar dort, wo die Es-werde-Stadt-Idee nicht aufging, sondern ein riesiger Dom in Landschaft und Dorf steht, z.B. der Altenberger Dom in NRW. Zeitgenössische Beispiele wären vielleicht Brasilia, Abuja oder Naypyidaw – weil die eigentliche Metropole als nicht mehr regierbar erscheint, muß eine neue in der Mitte des Nichts her.

    So sehr ich den sozialen/kommunalen Wohnungsbau in u.a. Wien schätze, aber ich bezweifele, daß in den 1920ern bisherige und künftige Bewohner vorher demokratisch befragt wurden und ich meine mich auch an Architekten- (und Designer-)Ansprüche der Menschenverbesserung zu erinnern. Auch das ist autoritär, unabhängig davon, ob die Richtung stimmte und das Kalkül bezahlbarer Mieten für gut geplanten Wonhraum aufging. Und an dieser Stelle teile ich Ihre Kritik an sich zu Künstlern erklärenden Architekten und Gestaltern. Weil die sich damit gegen jede Kritik imprägnieren, sich geradezu religiös überhöhen.

    Liken

  4. genova68 schreibt:

    Danke für den Beitrag, ich schaffe es hoffentlich, heute Abend darauf etwas zu schreiben. Nur kurz: Es gibt ja das Thema „partizipatorisches Bauen“, das in den 70ern und auch noch 80ern umgesetzt wurde. Und das rote Wien existiert bis heute, wo man zumindest heute nicht autoritär plant, soweit ich das beurteilen kann. In den 20ern war das sicher noch anders, da wähnte sich der Architekt als Sozialingenieur im Besitz der Wahrheit.

    Liken

  5. genova68 schreibt:

    Eigentlich fällt mir gar nichts mehr ein. Wie gesagt, das Buch über partizipatorisches Bauen liegt hier und harrt der Besprechung. Der Architekt ist natürlich Fachmann und kann sich dieser Position auch nicht entledigen. Aber die Bewohner können Bedürfnisse äußern, die der Fachmann umsetzt oder auch nicht. Das Interesse an sich wäre schon von Vorteil. Die gängige Architekturkritik befasst sich eher mit Fassaden und vor allem nur mit der Zeit, bis der Bau fertiggestellt wurde. Der Künstler im Architekten, das schreiben Sie ganz richtig, macht sich gegen Kritik immun. Aldo Rossi und Ungers sind zwei solcher Kameraden, die unverständlicherweise von der Linken aufs Podest gehoben wurden, obwohl sie nur autoritär und anmaßend waren. Linke Architekturkritik ist genauso auf den Hund gekommen wie überhaupt umfassend progressives linkes Denken in der Gesellschaft. Stephan Trüby habe ich hier kürzlich – in Zusammenhang mit Ungers – als Beispiel erwähnt. Beim partizipatorischen Bauen geht es vor allem um die 70er und 80er Jahre, Lucien Kroll in Brüssel und Giancarlo De Carlo in Terni sind da zwei interessante Namen.

    Bruno Taut in den 20er Jahren wollte den Leuten auch die Wandfarbe vorschreiben, kam aber meines Wissens schnell wieder davon ab. Überhaupt sind einige Gemäßigte aus der Zeit nicht mer so präsent wie van der Rohe oder Corbusier. Hugo Häring beispielsweise.

    Gefällt 1 Person

  6. derdilettant schreibt:

    Ich glaube schon, dass es eine an menschlichen Bedürfnissen / Maßen orientierte, und damit auch irgendwie „demokratische“ Architektur geben kann (wobei „demokratisch ja nicht meint,dass sie in einem demokratischen Prozess zustande kam). Ich nehme Scharouns Bauten in Berlin als Beispiele. Die Philharmonie etwa kennzeichnet eine Eingangssituation, die die Besucher in das Gebäude einlädt, anstatt, wie in autoritärer Architektur, sie durch ihre Monumentalität einzuschüchtern und klein zu machen (zu halten). Desgleichen die Lesesaal-„Landschaft“ der Staatsbibliothek, die ein enormes Volumen mit einem Höchstmaß an Benutzerbequemlichkeit und einer wohltuenden Mischung aus Konzentration versus Anregung, schützender Nähe versus beflügelnder Öffnung verbindet. Das Problem heutigen Bauens in Berlin liegt m. E. zu aller erst in einem Verschwinden architektonischen Sachverstandes zugunsten einer Anbiederung an grässlichen Bauherrengeschmack (ich erinnere an Mehdorns Äußerung als damaliger Bahnchef: Als Bauherr seines Eigenheims könne er doch auch über das Badezimmer bestimmen – oder so ähnlich, sinngemäß). Demgegenüber ist die Geschichte der Berliner „Mietskaserne“ eine ausgesprochene Erfolgsgeschichte, von der Modifizierbarkeit des Wohnungsinneren bis hin zur – jedenfalls anfänglichen – Mischung sozialer Schichten als Bewohner (im Vorderhaus der wohlhabende Bürger, weiter hinten Arbeiterfamilien)

    Gefällt 1 Person

  7. genova68 schreibt:

    Danke für den Kommentar und entschuldige die späte Meldung. Demokratische Architektur ist also weniger eine, die mit möglichst viel Mitbestimmung zustande kam, sondern vielmehr eine, die demokratischen Bedürfnissen Raum gibt. Es bleibt allerdings die Frage, wie diese demokratischen Bedürfnisse zustande kommen. Dann orientieren wir uns entweder an schon realisierten Objekten, die wir demokratisch finden oder wir hoffen auf den genius der Architekten. Das ist dann doch problematisch. Wir kommen um den Aspekt der Demokratie vor und während dem Bauprozess nicht herum.

    Mietskasernen: Die Modifizierbarkeit im Wohninneren halte ich zum größten Teil für einen Mythos, der nur für einen Teil der Vorderhäuser gilt. In der Bel Etage hast du große Räume mit Flügeltüren, du kannst also einen Raum noch größer machen oder ihn in mehrere kleine einteilen. Hinten ist es eng und verbaut wie eh und je. Hunderttausende von miesen Grundrissen sprechen da eine deutliche Sprache. Die Nachfolgemieter der Bel-Etage-Wohnungen gehören demnach auch heute zu den Gewinnern, die in den HH und SF weiterhin zu den Verlierern.

    Apropos Badezimmer: Hauseigentümer entscheiden selbstherrlich über die Farbe neuer Anstriche außen und in Treppenhäusern. Das kann zu kackbraun im Treppenhaus führen, das dann die Mieter sich die nächsten 30 Jahre täglich reinziehen müssen. Auch hier existiert das Problem, dass hier ein Vermieter mit einem Maler zusammengearbeitet hat und beide nichts von genius hatten.

    Auf den genius sollten wir uns gerade unterm Vorzeichen der Demokratie nicht verlassen. Aber Demokratie hat auch etwas problematisches, wie wir gerade an der AfD sehen. Es gibt halt dumme Wähler, so wie es auch dummer Bewohner gibt.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.