Architektur und Dogma (10): Der überschätzte Quadrater

Es gibt haufenweise über- als auch unterschätzte Architekten. Zur ersten Kategorie gehört zweifelsohne Oswald Mathias Ungers. Der Mann hielt Quadrate für den letzten Schrei und baut folglich nichts anderes. (Ich nehme sein Frühwerk bis etwa 1980 ausdrücklich aus.) Sowas nennt man in Deutschland „konsequent“ und das mag man hierzulande. Also gilt Ungers als intellektueller Supermann, was ich hier schon einmal erläuterte.

Der Architekturtheoretiker Stephan Trüby – der sich wohl als politischen Linken betrachtet – ärgert sich (Arch+ 214, S. 5):

Wie kann es sein, dass in Deutschland stets die wertkonservative Seite von Ungers betont wird, während der ebenso existente radikale und hypertrophierende Ungers relativiert bis unterschlagen wird? Wie kann es sein, dass sich – außerhalb Deutschlands – so unterschiedliche Charaktere wie Peter Eisenman, Rem Koolhaas und Zaha Hadid wohlwollend bis bewundernd und dankbar gegenüber Ungers äußern, während dessen Erbe in Deutschland fast ausschließelich von erzkonservativen Dortmundern folgenreich in Ehren gehalten wird?

Huch! Ungers ist also einerseits wertkonservativ, andererseits „radikal“ und „hypertrophierend“? Ersteres besagt nichts, vielleicht ist er ja rechtsradikal. Wahrscheinlich meint Trüby: quadrateradikal. Hyptertrophierend muss ich erst nachschlagen und finde heraus, dass das ein medizinischer Begriff ist, der meint, dass ein Organ oder eine Zelle übermäßigt anschwillt oder wächst.

Was will uns Trüby sagen? Ungers ist radikal (auf Quadrate bezogen) und übermäßig angeschwollen und das möge man bitte goutieren?

Lustigerweise zitiert Trüby im selben Artikel die „Lieblingsanekdote“ von Ungers, die sich auf dessen permanente und ausschließliche Verwendung von Quadraten in der Architektur bezieht:

„Ein Flötenspieler begann eines Tages, einen lang gezogenen Ton zu spielen. Als der damit nun an die 20 Jahre fortfuhr, gab ihm seine Frau zu bedenken, dass doch alle anderen Flötenspieler mehrere Töne und ganze Melodien zustande brächten und dass das doch vielleicht abwechslungsreicher sei. Der Flötenspieler aber antwortete, dass es nicht sein Fehler sei, wenn er die Note schon gefunden hätte, nach der die anderen immer noch suchten.“

Geilomat. Das Zitat zeigt lediglich, dass Ungers sich komplett selbstüberschätzte und in seiner Selbstüberschätzung vor allem banal wurde.

Ungers scheint mir für Deutschland das, was Aldo Rossi für Italien ist: Ein Architekt mit einer eher bescheidenen Werkliste und mit einem rabiaten Ordnungssinn, was gerade als deutscher Architekt naturgemäß ziemlich problematisch ist. Und mit der Haltung, als Architekt Künstler sein zu müssen, vermutlich, um den Ordnungssinn zu überwinden, was dann in die Idee des autonomen Architekten mündet, der wiederum nichts zustande bringt, als eine abgeschmackte Idee – das Quadrat – 30 Jahre lang zu wiederholen. Ein Architekt, der intellektuell kaum etwas hervorgebrachte, aber dafür umso mehr genau diesen Eindruck vermittelte.

Sowohl Rossi als auch Ungers waren in die 68er-Diskussionen verwickelt, leisteten ihre Beiträge. Allerdings in eine rechte Richtung, die von Typus, Totalität, Baukunst, Urform und radikaler Verwirklichung des Architekten redete. Bewohner kamen in diesen Überlegungen nur vor, als dass sie bei Rossi im bereits Gebauten drinstecken: Die Komplexität der Gesellschaft ist architekturhistorisch ablesbar – so weit, so banal – und deshalb brauche man keine Partizipation im Bauprozess mehr. Der Typus ist eine Art Gott, der war schon immer da. Eine unselige Argumentation. Es gibt ein interessantes Buch über den Gegensatz dieser Zeit zwischen sogenannter autonomer Architektur und partizipatorischem Bauen (Ingo Bohning: Autonome Architektur und Partizipatorisches Bauen, zwei Architekturkonzepte. 1981). Man sieht an ihm deutlich, wie reaktionär, selbstherrlich, diktatorisch und marktkonform Rossi, Ungers und andere sich präsentierten. All das linke Geplapper diesbezüglich ist Quatsch. Besprechung folgt.

Vielleicht geht diese linke Erzählung so: Ungers wollte quadratische Fenster, das Kapital seinerzeit schon moderne Fensterbänder. Ergo: Ungers ist unbequem. Um Ungers intellektuelle Genialität zu belegen, verweisen dessen Anhänger oft auf das Archipel, einen Plan, den er in den 1960er Jahren für Westberlin entwickelte: Grüne Inseln in der Stadt. Gähn.

Zu Gute halten muss man Ungers, dass er offenbar über Einfluss verfügte. Noch zu Lebzeiten bekam er eine Einzelausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie – aus seiner Architektur heraus nicht begründbar. Vielleicht hatte er einfach connections. Vielleicht ist es auch nur seine Sammlertätigkeit

Der Architekturkritiker André Bideau warf Ungers in seiner 2011 erschienenen Untersuchung über „Bilderzählungen und Identitätsproduktion bei O.M. Ungers“ vor, er habe eine Mitschuld daran, „dass Deutschland nicht mehr an die thematische Innovation anzuknüpfen vermag, die seine Architektur vor 1933 auszeichnete“. Die abgerissene Tradition bis 1933, die vielleicht intellektuell in der Tat bis heute nicht mehr erreicht wurde, ist zu beklagen, aber warum erwartet Bideau Besserung ausgerechnet vom Quadratefanatiker? Ungers wurde und wird zu wichtig genommen, das ist das Hauptproblem. Selbst eine lächerliche Idee wie der Versuch, ein eigenschaftsloses Haus zu bauen, gilt deutschen Theoretikern als geniale Idee. Kaum zu glauben.

Es ist also in Ordnung, wenn nur noch wertkonservative Dortmunder (wer auch immer das sein soll, Fritz Neumeyer vielleicht?) Ungers die Treue halten. Er ist dort gut aufgehoben.

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