Selbstermächtigung gestalten

Jutta Ditfurth bei einer Diskussion in Hamburg über G20 und die Folgen (aus: konkret, 9/17, S. 19)

„Was wir in Berlin am 1. Mai überlicherweise tun, ist, da bin ich ganz offen, man schafft ein Territorium, damit sich Unzufriedenheit, Hass und Wut an einem Tag auch in Form von Randale ausdrücken können. Ich bin keine Sozialarbeiterin, ich finde das einfach politisch legitim. Dass Leute da aus falschen Gründen so was machen, ist zu diskutieren. Aber die Selbstermächtigung und der Kampf um den öffentlichen Raum – mal nicht vom Chef, von den Eltern, vom Lehrer geduckt zu werden, sondern das Gefühl zu haben, diese Stadt gehört zum Teil auch mir -, das ist eine Erfahrung, die ich niemals unterschätzen würde.

An einem Tag ausdrücken können. Dummerweise folgen dann 364 Tage ohne Ausdrücken. Mich wundert, dass Jutta Ditfurth sich damit zufrieden gibt. Gerade der Kreuzberger 1. Mai ist eine mittlerweile nicht nur harmlose, sondern systemaffine und -stabilisierende Veranstaltung. Die Randale und die Vermummten gehören zum Selbstbild des Stadtteils, das unter anderem zur Folge hat, dass die Bodenpreise steigen. Die Fotografen bekommen dynamische Bilder, die Bullen dürfen prügeln, die „Jugendlichen“ irgendwas kaputt machen, und am 2. Mai läuft der Laden wie gewohnt weiter. Diese „Randale“ ist heute ein angenehmer Mehrwert, ein Kitzel, ein bisschen Spannung, denn es könnte ja sonst mit diesen Latte-Leuten langweilig werden, und Langeweile ist schlecht fürs Geschäft.

Der 1. Mai ist keine Selbstermächtigung, sondern Folklore und die Jugendlichen haben eben nur das Gefühl, ihnen gehöre etwas. Von diesem 1. Mai noch etwas zu erhoffen, scheint mir doch recht unüberlegt. Das Kapital jedenfalls lacht sich über das Datum – und vermutlich auch über die Ditfurthsche Haltung – kaputt. Einen Tag die Sau rauslassen hat etwas sympathisches, aber vielleicht sollte man da besser an den Ballermannstrand fahren. Es ist effektiver fürs Individuum.

Man könnte sich einmal die Slogans der letzten zehn 1.-Mai-Demos anschauen und parallel dazu die Entwicklung der Bodenpreise. Na, wer hat da wohl die Sau rausgelassen?

Kaum denke ich mir dies durchs Viertel laufend, fällt mir eine Zeitschrift auf: enorm Stadt heißt sie und ein Blick auf den Titel lässt Schlimmstes vermuten:

Es steckt in diesen sechs Zeilen alles, was es an dümmlicher, aber vielleicht wirksamer aktueller PR gibt. Urbania, gestalten, Leitbilder, Machen, Strategie, Vielfalt, Neues, Kooperation, Veränderung: Das ist das nach wie vor offenbar aktuelle Wording der herrschenden Klasse. Nix mehr Klassenkampf, Kaputtmachen ist da nur Retro, es interessiert niemanden mehr außer ein paar Scharfmacher in der Politik. Natürlich geht es um den verschärften Kampf der herrschenden Klasse gegen den Rest und es ist der Job von Heftchen wie dem da oben und weitesten Teilen der politischen Kaste, die kapitalistischen Verhältnisse als natürliche, als begehrenswerte zu präsentieren. All dieses Orwellsche Geschwätz ist ok, smart, obwohl es doch nur den totalen Ausverkauf jedes noch nicht optimierten Quadratzentimeters bedeuten. Wobei ich mich doch immer frage, ob die Macher solcher Propagandablätter tatsächlich ernst genommen werden. Es ist doch nur peinlich.

Die Redaktion dieser üblen Zeitschrift sitzt übrigens mitten in Kreuzberg, 365 Tage im Jahr. Es steht zu vermuten, dass man dort den sogenannten Krawallen am 1. Mai freundlich gesonnen ist: Ein paar gute Fotos von den unten Vorbeirandalierenden, angestellte Sozialstudien und das sichere Bewusstsein, die entscheidende Nasenlänge voraus zu sein.

(Foto: genova 2017)

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4 Antworten zu Selbstermächtigung gestalten

  1. dame.von.welt schreibt:

    Irgendwie lese ich immer wir in „Was wir in Berlin am 1. Mai überlicherweise tun„?

    Jutta Ditfurth lebt in Frankfurt, eine Stadt, die sie am 1. Mai sehr zu unterschätzen scheint, wenn sie mal wieder in Kreuzberg die Randale legitimiert. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob sie bei regelmäßiger Inbesitznahme ihrer Wohngegend durch eigens angereistes wir und durch die Polizei immer noch das Gefühl hätte, diese Stadt gehört zum Teil auch mir.

    Mir kommt dieses Gefühl am ritualisierten 1. Mai oder beim politisch-polizeylich verordneten Ausnahmezustand 2014 anläßlich der Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule gründlich abhanden, von der Übernahme meiner Heimat durch Neu- und Besserkreuzberger ganz zu schweigen. Das Gefühl, die Stadt gehöre auch mir, kommt mir ebenfalls abhanden, wenn z.B. das Carloft schon bei der kleinsten und niedlichsten Bunte-Haare-Leute-Demo von x Wannen abgeschirmt wird (während alle anderen Bürger für die Intaktheit ihrer Autos und Fensterscheiben auch am 1. Mai selbst zuständig sind) oder wenn x Polizisten den Görlitzer Park mal wieder zu einer unwirtlichen Zone machen. Als wäre hier Bürgerkrieg.

    Aber die Kreuzberger Bürgerkriegsanmutung scheint inzwischen ein beliebtes Marketing-Modul zu sein – schön ist auch die Website der noch humpelnden Nobelherberge am Oranienplatz – die mit Tags verzierte Haustür und Grafitti allerorten dürfen natürlich nicht fehlen. Denen gefiele bestimmt auch das längst geräumte Camp auf dem Platz schräg gegenüber: zur Steigerung von „Willkommen zuhause„.
    Wir Statisten werden aber überlicherweise bezahlt.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für die Werbung des Kreuzberger Hotels. Das ist schon professionell gemacht, aber eben genauso lächerlich wie die urbane Zeitschrift. The Orania.Berlin Experience. Die vier Chefs werden auch zeitgemäß vorgestellt :-)

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  3. andi schreibt:

    ersteht man die Ditfurthsche richtig, dass diese Art „Ermächtigungserfahrung“ eine ausreichende politische Legitimation für Sachbeschädigungen mit Tourismusfaktor darstellt? Das ist doch bestenfalls politischerer Karneval als im Rheinland mit ein wenig mehr Nervenkitzel für die aktiven Karnevalist*innen…

    Wer sagt diesen älter werdenden „neuen Linken“ von einst, dass die 1980er vorbei sind? In luzideren Momenten erkennt Ditfurth diese Tatsache durchaus an, aber in diesem Zitat verfällt sie scheinbar den von ihrer Generation maßgeblich mit erschaffenen Protestritualen.

    Bisweilen zweifele ich am Verstand so mancher Akteure der linken Szene, wenn man nach fast 40 Jahren Sachbeschädigungspolitik immer noch nicht gemerkt hat, dass diese Politikform manchmal kontraproduktiv ist.

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  4. genova68 schreibt:

    Ditfurth freut sich wohl, wenn es irgendwie kracht.

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