„… immer auf dem bekannten Wege“

Goethe berichtet in der Italienischen Reise über seinen abendlichen Aufbruch am Brenner mit der Kutsche Richtung Süden:

Ich packte ein und um sieben fuhr ich vom Brenner weg. Wie ich gehofft hatte, ward die Atmosphäre Herr der Wolken und der Abend gar schön. Der Postillon schlief ein und die Pferde liefen den schnellsten Trab bergunter immer auf dem bekannten Wege fort, kamen sie an ein eben Fleck ging´s desto langsamer, er erwachte und trieb und so kam ich sehr geschwind zwischen hohen Felsen, an den reißenden Etschfluss hinunter […] So leid es mir tat, diese interessanten Gegenden, mit der entsetzlichen Schnelle, (die Postillon fuhren dass einem oft Hören und Sehen verging)…

Bemerkenswert: Der Postillon schlief ein, die Pferde wussten, wohin sie traben mussten. Es erinnert an die heutige Diskussion über das selbstfahrende Auto, die also so neu nicht ist. Damals hatte sozusagen der Motor die Software der Wegerkennung schon eingebaut, ein lebendes Navigationsgerät namens Pferd. Heute muss man das der toten Maschine mühsam und mit viel Intelligenzaufwand einpflanzen.

Ein skurriles Bild sicherlich: Die Kutsche fährt mit einem schlafenden Kutscher und vielleicht auch schlafenden Gästen durch die stockdunkle Nacht. Hohe Felsen, tiefe Abgründe, ein reißender Fluss, keine Leitplanken und alle schlafen. German Angst scheint damals noch kein Thema gewesen zu sein. Der Kutscher wacht nur auf, wenn das Tempo nachlässt, treibt die Pferde an und schläft, wenn das gewünscht hohe Tempo erreicht ist, wieder ein.

Mit hohem Tempo waren 20 oder 30 Stundenkilometer gemeint, eine entsetzliche Schnelle. Geht man von der Fußgängergeschwindigkeit aus, ist das sicher richtig und jeder Radfahrer weiß, dass man bei dieser Höllengeschwindigkeit die Details am Wegesrand nicht mehr wahrnimmt.

Allerdings macht Goethe den auch heute noch beliebten Fehler, nachts zu reisen. Seine Beschwerde darüber, dass er die Gegend nicht wahrnimmt, ist nicht sonderlich glaubwürdig.

Topographie, Dynamik, Raumerfahrung sind immer … fade out

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2 Antworten zu „… immer auf dem bekannten Wege“

  1. philgeland schreibt:

    Amüsante Lektüre. Vor allem das Detail des schlafenden Kutschers. Wo Pferde den Weg kennen, sind Kutscher nicht nötig – und Software schon gar nicht.

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  2. genova68 schreibt:

    Pferde haben das eingebaut, was wir heute mühsam programmieren müssen. So wie die Hand das beste Werkzeug ist. Aus heutiger Sicht eine Leistung, mit dem Pferd von Thüringen bis nach Neapel zu reisen.

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