Kurze Bemerkungen über das, was man sieht, wenn man hochguckt

Doch was Tag sei, wissen wir Kimmerier kaum. In ewigem Nebel und Trübe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wieviel Zeit können wir uns nter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergötzen?

Das schreibt Goethe in seinen Aufzeichnungen der Italienischen Reise über uns, Kimmerier, die nie von der Sonne beschienen werden. Die norddeutsche Katastrophe schlägt dieses Jahr wieder einmal unbarmherzig zu und beschert, wie man sagt, uns Novembergrau im August.

Die norddeutsche Katastrophe besteht darin, dass es zwei Jahreszeiten gibt: neun Monate Winter und drei Monate Regen. Wir leben in einer eigentlich unbwohnbaren Gegend. Wohnen läuft hier auf dem Level ab, auf dem sich auch das Essen abspielt: Man wird satt. Das wusste auch Goethe und es befiel ihn große Schwermut, als er in Italien spürte, dass es eine große Scheiße ist, zurückzukehren. Die meisten Deutschen machen aus der Not eine deutsche Tugend und loben den Nieselregen.

Oder argumentieren wie Thomas Mann rassistisch: Die Hitze macht die Menschen dumm, deshalb kann man die Italiener sowieso nicht Ernst nehmen, sie taugen nur zum Knabenficken. Es ist faszinierend zu lesen, wie ein Lübecker Küstenschrat das Paradies vor Augen hat und dennoch die Hölle bevorzugt. Die erfahrene Abweisung ist sozialisiert, der norddeutsche Dauernieselregen schon längst stockholmsyndrommäßig akzeptiert. Und dann kommt plötzlich die Sonne. Nicht auszhalten.

Vier Wochen Nebel und Trübe im November sind gut, diese Indifferenz von Tag und Nacht, die einen ins Ich versinken lässt, ohne Ablenkung. Leider ist das ist hier der Normalzustand. Die neun Monate Winter stehen schon wieder vor der Tür, kaum dass man im Mai den Schal weggepackt hat. Schlimmer noch: Jeder Sonnenstrahl verursacht Unruhe, weil man weiß, es könnte der letzte für viele Monate sein. Man muss dann raus und ihn nutzen, ohne Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten.

Ich schätze, wir haben das instabile Wetter durch stabile Technik ersetzt: Mercedes als Ausgleich für die meteorologische und im übrigen naturgemäß auch kulturelle Katastrophe, die sich Deutschland nennt.

Zum Trost: Ich habe gehört, dass es in Dänemark noch übler sein soll.

(Foto: genova 2017)

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3 Antworten zu Kurze Bemerkungen über das, was man sieht, wenn man hochguckt

  1. altautonomer schreibt:

    Der Winter wirft seinen langen Schatten voraus. EDEKA in Kulmbach bietet bereits Weihnachstlebkuchen an. Die Kastanien werfen seit einer Wochze hier im Ruhrgebiet die Blätter ab. (Kastanien sind nicht dabei. Ein später Frost im Mai hat die Blüten zerstört.)

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  2. besucher schreibt:

    Dafür wird das Grau am 24. September durch eine farbenfrohe Rautenerscheinung aufgehellt.

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  3. genova68 schreibt:

    altautonomer,
    das sind keine Weihnachtslebkuchen, das ist das bekannte und beliebte fränkische Spätsommergebäck, das in Kulmbach angeboten wird. Dieses fetthaltige Gekrümel braucht man jetzt in Franken, weil der Winter dort bereits im September beginnt. Ich bitte um mehr Verständnis für regionale Besonderheiten.

    besucher,
    danke für den Hinweis. Ich freue mich schon, wenn durch Frau Merkel der Winter keine Chance mehr hat.

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