Vom vollen Boot, vom Berliner Weltklima und vom Totalversagen

Zwei Meldungen, die das doppelte Desaster Berlins gut beschreiben.

Erstens berichtet Laura Weissmüller in der Süddeutschen Zeitung, dass die offiziellen Wohnungsbauzahlen der Überprüfung nicht standhalten: Vergangenes Jahr wurden offiziell 8.200 Wohnungen geplant, aber nur 900 befanden sich im Bau oder wurden fertiggestellt.

Die Zahl ist alarmierend. Tausende von bezahlbaren Wohnungen würden in Berlin nicht gebaut. Unzählige von großen Neubauprojekten lägen auf Eis oder seien gestoppt. Warum? Weil Anwohner protestieren – und die Regierenden sich aus der Verantwortung stehlen.

Bei jeder zweiten innerstädtischen Baulücke, die bebaut werden soll, hängen die Nachbarn Transparente an ihre Balkone, die fordern, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Sicht würde versperrt und überhaupt. Ein Berliner Architekt begründet das skurril:

Die Anwohner seien oft nicht darauf vorbereitet, dass sich in ihrer direkten Umgebung etwas verändern soll. „Klar, dass die Angst haben“, sagt Köhl.

Klar: Vor einem neuen Haus muss man Angst haben, was auch sonst. Vermutlich german angst. Andererseits ist es bei Quadratmeterpreisen von 4.500 Euro aufwärts nachvollziehbar, dass sich die Euphorie in Grenzen hält.

Die zweite Meldung besagt, dass die neue Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher von den Linken nun eine Anweisung erlassen hat, die an Schilda denken lässt – oder eben an ein typisch berlinerisches Phänomen:

„Es erfolgt grundsätzlich kein Rückschnitt von Straßenbäumen oder deren Fällung, um den 2. Rettungsweg für den Neubau (Dachgeschossausbau und Lückenschließung) planmäßig zu ermöglichen“.

Wer also ein Haus bauen will und dafür einen Straßenbaum beschneiden muss, bekommt keine Baugenehmigung. Da in Berlin praktisch überall Bäume stehen, wird auch kein Haus mehr gebaut.

Nun ist es möglich, dass Lompscher mit dieser Regelung eigentlich die Schaffung günstigen Wohnraums ermöglichen will, denn ein Zusatz der Anweisung besagt:

„Wird in vorhandenen Baulücken aber preiswerter Wohnungsbau realisiert, sollen die Bezirke im Einzelfall durch Baumrückschnitt die Erreichbarkeit der Feuerwehr-Drehleiter ermöglichen“.

Dummerweise ist nirgendwo erkennbar, dass günstiger Wohnraum überhaupt gebaut wird. Geredet wird darüber seit zehn Jahren täglich, nur: Es passiert nichts. Man muss über Gebühr optimistisch sein, zu glauben, dass die Linke, die es zugelassen hat, dass der einzig kompetente Mitarbeiter in ihren Reihen – der Wohungsexperte Andrej Holm – geschasst wurde, an diesem Problem grundsätzlich etwas ändert.

Es wäre an einer linken Partei, die man ernst nehmen kann, dass sie das Problem der Verwertung von Boden grundsätzlich anspricht, auf Landes- und auf Bundesebene. Den Wahlkampf könnte man dazu nutzen, wenn man das Thema überhaupt auf dem Schirm hätte.

In Berlin trifft die Anweisung in den pseudoökologischen Milieus, die via angeblichem Naturschutz ihre unsolidarische Haltung verwischen, sicher auf Zustimmung. Folgerichtig begründet Lompscher ihre Anweisung mit „Berliner Zielen zum Umwelt- und Klimaschutz“. Berlin hat ein Problem mit zu vielen Bäumen, die alle Gehwege aufreißen und Wohnungen verdunkeln, nicht mit zuwenig. Zu meinen, ein paar weniger Straßenbäume würden das Weltklima gefährden: Wie muss man mental beschaffen sein, um so zu argumentieren? In die neoliberale Mangel genommen, vermutlich. Verlernt, in Zusammenhängen zu denken. Davon abgesehen wird sowieso für jeden gefällten Baum in der Nähe ein neuer gepflanzt.

Der Tagesspiegel kommentiert in dem Zusammenhang übrigens bemerkenswert und wird deshalb demnächst sicher vom Verfassungsschutz wegen linksextremistischer Umtriebe beobachtet:

Natürlich ist es richtig, dass der Staat den Markt bändigt, wenn eine Minderheit auf der Jagd nach Renditen den Gemeinsinn zusammen mit dem Bauschutt ihrer Luxusmodernisierungen entsorgt. Genau das geschieht zurzeit in Berlin, wo Menschen mit Freude an der Spekulation skrupellos an der Wohnungsnot verdienen. Diese Leute treiben Bürger in existenzielle Not, nur weil jene vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben und eben kein Kapital haben, das für sie arbeitet.

Das zu stoppen, mit Regulierungen den für sich genommen asozialen Markt zu bändigen, das ist richtig.

Der asoziale Markt: Na, na, rote Karte. Wenn ich das schreibe, bin ich laut FAZ-Alfons ein umstürzlerischer Linksextremist. Der Tagesspiegel als Zentralorgan der KPD und keiner merkt´s.

Die Grünen in Kreuzberg sagen jetzt ganz offen, dass sie überhaupt keine Neubauten mehr wollen, da der Bezirk schon so wahnsinnig verdichtet sei. Übermäßig verdichtet ist in Berlin gar nichts, es gibt Platz in Hülle und Fülle. Man müsste nur bauen.

Oder genauer: Man müsste die systemische Logik dechiffrieren, wonach das Kapital günstigen Wohnraum verhindert. Der Begriff der Enteignung fällt leider viel zu selten. Man bedenke bei alldem, dass die Diskussion über Gentrifizierung seit mehr als zehn Jahren intensiv läuft. Und dass sich in diesem Zeitraum alle Parteien permanent für mehr günstigen Wohnraum aussprechen. Die reale Entwicklung führt ins Gegenteil. Es ist auf der einen Seite kaum zu glauben, auf der anderen für die hiesige Realdemokratie normal, dass das Totalversagen der Politik zu keinerlei Konsequenzen führt.

Das Fazit des Tagesspiegels in Bezug auf die linke Verweigerungspolitik ist diskussionswürdig:

Das Boot ist voll, hieß es mal – am rechten Rand.

Man kümmert man sich um Baumbeschnitt und schert sich einen Dreck um soziale Belange. Das Plebiszit über den Flughafen Tempelhof seinerzeit war diesbezüglich schon ein klares Statement: Die Politik will die totale Verwertung des Bodens, das Volk will als Reaktion keinerlei Veränderung.

Die simple Lösung – ein paar hunderttausend günstige Wohnungen bauen und jede Altbaumiete über fünf Euro verbieten – liegt auf der Hand. Darüber, dass und warum man in Berlin den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, könnte man nun sinnieren.

(Foto: genova 2017)

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6 Antworten zu Vom vollen Boot, vom Berliner Weltklima und vom Totalversagen

  1. dame.von.welt schreibt:

    Angesichts dieser Entwicklung ist es mir fast egal, auf welche Weise der Ausbau von Dachböden zu Luxuswohnungen gebremst und mit was das begründet wird – Hauptsache, es wird überhaupt gebremst. Denn voraussichtlich findet die 5-Euro-Revolution nicht ab Montag nächste Woche 12h30 statt, so traurig das auch ist.

    Die Grünen in Kreuzberg sagen jetzt ganz offen, dass sie überhaupt keine Neubauten mehr wollen, da der Bezirk schon so wahnsinnig verdichtet sei. Übermäßig verdichtet ist in Berlin gar nichts, es gibt Platz in Hülle und Fülle. Man müsste nur bauen.

    Wo genau ist Kreuzberg oder irgendein anderer Teil der Innenstadt nicht verdichtet? Berlin ist nach München die Stadt mit den meisten Einwohnern pro Quadratkilometer in Deutschland.

    Berlin hat ein Problem mit zu vielen Bäumen, die alle Gehwege aufreißen und Wohnungen verdunkeln, nicht mit zuwenig.

    Berlin hat ein Problem mit unsachgemäßem oder gar keinem Baumschnitt und mit zu wenig Reparaturen an Geh- und Radwegen, nicht mit zu vielen Bäumen. Mit weniger Bäumen wäre die Luft noch schlechter und es wäre noch heißer. Als nächstes klagen Sie noch über böswillig abgeworfenes Laub, nein?

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  2. genova68 schreibt:

    Nicht jeder Dachausbau zieht eine hohe Miete nach sich, zumindest nicht zwangsläufig. Und Dachausbau ist doch grundsätzlich eine gute Sache.

    Es gibt in Kreuzberg viele Baulücken, gerade im nordwestlichen Teil. Aber es stimmt schon, Kreuzberg ist natürlich relativ dicht besiedelt.

    Noch heißer kann es nicht werden, dazu müsste es erst einmal heiß sein. In Berlin ist neun Monate Winter und drei Monate Regen.

    Ich bin da Außenseiter, aber Straßen, die mit Platanen vollgestellt sind und in denen es immer dunkel ist, finde ich ein Graus. Dauerdunkle Wohnungen. Man könnte ja kleine Bäume pflanzen, die nicht höher als drei Meter wachsen. Aber diese Urwaldungetüme überall, da wäre doch ein massiver Kahlschlag ganz nett. Es wäre befreiend, Häuser zu sehen statt immer dieses Grünzeugs.

    Ganz privatistisch betrachtet finde ich volle Städte ohne Grün mit viel Autos ganz angenehm. Kairo oder ähnliches. Es muss im Sommer heiß sein, der Teer muss aufweichen, barfusslaufen muss wehtun und es muss nach Benzin und Diesel riechen. Aber diese Haltung ist wohl sozialisationsbedingt.

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  3. neumondschein schreibt:

    Es gibt in Kreuzberg viele Baulücken, gerade im nordwestlichen Teil. Aber es stimmt schon, Kreuzberg ist natürlich relativ dicht besiedelt.

    Noch heißer kann es nicht werden, dazu müsste es erst einmal heiß sein. In Berlin ist neun Monate Winter und drei Monate Regen.

    Ich bin da Außenseiter, aber Straßen, die mit Platanen vollgestellt sind und in denen es immer dunkel ist, finde ich ein Graus. Dauerdunkle Wohnungen. Man könnte ja kleine Bäume pflanzen, die nicht höher als drei Meter wachsen. Aber diese Urwaldungetüme überall, da wäre doch ein massiver Kahlschlag ganz nett. Es wäre befreiend, Häuser zu sehen statt immer dieses Grünzeugs.

    Yo. Weg mit dem Grünzeug! Parkhäuser in die Baulücken! Jetzt! Baulücken gibt es doch genug!
    Aber zum Glück gibt es Berlin-Marzahn. So bekommt jeder Berliner, was er begehrt. Die Latte-Macchiato-saufenden Grünwähler einen Stellplatz für das Auto unter einer Platane, damit sich der Fahrgastraum nicht so aufheizt. Und der im Herbst schön aussieht wegen der bunten Blätter und ebenso bei Neuschnee. Wo Platanen in den 9 Monaten Winter Wohnungen nicht verdunkeln, weil die Blätter abgefallen sind, und im Sommer Schatten spenden, weil die Blätter noch dran sind. Und für exportabel-genva gibt es einen ganzen Stadtteil mit dauerhaft günstigen und auf lange Sicht stabilen Mieten, wo Architekten sich austoben dürfen, ohne von Grünwählern dabei gestört zu werden.

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  4. genova68 schreibt:

    Und für exportabel-genva gibt es einen ganzen Stadtteil mit dauerhaft günstigen und auf lange Sicht stabilen Mieten, wo Architekten sich austoben dürfen, ohne von Grünwählern dabei gestört zu werden.

    Ich soll hier subtil nach Marzahn abgeschoben werden. Das muss ich noch überdenken, bevor ich zustimme.

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  5. dame.von.welt schreibt:

    Ich bin da Außenseiter, aber Straßen, die mit Platanen vollgestellt sind und in denen es immer dunkel ist, finde ich ein Graus.

    Wie gesagt, das liegt nicht an den Platanen, sondern am fehlenden Baumschnitt. Gerade Platanen kann (und sollte man) bis zu den Hauptästen zurückstutzen, dann geben sie im Sommer Schatten und sehen im Winter toll aus.

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  6. genova68 schreibt:

    Geilomat, solche Bäume lasse ich mir gefallen. Sieht aber eher nach Kunst denn nach Natur aus.

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