Von Rom und von der Marke Rom

Der meist kluge Thomas Steinfeld berichtet in der Süddeutschen Zeitung (19. Juli, S. 9) von den immer massiver werdenden Touristenströmen in manchen italienischen Städten (vor allem wohl Venedig, Florenz, Rom und die bekannten Verdächtigen in der Toskana) und über die Versuche von Politikern, dagegen vorzugehen. Der italienische Tourismusminister Dario Franceschini beispielsweise will die Ströme „auf nicht minder interessante, aber weniger bekannte Orte umlenken“.

Steinfeld schreibt nun, der Minister

will offenbar nicht wissen, in welchem Maße der Tourismus nicht von Neugier und Entdeckerfreude vorangetrieben wird, sondern denselben Gesetzen des Kapitals gehorcht, die Turnschuhe in Nikes und Sonnenbrillen in Ray Bans verwandeln.

Man müsste also

Marken zerstören, mit Absicht, um etwas gegen diesen Zentralismus zu unternehmen. So etwas aber ist noch nie geschehen, und es wird auch nicht geschehen.

Das ist natürlich richtig. Man fährt nicht nach Rom, um zu entdecken, sondern um genau das zu vorzufinden, was man vorher im Netz, in der virtuellen Welt, gesichtet hat. Es geht nicht um Überraschung, es geht um Bestätigung und Abhaken.

Vielleicht muss man aber nicht die Marken zerstören, sondern nur ihre geographische Verortung ändern. Der Dom von Florenz, der Canal Grande, der Markusplatz, drei oder vier Geschlechtertürme, Petersdom, Spanische Treppe und Piazza Navona: Das alles irgendwo auf die grüne Wiese, wie man sagt, gepackt, dazu direkt daneben ein Flughafen plus Hotels und All-Inclusive-Anlagen zum Entspannen nach anstrengenden Tagen in der Stadt.

Da der Marke Authentizität nur als gespiegelte, als wahrgenommene wichtig ist, ist es egal, wo sich die Gebäude befinden und wann sie gebaut wurden. Die sieben Hügel Roms lassen sich anderswo aufschütten, die Trajanssäule aus Pappe sieht sicher auch gut aus und solange google maps mitspielt, schöpft niemand Verdacht. Die paar wenigen, die sich ernsthaft für Städte interessieren, könnten ihrem Interesse wieder ungestört nachgehen.

Wobei sich dann die Frage stellen würde, inwieweit die Touristenströme nicht schon längst zu San Gimignano gehören, also auch authentisch im eigentlichen Sinn sind. Städte als geballte Zusammenkunft von Menschen sind immer das, was ist. Jede Form der Konservierung ist der Beginn ihres Todes.

Man kann die Marke nicht zerstören, aber der Marke Venedig ist der Tourist seit langem inhärent. Die Touristenmassen am Trevibrunnen gehören zu ihm, zumindest aus Touristensicht. Die Touristen besuchen die Marke, weil vor ihnen Millionen Touristen genau dasselbe gemacht haben. Stünde am Trevibrunnen nur ein Tourist, er würde sich schnell entfernen: Hier gibt es nichts Interessantes. Es geht ums Dabeisein, nicht ums Interesse.

Im digitalen Zeitalter sollte das alles möglich sein. Authentizität heute ist die von Casting Shows, die Marke muss alle möglichen Versprechen halten, aber nicht das, echt zu sein. Die Chinesen sind da wohl am unempfindlichsten. Hauptsache, es sieht irgendwie alt aus.Es geht um Emotion, nicht um Gefühl.

Und die nicht minder interessanten, aber weniger bekannten Orte müssten sich um all diese Fragen gar nicht kümmern.

(Foto: genova 2016)

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Eine Antwort zu Von Rom und von der Marke Rom

  1. Marian Schraube schreibt:

    Der Artikel Steinfelds in seiner ganzen Pracht ist mittlerweile auch online, und mir gefällt daraus ein Satz besonders: „Mehr noch als der Tourismus als solcher stört offenbar der Tourismus in seinen proletarischen Varianten.“ Darin kommt ein grundlegendes Missverständnis zum Tragen. Die Billigheimer sind keineswegs Proletarier, sondern Schnäppchenjäger und die haben zumeist den Luxus der Wahl. Auch im persönlichen Verhalten hätten sie das.

    Venedig? 2014 haben rund 3.400 Kreuzfahrtschiffe 1,75 Millionen Passagiere in Marghera ausgespuckt. Der Hafen ist erster Home Port im Mittelmeer und will es bleiben. Dazu kommt ein neuer Bürgermeister, der das erst recht nicht einschränken, sondern aufs Festland umleiten will, indem er sich ein Disney-Land (nach dem Vorbild von Paris) in der Nähe des Flughafens Tessera vorstellt. Die Tendenz, die Lagunenstadt nicht etwa zum Themenpark, sondern zum Freilichtmuseum umzugestalten (ein bissi Rothenburg ob der Tauber, nur größer und geschichtsträchtiger), ist ungebrochen.

    Rom ist völlig anders. Hier verlaufen sich die Touristen auf einem der größten Gemeindegebiete Europas, von Ostia bis zu den Castelli, von den Stadtmauern bis nach Tivoli und Frascati. Hier geht es um das „Bel Paese“ an sich und damit den „Verfall der Sitten“, den schon das Bad der Ekberg im Trevibrunnen und in Fellinis „Dolce Vita“ als Narrativ ins fimmernde Licht rückten. Hier sind Plätze, „wo viel Mädchen sich finden“, wie schon Ovid schrieb, und nicht nur an einer Treppe, die im Deutschen spanisch genannt wird, sondern in Trastevere genauso wie in Brancaccio.

    Kann man solche Situationen also überhaupt vergleichen? Tourismus- habe ich, bis sie dann zu Geschäftsreisen wurden, praktiziert als vom Rand herangegangen: Außerhalb gelegene Unterkunft, Bus, Bahn, Tram nutzen wie die meisten anderen Pendler, schauen wo Arbeiter und Angestellte um die Mittagszeit zum Essen hingehen. Das wird nie zu machen sein für jene Reisen „10 Europäische Städte in 9 Tagen“. Das ist dann wie in einer deutschen Metzgerei: 20 Sorten und zum Schluss heisst es dann doch: „Geben Sie mir bitte 200 Gramm gemischten Aufschnitt.“

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