Ästhetik des Widerstands

Attraktive Bilder in der Printausgabe des Stern letzter Woche, es geht um die G20-Randale. Man  bemerkt deutlich die Diskrepanz zwischen den Bildern und dem Text. Während die Autoren versuchen, den Schrecken, das Entsetzen über die Plünderungen zu vermitteln, zeigen die Fotos unverblümt, wie man sagt, das Fazinierende an der Geschichte. Drahtige junge Menschen, schwarz gekleidet, kein Gramm Fett zuviel, schöne Frauen waren auch dabei, coole Sonnenbrillen, unkontrolliert und selbstkontrolliert, entschlossen: Da hält man gerne drauf. Die Bilder vermitteln etwas Faszinierendes, etwas Nachahmenswertes, da kann der Text noch so alarmierend daherkommen.

Das mediale Alarmgeschrei gehört in der Aufmerksamkeitsökonomie wohl dazu. Wie oft schrieben Journalisten in den letzten Wochen sinngemäß den Satz „Hamburg wurde verwüstet“?

Und es sind alle zufrieden: Die Rechten malen die linke Gefahr an die Wand, die Polizei und der Innenminister fordern schärfere Gesetze, die Glaserinnung macht Überstunden, Journalisten haben was zum Schreiben, Fotografen was zum Fotografieren und alle was zum Gucken.

Das Authentische, das Unkontrollierte, das Aktive, das Sich Einbringen, das Emotionale ist das, was die neoliberale Ideologie von jedem fordert. Der dahinterliegende Antrieb, die maximale Verwertung des Werts, wird in der Regel verschwiegen, insofern entsteht in den Bildern keine Diskrepanz. Neoliberale Psychopolitik, wie sie Byung-Chul Han in seinen Büchern beschreibt, also die freundlich daherkommende totale Aktivierung des ökonomischen Potenzials der Menschen, ist mit der Randale in guten Teilen in Einklang zu bringen. Effektiver als Systemkritik wäre vermutlich, sich während G 20 zu hunderttausenden auf die Straßen zu setzen und zu kiffen. Einfach nichts zu tun. Es wäre die Maximalstrafe für ein unablässig gierendes System.

Vielleicht kann man sagen, dass wir in Hamburg die große, die totale Koalition erlebt haben: Erlebnishungrige Menschen, affektives Ausleben und Abreagieren, um danach wieder zu funktionieren, prügelfreudige Polizisten, aufmerksame und dankbare Beobachter und Politiker, die ihren Rollen gerecht werden können. Und naturgemäß nichts, was nach vorne weisen könnte.

Alles im Lot.

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4 Antworten zu Ästhetik des Widerstands

  1. dame.von.welt schreibt:

    Doch, es gab etwas, das nach vorne weisen könnte:

    Kunst kommt … zur Entfaltung, wenn sie ein Gefühl dorthin schickt, wohin Gedanken nicht gelangen“ (das auch zur gestrigen Unterhaltung über Religion/Ideologie)

    Btw: 1000Gestalten brauchen noch gut 6.000€ bis zur Kostendeckung.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, das war eine schöne Sache. Danke für den Hinweis. Da spende ich gerne.

    Das Video erinnert mich an das hier, sieht wie eine Weiterentwicklung aus:

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Ich dachte immer, Genovas Sprüche wie „Es läuft“ und „Es ist alles im Lot“ wären eben nur flapsige Sprüche, aber vor kurzem konnte ich bezeugen, wie zwei Hipster Frauen um die 35 sich verschwörerisch mit der Formel „‚S is gut wie’s is“ („Es ist gut wie es ist“) verabschiedeten. Sie schauten sich dabei mit Blicken an, in die ich „Uns geht es gut und so soll es bleiben, scheiß auf den Rest der Welt.“ hineininterpretierte. Seitdem fallen mir vermehrt Werbebotschaften wie „Es ist schön, wenn etwas Gutes auch gut bleibt“ und so ähnlich auf.

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  4. genova68 schreibt:

    Es freut mich sehr, dass deine Lebenspraxis, lieber Hannes, mit meiner Blogpraxis übereinstimmt. Das Leben ist unstimmig genug. Mir beispielsweise reicht es völlig, wenn ich ausschließlich und ständig Blogartikel über die neoliberale Barbarei veröffentliche. Das ist in sich stimmig und beruhigend.

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