Vintage Lifting

So sieht es in gentrifizierten Stadtvierteln aus, wenn keine Autonomen in der Nähe sind. Wobei das eigentlich ok ist. Wer hässlich ist, lässt sich liften, und wer im Neoliberalismus verständlicherweise das Grausen vor der Gegenwart und der Zukunft bekommt, kauft sich Vintage-Krempel.

Gentrifizierung als Begriff lenkt vom eigentlichen Problem ab. Nicht Feinschmeckerlokale und teure vegane Restaurants sind ein Problem, sondern einzig der schmarotzende Kapitalismus und der schmarotzende Kapitalist. Die perverse Verwertung des Werts via Ausbeutung. Die Gewaltfrage liegt auch hier auf der Hand, aber nicht auf dem Niveau des Kapitals und dem des Kleinbürgertums. Das peinliche mediale Geplapper der vergangenen Tage über „Hamburg“, wie man sagt, zeigt nur die Debilität der öffentlichen Debatte. Die liberale Zeit schießt naturgemäß den Vogel ab, wenn sie argumentatives Scheinverständnis für die Krawallmacher aufbringt, um am Ende natürlich alles in die Affirmation des Bestehenden münden zu lassen. Ein paar Seiten weiter schreibt der so sympathische wie banale (ja, Banalität kann sympathisch sein) Chefrededakter Giovanni die Lorenzo in einer Ankündigung:

„Ich freue mich auf die neu konzipierte Kunstmarktseite, die von nun an jede Woche im Wirtschaftsteil der Zeit erscheint!“

Im Teaser des Artikels heißt es gar:

Giovanni di Lorenzo über seine Begeisterung für den Kunstmarkt

Wir leben in Zeiten, in denen auch der Chefredakteur sich prostituieren muss, d.h. seine Seele verkaufen. Er muss im Neoliberalismus naturgemäß vom Kunstmarkt (und bei Bedarf von jedem anderen „Markt“) „begeistert“ sein. Wobei di Lorenzo vermutlich tatsächlich glaubt, dass er jetzt vom Kunstmarkt begeistert ist. Vielleicht meint er damit auch nur, dass er sich auf die impressionistischen Nackten einen runterholt.

Gewalt und System: Ich erinnere mich an die Diskussionen vor 30 Jahren, als es um die WAA in Wackersdorf ging. Während in einer Veranstaltung Linke lange hin und her überlegten, was diesbezüglich geht und was nicht, meinte ein ortsansässiger Bauer sinngemäß: „Wenn mich ein Polizist am Arm packt, dann wehre ich mich. Was denn sonst?“

Die tägliche Gewalt, die vom Kapital und seinen Lakaien ausgeht, muss natürlich thematisiert werden. Gentrizifierung ist der erklärte Krieg der herrschenden Klasse an den Rest. Neoliberalismus ist, wenn der Rest den Krieg nicht wahrnimmt.

Kleine Läden zu plündern ist absurd. Die kapitalistische Gewalt unbeantwortet zu lassen, ist es auch.

(Foto: genova 2017)

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