Der Penis ist Schuld am Klimawandel und andere Fragen des Überlebens

Das behaupten Forscher in einer Studie, schreibt der Spiegel. Besser gesagt: Forschern ist es gelungen, einen Nonsens-Artikel in einer Fachzeitschrift zu platzieren. Es ist nicht das erste Mal:

Vor 21 Jahren schaffte es der Physiker Alan Sokal, eine Unsinnsstudie im Fachmagazin „Social Text“ unterzubringen. Sie sollte vorgeblich die „Quantengravitation als linguistisches und soziales Konstrukt deuten“, war jedoch wohlüberlegter Quatsch. Den Gutachtern war nicht aufgefallen, dass der Aufsatz keinen Sinn ergab. Die Sokal-Affäre löste eine jahrelange Debatte über die Qualität geisteswissenschaftlicher Studien aus.

Ich will nicht diese Sokal-Geschichte wieder aufrollen. Ich habe nur kürzlich ein Buch gelesen, das „Architektur und Dekonstruktion: Derridas Phantom“ heißt, geschrieben von dem Architekturtheoretiker Mark Wigley. Es stand über 20 Jahre in meinem Bücherregal und harrte der Dinge. Nach der Lektüre weiß ich zweierlei: Erstens geht es in dem Buch nicht um Architektur, sondern um Philosophen, die architektonische Begriffe benutzen. Zweiten besteht das Buch zum allergrößten Teil aus sinnfreiem Geschwafel. Sokol hätte es nicht besser hinbekommen.

Wigleys Thema an sich ist vielleicht interessant, aber nicht sonderlich ergiebig: Philosophen sprechen von Gedankenfundamenten, von Strukturen, Gerüsten, von schiefen oder stabilen Denkgebäuden, von Konstruktionen und so weiter. Darüber könnte man einen Artikel im Feuilleton schreiben, fertig. Die Analogien sind offensichtlich und nicht besonders erklärungsbedürftig.

Wigley macht auf 170 Seiten (die unverständlicherweise der renommierte Birkhäuser-Verlag veröffentlicht hat) das, was man als trendy Dekonstruktivist gerne macht: Man kümmert sich nicht um den Text, weil das einzig Interessante ja der Subtext ist. Und den soll bitte der Leser entschlüsseln. Man schreibt also möglichst viel raunerisches Zeugs und hofft, dass irgendwer da schon etwas finden wird. Als Vorbild dient der große Meister Derrida.

Der erste Absatz des Buches reicht eigentlich schon:

Was bleibt von der Dekonstruktion für die Architektur? Welche Überreste sind nur in der Architektur auffindbar als letztem Ruheplatz von Dekonstruktion? Die Frage der Übersetzung ist schließich immer eine Frage des Überlebens. Kann Dekonstruktion die Architektur überleben?

Und so weiter und so fort. Jeder Satz ist sinnlos, kitschig, pathetisch, hohl. Vermutlich ist das den überzeugten Lesern egal, denn es geht nicht um Sinn, sondern um Sound. Früher gab es den Adorno-Sound, der immerhin in weiten Teilen doch Sinn ergibt, wobei auch Adorno nicht davor gefeit war, selbstverliebten Blödsinn zu schreiben. Der Sound der französischen Postmodernen ist legendär, und vielleicht kann man sich in dem Sound wühlen und wohfühlen. Allerdings sollte man das Ganze dann unter Belletristik laufen lassen und mit den entsprechenden Kategorien kritisieren.

Ich werde mit zunehmendem Alter immer empfindlicher, wenn Leute, die Bücher schreiben, sich nicht für die Kommunikation interessieren. Entweder ich schreibe etwas auf und lege das in meine Nachttischschublade. Dann ist es egal, ob das jemand versteht. Nichtmal ich selbst muss das, wenn es mich nicht interessiert. Oder ich schreibe etwas auf, suche einen Verlag, beschäftige einen Lektor, mit einem Satz: Ich suche Kommunikation. Dann sollte es mich interessieren, meine Gedanken so zu formulieren, dass der Leser mögichst viel damit anfangen kann, wenn er es will. Dass er eine vernünftige Grundlage zum Urteilen bekommt.

Leute wie Derrida oder Wigley versuchen vermutlich genau das zu verhindern. Je verwirrter, je verworrener, je unzusammenhängender, je ratlos machender, desto besser, weil das in manchen Kreisen heißt: desto interessanter. Der Sound zählt.

Foucault nehme ich ausdrücklich aus, der nahm Thema und Leser Ernst. Bei Deleuze bin ich mir nicht mehr ganz so sicher.

Philipp Felschs Geschichte des Merve-Verlags („Der lange Sommer der Theorie“) vermittelt ganz gut dieses Sound-Ding. Die Unterscheidung zwischen Belletristik und Sachbuch halte ich nach wie vor für unabdingbar. Und die Zwischenform des Essays macht nur dann Sinn, wenn man es nicht wie Adorno hält, der dann jeden Satz gleichweit vom Mittelpunkt entfernt schreiben wollte. Es ist selbstverliebter Humbug.

Für die Nachttischschublade genau das Richtige.

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