Die Bauakademie und die Reichsbürger

Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt, und andere forderten kürzlich in der FAZ (20. März, S. 12), beim geplanten Wiederaufbau der Bauakademie von Karl Friedrich Schinkel in Berlin nicht die gleichen Fehler zu machen wie beim Berliner Stadtschloss – in einer für FAZ-Verhältnisse markigen Sprache:

Die Neue Bauakademie darf kein zweites Stadtschloss werden. Das Humboldtforum ist zum neopreußischen Fassadenzombie geworen, hinter dessen Oberfläche aus Natursteinschnitzereien eine zeitgenössische Kulturmaschine versteckt wird. Deren inhaltliche Ausrichtung wurde viel zu spät definiert, was zu den bekannten gewaltigen Konflikten mit dem Schlossfassadenkorsett geführt hat. Der Bauakademie droht jetzt dasselbe Schicksal.

So ist es. Die Idee an sich ist absurd: Eine Bauakademie zu bauen, die als Ort für Architektur, für Lehre und Praxis, für Ausstellungen dienen soll, die aber nur eine Rekonstruktion von vor 200 Jahren sein darf. Und sich damit noch auf Schinkel zu berufen, der sich im Grabe umdrehen würde, wie man sagt.

Es ist ein weiterer Beleg für den reaktionären Geist, der mittlerweile in diesem Land herrscht. Man braucht nicht die Existenz der AfD, um festzustellen, dass weite Teile des Bürgertums kein Interesse an Demokratie oder Partizipation oder irgendwas mit Sozial haben. Es ist der Feudalismus mit gleichzeitiger Ablehnung alles Neuen, was da kommen könnte. Es war der Bundestag, der den Wiederaufbau des Zombieschlosses ermöglicht hat und es ist nun das Bundesbauministerium, das die Bauakademie wieder errichten will. Es geht um die Wiedererrichtung der guten Berliner Stube, die naturgemäß eine ätzend-preußische und quasifaschistische ist. Sozialdemokraten sind bei der Reproduktion reaktionärer Verhältnisse natürlich dabei.

Es ist schon fast vergessen, dass vor 22 Jahren das DDR-Außenministerium, das auf dem Platz der Bauakademie stand, hektisch abgerissen werden musste. Seit 22 Jahren klafft dort eine Lücke. Man hätte mit dem Gebäude des Ministeriums einiges anfangen können, aber es war wohl ein Symbol der verhassten DDR, das musste zerstört werden, analog zum Palast der Republik.

Feudalschloss und der Missbrauch von Schinkel – das ist das, was das neue Deutschland noch hinkriegt. Die AfD und andere Rechtsradikale sind immerhin in der Hinsicht sympathisch, dass sie einigermaßen offen einen neuen König oder einen neuen Führer fordern. Die anderen tun noch empört.

Pikantes Detail am Rande: Direkt neben der Lücke, in der die Bauakademie zu Ehren Schinkels entstehen soll, steht die Friedrichswerdersche Kirche. Die wurde ebenfalls von Schinkel gebaut und hatte alle Kriegszerstörungen einigermaßen überstanden. Genauer gesagt hatte die DDR in den 1980er Jahren das Gebäude renoviert und dort ein Schinkel-Museum eingerichtet. Das konnte man 30 Jahre lang besuchen – bis 2015 direkt daneben Investoren Luxuswohnungen bauten. Beim Aushub einer 15 Meter tiefen Grube für eine Garage geriet die Kirche ins Wanken. Bauteile fielen herunter, der Fußboden bekam Risse. Man tat, was man im durchkapitalisierten Berlin in solch einer Situation tut: Man schloss Museum und Kirche und die Investoren bauen seitdem weiter. Das ist immer noch der aktuelle Zustand. Es gibt kein Schinkelmuseum mehr und andere Investoren wollen die anderen Seiten der Kirche auch noch bebauen.

Es gibt bis heute kein Datum für eine Wiedereröffnung von Kirche und Museum. Vorrang haben die Investoren.

Die werben übrigens mit solchen Bildern für ihr Objekt und behaupten links unten tatsächlich, dass die Kirche „heute das Schinkel-Museum beheimatet“. Die Kirche beheimatet das Schinkel-Museum nicht mehr, weil es dieses Luxusobjekt gibt, für das sich der Betrachter gerade interessiert. So was nennt man wohl eine Fata Morgana. (Wobei ich nicht sagen will, dass man direkt neben eine Kirche kein neues Gebäude stellen darf. Prinzipiell jederzeit.)

All diese Geschehnisse zeigen die Verlogenheit der Verantwortlichen, wie man solche Kameraden euphemistisch nennt: Die Bauakademie soll zu vorgeblichen Ehren Schinkels wiederaufgebaut werden, was aber nur eine reine Instrumentalisierung des Architekten gegen seine eigene Intention ist. Gleichzeitig zerstört man einen noch erhaltenen Bau von ihm, weil es dort um Kapitalisierung via Immobilien geht.

Man sollte dem Kapital und der Elite eigentlich dankbar sein – für diese offene und ehrliche Demonstration. Der angeblich politischste Platz Deutschlands wird für die Zukunft hergerichtet: mit Kapital und mit Kaiser.

Eine neue Bauakademie müsste selbstverständlich eine aktuelle, am besten avantgardistische Architektur bekommen. Eine zeitgemäße Nutzung müsste selbstverständlich die Frage nach sozialem Wohnen jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge beinhalten. Sie müsste selbstverständlich die Frage nach anderen Wohnformen stellen. Es müsste selbstverständlich ein radikaler Bezug zwischen Form und Inhalt hergestellt werden, gerne auch mit jahrelangen heftigen Diskussionen. Es ist hier allerdings die Rede von Selbstverständlichkeiten einer aufgeklärten, humanen Gesellschaft. Also dem Gegenteil dessen, was wir hier vorfinden.

Und so wird der aktuelle Bundesbauminister, dessen Name mir entfallen ist, genau das tun, was das Kapital und die Reaktion und die Rechtsradikalen von ihm fordern: Zurück in die Zeiten von vor 45 oder vor 33 oder vor 18. Da ist man flexibel, solange es zwischen 71 und 45 und eben auf keinen Fall nach 45 ist. Die deutsche Elite verhält sich hier kaum anders als diese sogenannten Reichsbürger. Beide erkennen die Bundesrepublik nicht an. Die einen eher dämlich, indem sie Gerichtsbeschlüsse ignorieren. Die anderen, indem sie die kulturellen Sphären besetzen.

Dreimal darf man raten, wer gefährlicher ist.

(Foto: genova 2012)

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3 Antworten zu Die Bauakademie und die Reichsbürger

  1. dame.von.welt schreibt:

    Kennen Sie eigentlich Rigoletti aka Marion Pfaus und Rückbau21?

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  2. neumondschein schreibt:

    Monarchisten in der AFD? Wo? Die werden doch hoffentlich eine konstitutionelle Monarchie haben wollen?

    Nebenbei: Wer soll es denn werden? Putin? Der fällt aus. Er hat keine männlichen Thronerben. Ausserdem ist er ja geschieden. So einer kann nicht Koenig werden!

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  3. genova68 schreibt:

    Ja, dame von welt, den Rückbau des Schlosses im Jahr 2050 halte ich für eine sehr gute Idee. Ich habe nur die Befürchtung, dass ich das nicht mehr erleben werde. Aber das ist eigentlich auch egal.

    neumondschein,
    die AfD will Hitler wieder, die Monarchisten werden sich demnächst zu erkennen geben.

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