Die Notwendigkeit der Rebellion fürs Überleben des Kapitalismus

Im Tagesspiegel beklagt ein Max Tholl aus Anlass des sich zum 50. mal jährenden Schusses auf Benno Ohnesorg, dass es keine jugendliche Protestbewegung mehr gibt. Die Jugendkultur sei „zur selbstreferentiellen Nabelschau verkommen und steckt in einer Endlosschleife fest“.

Nostalgie ist zur treibenden Kraft geworden: Die Jugend krallt sich an den Utopien der Vergangenheit fest, statt eigene zu skizzieren […] Dabei ist Jugendkultur das Fundament jeder Jugend- und Gegenbewegung. Wer aber nur noch zitiert, kann keine neue Bewegung bilden, sondern kopiert nur Bestehendes. Eine kulturelle Revolution, wie sie 1968 stattfand, ist dann praktisch unmöglich.

Außerdem könne man sich heute eher das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.

Stimmt alles. Aber es ist selbstredend bezeichnend für den Tagesspiegel, der angeblich rerum cognoscere causas, aber doch nur einmal mehr banal an der Oberfläche operiert. Es ist die bürgerliche und totale Kapitalisierung der Welt und des Lebens, der jede Opposition unmöglich macht. Es ist die umfassende Logik des Kapitals, der sich auch der Tagesspiegel verschrieben hat. Und es ist Teil des Spiels, ein bisschen Unruhe und Rebellion zu fordern. Geradezu absurd, aber eben doch folgerichtig ist der Aufruf Tholls am Ende des Artikels:

Der Idealismus, mit dem vergangene Jugendkulturen sich aufbäumten, war naiv und oft realitätsfern, aber genau deshalb so ansteckend und kraftvoll. Er bedient, genau wie der Populismus, die Emotionen und kann mobilisieren. Die Politik vermag das nicht mehr und braucht eine zivile Kraft als Partner und Herausforderer. Resignation verbietet sich angesichts der Fülle gesellschaftlicher und weltpolitischer Probleme. Um sie anzugehen und zu lösen, brauchen wir eine Dosis jugendlichen Idealismus.

Eine Dosis Rebellion, eine Dosis Unkontrollierbarkeit als Partner neoliberaler Politik. Vermutlich kapiert Tholl nicht, was er schreibt. Rebellion als kontrolliertes Phänomen, das dann exakt eines macht: Dem Kapitalismus auf seinem Weg zur totalen Kontrolle weiterzuhelfen. Die Jugend ist so lahm geworden, dass der Kapitalismus um seine Entwicklungsmöglichkeiten bangt. 68 hat es geschafft, eine Gegenkultur zu entwickeln, die das Kapital zur Ware und zu Geld und G´machen konnte. Heute konsumiert die Jugend Retrokultur, was eine Weile gut gehen kann, aber irgendwann ist das vorbei und das Neue fehlt.

Rebellion als „Partner“ herrschender Politik. Tholl meint das Ernst und genau das zeigt den erreichten Grad der Verblendung.

Tholl fordert angeblich Widerstand gegen den Kapitalismus und zwar genau in der Dosis, die den Kapitalismus auf seinem Weg der Weltzerstörung weiterbringt. Es spricht für die neoliberale Gehirnwäsche, dass Tholl dieses dialektische Verhältnis wahrscheinlich nicht einmal begreift. Er schreibt übrigens auch für die Zeit und hat mit der Heinrich-Böll-Stiftung zu tun. Vielleicht so ein mittelalter liberaler Grüner. Das sind die, die die fehlende Rebellion berufsmäßig beklagen, aber es sind naturgemäß die schlimmsten Apologeten des Kapitals. Von Kindesbeinen an infiziert, aber immer mit diesem homöopathisch dosierten Schuss Rebellion, der sie frei von jeder Erkenntnismöglichkeit macht. Wir kaufen ja im Bioladen.

Der Kapitalismus ist an sich völlig phantasielos und entwickelt einzig die Idee der Kapitalvermehrung. Den Stoff, mit dem sich das machen lässt, müssen andere liefern. Gentrifizierung ist wohl das bekannteste Beispiel. Künstler, Studenten, alle möglichen Nichtkapitalisten machen ein Viertel interessant, genau weil sie nichtkapitalistisch agieren. Darauf ist das Kapital angewiesen: Auf nichtkapitalistische Entfaltung, die dann kapitalistisch schmarotzend transformiert werden kann. Das kulturelle Kapital wird ausgesaugt und in Geld verwandelt.

Der moderne Kapitalismus hat noch nie etwas anders vollbracht, als zu klauen. Vor allem Ideen.

Verständlich, dass sich das Kapital Sorgen macht, wenn die Jugend nur noch konsumiert und sich der Kapitallogik vollständig unterwirft. Ihr Job im fortgeschrittenen Kapitalismus ist es doch, irgendwie rebellisch zu sein, ein paar Jahre den Kapitalismus abzulehnen und in dieser Zeit nichtkapitalistisches Neues zu schaffen, das dann vom Kapital besetzt werden kann. So wie der kapitalistische Schmarotzer ein Stück Land besetzt und für den Verkauf Phantasiepreise bekommt, braucht er das Nonkonformistische, das er dann gewinnbringend zu einer möglichen Norm erklären kann. Wo wäre die Kosmetikindustrie, wenn die 68er nicht begonnen hätten, Männern modische Frisuren und lange Haare als Option zu vermitteln?

Die Jugend ist so gesehen kapitalismuskritisch, ohne es zu wissen. Sie verweigert den Part des temporären Antikapitalisten. Sie will einfach das, was ihr über die Propaganda von Kindesbeinen an, wie man sagt, beigebracht wurde.

Ein faszinierendes Problem: Das Kapital braucht den totalen Konsumenten und verspielt mit ihm gleichzeitig seine Zukunft. So gesehen verhält sich die aktuelle brave und langweilige Jugend vielleicht am kapitalismuskritischsten: Durch die völlig Affirmation der Verhältnisse endet die kulturelle Entwicklung, die das Kapital so nötig hat. Das Gehype von Start-Ups in Berlin spielt in der gleichen Liga. Das sind die neuen Rebellen.

Wenn ein Max Tholl der Jugend mehr Rebellion anrät, ist es vielleicht gar nicht verkehrt, wenn die Jugend genau das nicht macht. Also, liebe Jugend: Bleibt bitte noch eine Weile so langweilig und affirmativ, wie ihr es gerade seid. Dann sehen wir weiter.

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