Das Deutsche und das Essen

Wiglaf Droste in der Süddeutschen Zeitung vom 8. April 2017, S. 45

In Deutschland wurde die Slow-Food-Angelegenheit landesüblich akademisiert, den einfachen Leuten entrissen, in den Mittelstand der meist grün wählenden Besseresser überführt und von der verzichtbarsten Klientel überhaupt okkupiert, die von Dinkel und Dünkel notdürftige zusammengehalten wird und der alles Lebenssaftige völlig abggeht. In sogenannten Convivien wird „richtig Essen und bewusst geneißen“gelehrt und erlernt. Es wäre zum Speien, wenn es nicht so todkomisch wäre. In jedem südttalienischen Hafenarbeiter mit acht Jahren Schulbildung steckt mehr kulinarische Kenntnis als in der ganzen deutschen Slow-Food-Bewegung zusammen.

Schön gesagt von Herrn Droste und schön auf den Punkt gebracht. Gutes Essen ist nicht der Besuch eines sauteuren Restaurants einmal im Monat. Es ist Alltagskultur. Derer sind wir merkwürdigen Deutschen sowieso längst beraubt, wobei dem Begriff des Beraubtseins etwas Opfermäßiges anhaftet und deshalb vermieden werden sollte. Der deutsche Durchschnittsmichel hat sich seiner Alltagsesskultur schon vor langem freiwillig berauben lassen, naturgemäß von den Umständen, auch Sachzwänge genannt. Die Mittagspause wird freudig auf ein Sandwich vorm Computer beschränkt, die Esskultur ist aufs TV-Kochshowschauen reduziert und überhaupt geht es nur ums Sattwerden. Flüchtlinge aus den ärmsten Ländern sind entsetzt ob der Praxis der Nahrungsaufnahme hierzulande. Essen und Kaffeetrinken im Gehen ist jedem Volk, das sich einer Kultur rühmen will, fremd.

Esskultur gibt es nur noch im Zeitmagazin und beim Grillen. Bei letzterem dominiert die Männlichkeit, also, wieviel totes Tier man pro Zeiteinheit verschlingen kann. Immerhin schmeckt das.

Dem süditalienischen Hafenarbeiter wird die Esskultur von Schäuble und Konsorten noch ausgetrieben werden, dafür sorgt die deutsche Gründlichkeit, auch made in Germany genannt. Die nur dafür sorgt, dass man selbst mit 200 km/h nicht aus der Kurve fliegt. In Grenzsituationen ist der Deutsche in seinem Element, ob auf der Autobahn oder im Warschauer Ghetto.

Das Akademisieren ist das Soldatische 2.0. Die alten preußischen Tugenden, das Parieren, ist ökonomisch nicht mehr en vogue, Entfremdung via Akademisierung kommt da besser. Man kann auch den Geschmackssinn, den jedes kulinarisch gut erzogene Kind vortrefflich beherrscht, versachlichen und aus der Praxis herausziehen.

Was ist Esskultur? Egal, Hauptsache authentisch. Der Saumagen ist dabei wie auch die hohe französische Küche. Verständnis, das vom Gaumen wie vom Magen kommt. Ein ordentlicher Schuss Völlerei hilft. Ohne das Lebenssaftige keine Kultur.

Derzeit ist Musikkultur Helene Fischer und Esskultur ist irgendwas zwischen Truthahnsandwich mit Honigsoße und  Vegan. Man sollte den Fußballfans dankbar sein, dass sie die Trulla auspfiffen. Vielleicht retten sie mit der Bratwurst und dem Halbzeitbier mehr, also wir uns derzeit vorstellen.

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4 Antworten zu Das Deutsche und das Essen

  1. hANNES wURST schreibt:

    Ich ernähre mich seit Anfang des Jahres „Low Carb“. Ursprünglich, um abzunehmen, aber das hat nicht funktioniert und jetzt mache ich weiter, weil ich mich an das Brot aus der Aldi Eiweiß-Mixkiste gewöhnt habe, ich stecke es jeden Morgen in den Toaster und freue mich darüber, dass ich weder krank werde noch kotzen muss. Die Kohlenhydratreduzierung hat also meinen Speiseplan vereinfacht. Das nenne ich einen Gewinn von Lebensqualität, wie ich ihn zuletzt nur durch den konsequenten Verzicht auf nicht-schwarzfarbige Hemden erreichen konnte. War das früher ein Scheiß, als ich noch versucht habe, durch alterierende Hemdfarben einen Eindruck von regelmäßiger Textilpflege und Lebensbejahung zu erwecken.

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  2. genova68 schreibt:

    Vielen Dank für die authentische Beschreibung deiner Ernährungsphilosophie. Eine Vereinfachung des Speiseplans kann allerdings durch konsequentes Weglassen noch intensiviert werden. Beispielsweise nur noch Müsli oder nur noch Schokolade. Nichtabenehmen tut man dann auch.

    Eine interessante Beobachtung auch bei den Hemden. Meine dreizehn schwarzen Hemden würde ich nie hintereinander anziehen, weil dann alle denken würden, ich hätte nur eines, das ich trage, bis es vor Dreck steht. Merke: Je saustallmäßiger die Wohnung aussieht, desto häufiger muss man die Hemden wechseln. Irgendwas muss man ja im Griff haben. Ich wechsle derzeit das Hemd dreimal täglich.

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  3. neumondschein schreibt:

    In Italien gibt es auch Veganer. Beweis:

    Und Sülze finden die genauso furchtbar wie ich. Da kann ich nur froh sein, dass man das im modernen Deutschland gar nicht mehr kennt. Die gute alte, bewährte und beruehmte deutsche Esskultur, an die sich aeltere Bürger nur mit Entsetzen erinnern („Was auf den Tisch kommt, wird gegessen“, auch wenn es Flecke, Sülze und aehnlich widerliches Zeug gibt) hat zum Glück auch stark nachgelassen.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, alles hat zwei Seiten.

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