Das Kreuz mit dem Kreuz

Das perfekte Symbolbild der deutsche Reaktion, das im Entstehen befindliche Berliner Stadtschloss, soll nun nicht nur die Kuppel wiederbekommen, sondern auch das vergoldete Kreuz obendrauf. Ausgerechnet die FAZ kritisiert das Vorhaben deutlich. Andreas Kilb schreibt:

Die Debatte über das Kuppelkreuz rührt an den eigentlichen wunden Punkt des Humboldtforums, seine historische Sollbruchstelle. Sie hat mit dem ungeklärten Verhältnis des Projekts und seiner Planer zur Geschichte des Gebäudes zu tun, in dessen Replik sie einziehen sollen. Also mit Preußen jenseits der Brüder Humboldt – mit dem Preußen der Reaktion und der bürgerlichen Unfreiheiten.

Im Juli 1844 erteilte Friedrich Wilhelm IV. die Kabinettsorder zur Errichtung einer Kapelle mit Kuppel über dem Westportal des Hohenzollernschlosses. Zehn Jahre später, zum Krönungsgedenktag am 18. Januar 1854, wurde der Bau der Architekten Stüler und Schadow vom Hofprediger Hoffmann geweiht. Ursprünglich war geplant gewesen, die gesamte Kuppellaterne samt Kreuz zu vergolden, doch „infolge der gespannten innenpolitischen Lage“, wie der Schlosshistoriker Albert Geyer vielsagend schrieb, hatte man die Vergoldung auf das Kreuz beschränkt.

Diese „gespannte Lage“ war die in Blut erstickte bürgerliche Revolution von 1848. Das Kuppelkreuz war das Symbol ihrer Niederlage und der erzwungenen preußischen Kirchenunion. Genau genommen gehörte es nicht zur Fassade, sondern zur Funktion des Gebäudes: Es zeigte seine Nutzung als Gotteshaus an. Eine solche Nutzung ist im Humboldtforum nicht vorgesehen. Es wird keine Abendmähler und Predigten mehr unter der Schlosskuppel geben; statt dessen sollen dort buddhistische Wandmalereien aus Xinjiang an der nördlichen Seidenstraße gezeigt werden, einer der wertvollsten Bestände des Museums für Asiatische Kunst.

Es gibt nicht viele Profanbauten in Deutschland, die mit Kreuzen geschmückt sind. Ganz sicher sind unter ihnen keine ethnologischen Museen. Ein Kuppelkreuz auf dem Humboldtforum wäre deshalb nicht nur eine Irreführung der Besucher. Es wäre ein historisches Zeichen, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließe. Nicht „unser“ Christentum würde darin sichtbar, wie Monika Grütters meint, sondern der Anschluss an die Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett. Jene gebildeten Betrachter aus aller Welt, an deren Erwartungen die Konzeption des Humboldtforums Maß nimmt, würden diese Symbolik zu lesen wissen.

Das Kuppelkreuz als Symbol der Niederschlagung der 48er Revolution, das Kuppelkreuz als Symbol eines reaktionären, gewalttätigen Christentums, das Kuppelkreuz also als Symbol, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Wer A sagt, sollte ehrlicherweise auch B sagen. Wer das Schloss wiederaufbauen wollte, stand schon immer für die rechten und rechtsradikalen Geschichtsanschlüsse. Das Vorhaben, in das Schloss irgendwas mit Globalisierung und angeblichen Respekt vor dem Fremden zu installieren, war schon immer verlogen. Jeder, der so daherredete, wusste und weiß das. Mit dem Berliner Schloss entsteht das Bekenntnis zum vordemokratischen Staat, zum ergebenen Untertan, zu allen preußischen Scheußlichkeiten, die man so kennt.

Das Kreuz ist also nur die sinnvolle Folge des ganzen Schlossbrimboriums. Die gebildeten Betrachter aus aller Welt wissen diese Symbolik, die an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lässt, dann in der Tat zu lesen. Die historische Sollbruchstelle ist keine, das Schloss hat als Gebäude einen klaren Auftrag: Die Repräsentanz der feudalen, gewalttätigen Macht eines Unrechtsstaates. Falls es tatsächlich preußische Tugenden gibt, die man hochhalten sollte, wären die in keinem Fall mit dem Wiederaufbau des Schlosses zu symbolisieren.

Wenn Andreas Kilb versucht, das Schloss als Symbol zu retten, muss er scheitern, so wie diese ganzen merkwürdigen Konservativen scheitern müssen, wenn sie ihre Sollbruchstellen ignorieren. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss. Es steht weder mit noch ohne Kreuz für irgendetwas Positives.

Also, liebe Schlossfreunde: Stellt das Kreuz da obendrauf. Ziert euch nicht. Seid keine Waschlappen, seid ehrlich. Nehmt euch ein Beispiel an der AfD. Fordert den Untertan, fordert die Prügelstrafe, fordert die Niederschlagung jeglicher Kritik. Und als nächsten Schritt empfehle ich: Keine fremdländische Kultur in unser toitsches Schloss stellen!

Ich schätze, diese Diskussion wird nicht ewig auf sich warten lassen.

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