Vom Mieten und Verlieren

Kurz etwas Alt-Neues aus dem Asozialstaat Deutschland: Die linke Stadtentwicklungs-senatorin Katrin Lompscher hat gestern den Berliner Mietspiegel 2017 vorgestellt. Der berechnet den Mittelwert der real gezahlten Mieten und erlaubt eine bis um 20 Prozent über dem Mittelwert liegende Miete. Das Ergebnis dieses lustigen Spiegels ist naturgemäß: In Zeiten intensiver Kapitalverwertung von Immobilien gehen immer mehr Vermieter an die 20-Prozentgrenze, wodurch sich der Mittelwert im nächsten Mietspiegel signifikant erhöht.

Noch lustiger: Die Hauseigentümer können sich auch weigern, den Mietspiegel zu beachten. Wobei das nur logisch ist: In einer Gesellschaft, in der die Kapitalverwertung Gott ist, wäre ihre Behinderung Blasphemie. Wer kann dazu schon ja sagen?

Der Tagesspiegel berichtet gar (leider, ohne es zu erklären), dass sich neue Berechnungen für Altbaumieter so auswirken, dass sie mit bis zu 40 Prozent Mieterhöhungen rechnen müssen. Und:

Den höchsten Durchschnittswert im neuen Mietspiegel erreichen kleine Neubauwohnungen (mit Sammelheizung, Bad und Innen-WC) mit bis zu 40 Quadratmetern: Sie kosten 14,19 Euro. Die größten Verlierer sind Familien mit Kindern, die auf der Suche nach einer großen Wohnung sind.

40 Prozent mehr in einer Stadt, die von rot-rot-grün regiert wird. Mehr muss man zum Thema „Demokratie und Kapitalismus“ eigentlich nicht sagen. In einer halbwegs zurechnungsfähigen Gesellschaft würden nun alle Lohnabhängigen 40 Prozent mehr Lohn fordern und bis zur Erfüllung dessen in einen Generalstreik treten.

Naturgemäß nicht im preußischen und neoliberalisierten Deutschland. Die Selbstverständlichkeit, dass ein Quadratmeter Altbau maximal drei Euro kalt kosten darf und alles darüber Wucher ist, gilt Soziologen und Politologen vermutlich als eine linksextremistische Haltung.

Wäre die SPD eine linke Partei, würden sie und ihr Hampelmann Martin Schulz nun beispielsweise die Kapitalverwertung von Boden anprangern: keine Gewinne mit Wohnen, kein Schmarotzen auf Kosten von Grundbedürfnissen. Eine eigentlich selbstverständliche Forderung für einen, der gerne Mitgefühl mit dem „hart schuftenden Busfahrer“ zeigt, „der nicht weiß, wie er seine Miete bezahlen soll“.

Abgesehen davon, dass die Erkenntnis, dass ein Busfahrer hart schuftet, bei einem Sozialdemokraten zur Forderung der 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich führen müsste. Allerdings reden wir hier von einem Sozialdemokraten im Jahr 2017. Wir wundern uns nicht.

Typisch für die neoliberale Geistesverfassung ist ein Kommentar im Tagesspiegel von einer Frau namens Ulrike Heringer. Sie ist Herausgeberin des Urbanist Magazin – klingt toll – und sie schreibt in typisch neoliberaler, sinnbefreiter Manier:

Doch Wachstum ist nicht konfliktfrei zu haben. Denn mehr Jobs führen zu Zuzug, mehr Berufsverkehr und mehr Menschen, die in der Stadt wohnen wollen. Nahezu jede beliebte, wachsende Großstadt klagt über ähnliche Probleme. Man schaue sich Paris, Hongkong oder Tel Aviv an. Überall sind die Mieten hoch, der Wohnraum pro Kopf gering, der Verkehr staut sich regelmäßig. Es entstehen also überall Nutzungskonflikte. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Zu wenig Platz zu haben, das ist praktisch die Definition von Stadt.

Steigende Mieten sind „Nutzungskonflikte“, das ist die Definition von Stadt, also ganz natürlich. Und dann, man beachte die Dichte des ideologischen Geplappers:

Dabei hilft es nicht, die Vergangenheit zu romantisieren. Aber der Blick auf andere Städte zeigt: Berlin hat gar keine schlechten Voraussetzungen! Man muss sie nur ergreifen.

Was genau man ergreifen soll, schreibt Heringer nicht. Ist ja auch egal, es klingt gut, wir sind vorne, wir sind dabei.

Ich wage die Behauptung, dass ein solch intellektueller Schrott es vor 30 oder 40 Jahren bestenfalls in die Bild-Zeitung geschafft hätte. Irgendein Redakteur hätte das aufgrund argumentativer und geistiger Armut, aufgrund offensichtlicher PR-Orientierung gestoppt. Heute geht das durch. Solange der Flow und die Dichte an trendy vocabulary stimmt, ist alles in Ordnung.

Wir wundern uns nicht.

(Fotos: genova 2015)

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