Kultur und Flexibilität

[Es folgt ein weiterer vor allem wirrer Text, weil wirr gedacht.]

Der Sennettsche „flexible Mensch“ ist ein kulturell eher unflexibler, meinte vor 15 Jahren schon Peter Neitzke, ein Architekt und vor allem Publizist, der vor knapp zwei Jahren gestorben ist.

Die These hat etwas und sie erklärt, warum in neoliberale Zeiten auch immer neokonservative sind. Der drangsalierte Mensch tritt nach unten, was er auf der konkret politischen Ebene mittels AfD oder Pegida macht und auf der kulturellen, indem er für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern plädiert, für den Neoklassizismus beim Eigenheim und so weiter. In der Innenstadt von Frankfurt am Main hat man ja vor ein paar Jahren ernsthaft ein interessantes Gebäude aus den 1970er Jahren abgerissen – das brutalistische, wie man sagt, Technische Rathaus -, um dort nun neofeudalistische „Altstadthäuser“ hochzuziehen. Die sind sauteuer und tragen keinen Deut zur Entschärfung des Wohnungsproblems dort bei. Ein ganzes Stadtviertel dient der Verwertung des Werts.

Die deregulierte Arbeitswelt – einen Begriff, den man auch als Verniedlichung für verschärfte Ausbeutung bezeichnen könnte – führt notwendigerweise zu Rechtsradikalismus und kulturellem Rückschritt. Man sollte hier die gesellschaftliche Auseinandersetzung verschärfen: Allen, die für die Wiedererrichtung von Stadtschlössern oder Altstädten und ähnlichem eintreten, sollte man die Wahl von Bernd Höcke nahelegen. Diesen Leuten sollte man nicht erlauben, sich als Verteidiger „bürgerlicher Werte“ auszugegen. Was auch immer diese bürgerlichen Werte sind, aber einer totale Auslieferung von Stadt ans Kapital, das mittels reinem Fassadismus, der eine gute alte Zeit suggeriert, fehlt jede bürgerliche Perspektive.

Es geht hier architektonisch schon lange nicht mehr um eine postmoderne Kritik moderner Verfehlungen, wie man das in den 1960er und 1970er Jahren dringend brauchte. Es geht hier um eine Zurichtung von Stadt als kapitalistisches Spekulationsobjekt. Eine Stadt, die weder etwas mit Wohnen noch mit Produktion zu tun hat, sondern nur als Kulisse herhalten muss, damit Bodenpreise steigen. Kulissenvolk sind Touristen, unbezahlte Laiendarsteller.

Von diesen sind vielleicht auch viele deregulierte, die billige Reisepreise nutzen, um in der fassadistischen Stadt heiter und gelassen der totalen Touristennorm zu frönen.

Die größten Probleme mit Pendlern hat derzeit München, schreibt der Spiegel. Wollte man die Verkehrsprobleme in Städten lösen, brauchte man sich nur um die Bodenpreise zu kümmern. Die Mieten mitten in München wären so hoch wie in der Niederlausitz. Nein, sie wären günstiger, denn Bauen in der Niederlausitz ist teurer als in München.

Stadt erfüllt immer weniger die Bedürfnisse der Bewohner, sondern jene des Kapitals, das wiederum die Künstler und die Touristen als Kulissendarsteller braucht.

In der südlichen Schönhauser Allee in Berlin standen ein paar Jahre 34 gestapelte Seecontainer, in denen es um Kunst ging: die Kunsthalle Platoon. Selbstredend gab es dort viele Markenevents, es ging auch hier darum, Kunst zum Kommerz umzumodeln. Schick war das alles dennoch. Jetzt kann man die Container bei ebay ersteigern. Man sollte bei Kunst in Kunst und PR-Kunst unterscheiden. So, wie man das auch mit Texten macht.

Die postmoderne Kritik an Stadt war eben nur aufgesetzt eine am Bauwirtschaftsfunktionalismus. Der nervte nicht wegen der Kapitallogik, sondern weil er diese Logik zu deutlich zeigte: serielles Bauen, um Geld zu sparen. Die Postmoderne setzte zwar inhaltlich an – Robert Venturi soll hier demnächst zur Sprache kommen -, hatte aber kein ernstzunehmendes theoretisches Fundament, auch, weil die Altmeister der Moderne ihre Unterstützung verweigerten. Und so war wohl die Piazza d´Italia in New Orleans der konsequente Höhepunkt dieser Ideologie.

Kulturelle Flexibilität könnte man dieser Berlin-Scene ja attestieren, wie man sagt. Genau an diesem Schein arbeitet die Stadtmarketing-PR. Platoon als Zeichen des interessierten urbanen Konsumbereiten, der natürlich einen Anspruch hat. Das Ideal ist wohl der, der vom Platoon zum Schloss wandelt und umgekehrt. Ohne jeden bösen Gedanken.

(Foto: genova 2015)

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2 Antworten zu Kultur und Flexibilität

  1. Aber der Bernd heißt Lucke, Höcke Björn.

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  2. genova68 schreibt:

    Da muss ich dich berichtigen: Der Höcke heißt Bernd.

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