Foie gras und der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden

Das Erstarken des rechten Sektors kann man an vielem festmachen. Beispielsweise an der Reaktion des Tagesspiegels auf einen Bericht, wonach Martin Schulz vor vier Jahren in einem Straßburger Restaurant Gänseleberpastete gegessen hat. Die CDU sammelt naturgemäß Nachrichten über Schulz, um ihn im Wahlkampf schlecht darzustellen. Deshalb kommt diese kleine Geschichte nun wieder nach oben.

Der Tagesspiegel geriert sich jetzt als Junge Freiheit und schreibt über die Kritiker des Gänsestopfleberessens:

Tierschützer verstehen bei Gänsestopfleber keinen Spaß, da kennt der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden keine Gnade. Ein freiheitliches System, in dem jeder selbst seine Normen setzt, hat für jeden Vorteile. Nur nicht für Politiker. Die müssen sich auch nach Werten ihrer Wähler richten, selbst dann, wenn es Minderheiten sind.

Über die Herstellung von Gänsestopfleber schreibt Wikipedia:

Die Fettlebern entstehen durch eine bestimmte Mastform (gavage), das Nudeln oder Stopfen, bei dem die Tiere in den letzten 21 bis 28 Tagen zwangsernährt werden. Rund drei bis viermal pro Tag wird den Tieren mittels eines Rohres ein Futterbrei aus 95 Prozent Mais und 5 Prozent Schweineschmalz in den Magen gepumpt. Dadurch wiegen die Lebern statt üblicher 300 Gramm bei der Schlachtung 1000 bis 2000 Gramm, und der Fettgehalt schwankt zwischen 31 und 51 Prozent. Durch die Verfettung der Leber kommt es zu einer starken Ablagerung von Triglyceriden, im Gegenzug nimmt der Anteil an Phospholipiden ab. Der Gehalt an Cholesterin nimmt durch das Stopfen nicht zu.

Die Produktion ist in vielen Ländern verboten, Import und Verkauf sind aber beispielsweise in der EU zugelassen.

Man kann hier also von einer verschärften Form der Tierquälerei sprechen.

Frankreich selbst hat das Problem so gelöst: Foie gras wurde laut Wikipedia „zum nationalen und gastronomischen Kulturerbe erklärt und ist dadurch von französischen Tierschutzgesetzen ausgenommen“.

Wie auch immer man zu dieser Art gastronomischer Kultur steht: Wer Tierquälerei kritisiert, betreibt also Umerziehungsfuror und kennt weder Spaß noch Gnade. Und, ganz wichtig: Er ist gegen das „freiheitliche System“. Man ist als Kritiker von Tierquälerei so eine Art Stalinist, vermutlich. Ein Leser schreibt in seinem Kommentar unter dem Tagesspiegel-Artikel ganz bezeichnend:

Jeder nach seinem Geschmack. Bon appetit.

Jedem das Seine, hieß das früher, aber der Vergleich ziemt sich ja nicht.

Es ist dieselbe Logik, wonach man Helfer als Gutmenschen bezeichnet. Freiheit ist die Freiheit, andere zu quälen und verrecken zu lassen. Die Freiheit nehm ich mir. Die „Wohlmeinenden“ sind die, die es zu bekämpfen gilt. Sie wollen etwas Gutes, das kann nur schlecht sein. Wer in einer schlechten Welt Gutes will, will uns ans Leder, soviel ist klar. Es passt auch zur kapitalistischen Logik, die wir schon längst verinnerlicht haben. Freiheit im Kapitalismus geht zu Lasten anderer, da kann das Grundgesetz noch so human dahersülzen.

Ich habe den Eindruck, als sei ein solch perfider Artikel wie der im Tagesspiegel vor einiger Zeit noch nicht möglich gewesen. Man quälte zwar auch früher täglich Tiere, aber man hat sich dafür noch ein bisschen geschämt. Die neue Qualität ist, das Fehlverhalten zu einer Tugend zu erklären, die gegen den Umerziehungsfuror der Gutmenschen geschützt werden muss. Rücksichtslosigkeit und Gänseleberessen als neue Tugend im Kampf des alten, weißen Mannes gegen alle. Man erfährt in dem Tagesspiegel-Kommentar nicht, was die bösen Tierschützer überhaupt gesagt und gemacht haben sollen.

96 Prozent der sogenannten Gänseleber stammt übrigens von Enten.

Natürlich sind der CDU Enten und Gänse egal. Aber das nur nebenbei.

(Fotos: genova 2015)

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2 Antworten zu Foie gras und der Umerziehungsfuror der Wohlmeinenden

  1. hANNES wURST schreibt:

    Was, Enten? Die sind ja so süß, wie die im Frühjahr als Pärchen über die Grünstreifen laufen, und treu sind die sich, ein Leben lang. Der Erpel ist etwas forscher als die Ente aber lieb sind beide. Ich dachte, die leckere Pastete wäre von den doofen Gänsen, aber jetzt esse ich sie nicht mehr. Die armen Viecher, mit einer 1-2 kg Leber können sie nur noch auf dem Rücken liegen.

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  2. altautonomer schreibt:

    Es ist schon kurios, dass Katzen, Hunde, Affen, Ratten, Pferde und Mäuse keinesfalls, Rinder, Schweine, Schafe, Puten und Hühner dafür in unvorstellbaren Massen verspeist werden dürfen. Und warum es in einer anderen Weltgegend gerade umgekehrt zugeht.

    Der größte physische Schaden, den ein Tier erleiden kann, ist der Tod. Ohne eine tote Gans oder Ente gibt es keine „Gänseleber“. Vom andern Speisevieh unterscheidet sie in der Qualzucht der industriellen Massentierhaltung heutzutage nichts mehr.

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