Ricardo Bofill und das Architektentheater

Der spanische Architekt Ricardo Bofill versuchte sich in den 1970er und 1980er Jahren in sozialer Wohnarchitektur in Frankreich. Die Gebäude sind mittlerweile weltberühmt, weil sie Anleihen im Barock mit Säulen, Giebeln, Friesen und anderen vorfabrizierten Elementen genommen hatten. Mehr Fotos findet man hier.)

Diese historischen Anleihen werden ironisch gebrochen. die Säulen hängen in der Luft oder tragen einen unförmigen Kasen. Interessant ist, was der Architekturtheoretiker André Gerber in seiner „Metageschichte der Architektur“ von 2014 zu Bofills Sozialbauten schreibt (S. 90 ff.):

Es ist diesbezüglich bemerkenswert, dass in allen Publikationen zu diesen Projekten kein einziger Wohnungsgrundriss gezeigt wird: Das würde einerseits eine Entzauberung des Stils der Fassaden bedeuten, da sich hinter den großzügigen Fassaden und Straßenräumen kleinteilige Wohnungen verbergen, andererseits die Aufmerksamkeit von den Fassaden und Straßenräumen wegnehmen.

Architektur als Maskenträger. Nichts neues, aber bei Bofill bemerkenswert, weil er sich über seine eigene Architektur gerne äußert. Architektonischer Raum ist für ihn ganz folgerichtig kein Innenraum, sondern

„…ein Zuschauerraum, bei dem die Architektur in Szene gesetzt wird, die Architektur Theater spielt.“

Solcherart an die Realisierung von sozialem Wohnungsbau heranzugehen, grenzt an Verachtung für die, die dann dort wohnen werden. Die Architektur spielt Theater, aber für wen? Für Passanten? Das wären dort nur benachbarte Bewohner. Die Zuschauer sind also nur eine Architektenöffentlichkeit, die sich das Theater via Hochglanzfotos in Architekturmagazinen anschaut. Es ist ein Schwanzvergleich.

Bofill hat früher ganz interessante Sachen gebaut, beispielsweise 1973 die Ferienappartmentanlage La Muralla Roja in Calpe an der spanischen Costa Blanca:

Bofill hatte vor Baubeginn eine „Werkstatt für Architektur“ eingerichtet, in der auch Literaten sich über das zu Bauende Gedanken machten. Es sollte um den Zusammenhang von „Bauformen und Lebensformen“ gehen, die sich „im besten Fall revolutionieren ließen“, meinte Bofill dazu später.

Und:

„Im Inneren wollten wir die Bewohner zu einem neuen Miteinander animieren, soziale Experimente provozieren, die Kleinfamilie überwinden. Wir waren jung damals, wir waren Utopisten.“

Die Zeitschrift Architectural Digest schrieb zu Muralla Roja:

Die Anspielungen auf maghrebinische Festungsarchitektur etwa, auf Türme, Zinnen und Wehrgänge, mögen einerseits auf den mittelmeerischen Touch zielen. Andererseits suggerieren sie einen geschützten Bereich intra muros, eine Art Reservat, das dem Neuen die Möglichkeit gibt, sich zu entfalten.

Die Architektur orientiert sich ein wenig am architektonischen Strukturalismus, der aber spielerisch interpretiert wird. Es gibt dort angeblich Treppen und Wege, die im Nichts enden, labyrinthartige Wege, mal eng, mal breiter und anderes. Die Anlage ist von innen heraus geformt, aber nicht in der üblichen Strenge, sondern mit dem Bekenntnis zur optischen Illusion und zur Irritation.

Architektur ist natürlich immer auch Kulisse. Gute Architektur ist Kulisse mit Inhalt. Gute Architektur stellt eine Beziehung zwischen innen und außen, zwischen Form und Inhalt her. In Marne-la-Vallée ist die Form der Bezug auf Geschichte von oben. Säulen, Giebel und Friese, die ohne Zusammenhang, ohne Kohärenz gebraucht werden. Visualisierungen von Macht, die den Bewohnern nicht nur vorenthalten wird, sondern die sich auf Kosten jener realisiert. Jede Säule und jeder Fries zieht im sozialen Wohnungsbau Geld ab, das dort fehlt, wo man es brauchte. Man hätte beispielsweise die komplette Front mit Balkonen ausstatten können, von denen der User mehr hat als von Säulen, die zudem konstruktiv unnötig sind. Es entsteht ein feudalistisches, absolutistisches Bild, das auch durch das Übermächtige ein Gefühl der Enge, des abgeschlossenen Hofes erzeugt, das sich zum Nachteil der Bewohner auswirkt. Bofill setzt das begrenzte Geld also für Formales ein, das einerseits die Bewohner in ein reaktionäres Geschichtsbild presst und ihnen andererseits genau deshalb architektonische Qualität vorenthält.

Wenn schon diese Säulen und Friese, dann bitte 250 Zimmer für jeden Bewohner. Das wäre dann eine vielleicht emanzipatorische Haltung, wenn man die formale, fassadiale Verschwendung als Prunk für den Plebs fordert. Aber auch das wäre keine wahrhaft emanzipatorische Forderung, denn es wäre nur Nachahmung von etwas, das man reformieren oder revolutionieren sollte. Der Schein entspräche niemals dem Inhalt und er wäre auch nicht als Form von Befreiung zu interpretieren.

Vielleicht lässt sich an Bofills architektonischer Entwicklung der Niedergang des Sozialen und der Utopie in den Gesellschaften überhaupt ablesen. Während die Sozialpaläste nur noch regressiv agieren – Architekturelemente vordemokratischer Epochen werden als reiner Schein der Unterschicht zur Verfügung gestellt – kamen frühere Sachen von ihm mit einem sichtbar anderen Anspruch daher.

Bofill war übrigens in seinen frühen Jahren während Franco Mitglied der verbotenen spanischen kommunistischen Partei. Von der strukturalistischen Architektur mit Bezügen auf die fremde Kultur des Maghreb zu den hierachieaffinen Zeugnissen mit Säulchenspielereien zum Nachteil der Bewohner: Bofills Weg scheint der regressive zu sein.

Bofill als Kind seiner Zeit – insofern also nicht bemerkenswert.

(Fotos: Structurae und AD-Magazin)

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