Time to grow up

In Friedrichshain sind derzeit mehrere Brandwände mit diesem Spruch auf schwarzem Grund beschrieben:

Das blaue Rohr verdeckt: „Berlin.“

Der Schrifttyp erinnert an die langjährige Mercedes-Typografie und da das Mercedes-Gebäude nur ein paar hundert Meter entfernt ist, dürfte das hinkommen.

Einerseits ist das ein schönes Beispiel für immer offensiver werdendes Konzernmarketing: Man kann sich darauf verlassen, dass die meisten Rezipienten den Schrifttyp der Marke zuordnen können. Man braucht also „Mercedes“ nicht mehr hinschreiben. Dieser Umstand begünstigt, dass man sich gleichzeitig – quasi Guerilla Marketing – alternativer, opponenter Strategien bedienen kann: gesellschaftliche, politische Forderungen im öffentlichen Raum produzieren, die scheinbar unkommerziell daherkommen. Man malt ganze Wände voll, der Hausbesitzer verdient sich vermutlich dumm und dämlich.

Ich weiß nicht, ob das noch funktioniert oder ob die meisten Hingucker mittlerweile Abscheu empfinden ob der Penetranz, mit der ein Konzern wie Mercedes versucht, cool und hip und trendy zu sein. Jeder halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse findet so eine Werbung natürlich peinlich und unangenehm.

Komisch aber, dass Mercedes hier etwas fordert, was dieser Opakonzern doch dringend nötig hat: Das Image, jung und hip und cool und trendy zu sein. Die haben sich ja nicht umsonst in Friedrichshain festgesetzt. Man will zu diesen Hippstern und ähnlichen Leuten dazugehören. Diese Leute sollen irgendwann mal einen Mercedes kaufen. Vor allem soll man Mercedes mit den Hippstern zusammenbringen, auch wenn die sich bestenfalls einen klapprigen Golf leisten können. Der durchschnittliche Mercedes-Käufer ist vermutlich knapp über sechzig und impotent, hat Haarausfall und einen Bierbauch und findet Friedrichshain die letzte Lottergegend. Aber mit denen kann man nicht werben. Die andere Mercedes-Klientel ist der neureiche Assi á la Bushido. Mit denen kann man auch nicht werben.

Warum soll Berlin upgrowen?

Dann wäre Friedrichshain so langweilig wie die Carlstadt in Düsseldorf und Mercedes seines PR-Standortes beraubt. Die impotenten Bierbauchmercedesfahrer wohnen zwar in der Carlstadt, aber im öffentlichen Selbstbild von Mercedes wohnen die in Friedrichshain. Die brauchen Friedrichshain als die permanente Selbstbespiegelungsfläche, die nicht übers Produkt selbst gespeist wird, sondern über coole Sprüche und nur ganz dezente Hinweise auf das Auto. Via Schriftzug, beispielsweise. Wenn Mercedes zum grow up auffordert, gewinnen sie vielleicht ein paar Kunden hinzu, die der Aufforderung tatsächlich nachkommen, aber sonst nichts. Sie entziehen sich ihre eigene Grundlage: die Fiktion ihres Kundenbildes.

Vielleicht gibt es diese Grow-up-Kampagne noch in anderen Städten, in denen sie mehr Sinn macht. In Friedrichshain checke ich es nicht. Wobei: Ich habe mich gerade damit beschäftigt. Und vielleicht werde ich schon nächste Woche einen Neuwagen ordern. In Friedrichshain.

(Foto: genova 2017)

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9 Antworten zu Time to grow up

  1. diespringerin schreibt:

    Mich schreckt, wie wirksam diese Art von Werbung ist. Bei Menschen, die es eigentlich“besser“ wissen müssten, aber … jede/r braucht Halt. Und sei es, dass es sich dabei nur um die Illusion eines Strohhalmes handelt. Die Wirklichkeit ist zu rau … wer hält das schon aus (außer jenen, denen keine (illusionäre) Wahl mehr bleibt? Trotzdem: einen herzlichen Gruß aus Wien nach Berlin!

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  2. genova68 schreibt:

    Einen herzlichen Gruß zurück!

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  3. dame.von.welt schreibt:

    Eigentlich sollte man meinen, das BMW-Guggenheim-Lab hätte genug schlechtes Beispiel geliefert, wie man sich unerfolgreich an Leute ranwanzt, die von Normalwerbung nicht erreicht werden. BMW hat gelernt, nämlich die Finanzierung 2 Jahre vor dem geplanten Ende eingestellt.
    Mercedes Benz stellt für Werbespots Etats zur Verfügung, die viele Spielfilme gern hätten – weswegen der Street-Cred-Versuch an der Friedrichshainer Hauswand vermutlich noch weit unterhalb von Peanuts firmiert. Im Spot werden Sie u.a. aufgefordert, Alte zu respektieren, auf deren Ratschläge zu hören (Can you pay for it?) und in einen Vorort zu ziehen. Es wird wohl nix werden mit Ihrem Neuwagen im schönen Friedrichshain…;-)…

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  4. genova68 schreibt:

    Stimmt, dieses unsägliche BMW Guggenheim. Meine Fresse.

    Der Mercedes-Trailer ist interessant:

    Man soll bürgerlich werden, wobei einzelne Sequenzen dem zu widersprechen scheinen. Jedenfalls will man unbedingt in die Kapuzenjackenfracktion rein. Die Autos sehen auch viel aggressiver und dämlicher aus als früher. Autodesign ist eh eines der interessantesten Themen, daran kann man so ziemlich alles ablesen. Wenn man da mal nicht zum Kulturpessimist wird, angesichts der Entwicklung: SUV, Gürtellinie immer höher, verdunkelte Scheiben, diese ganze Spoilermanie, das Dynamische, das Aggressive. So gesehen waren die Siebziger goldene Zeiten, als der neue Opel Rekord vorgestellt wurde, beispielsweise:

    http://www.autobild.de/klassik/bilder/opel-rekord-d—schoen-schlicht-3904115.html#bild1

    Aber vielleicht ist diese Haltung nur meiner Sozialisation geschuldet. Ich frage mich dennoch, wer diese Mercedesse kauft: Wer außer Zuhältern und Kollega? Und die B-Klasse ist das Nachfolgemodell des Opel Kadett für Leute mit Hut und Prostatabeschwerden.

    Man hat bei den Mercedesmodellen das Gefühl, dass das so läuft wie bei Trump: Die seligen Zeiten sind eigentlich vorbei, aber man bäumt sich nochmal auf. Gegen Klimaschutz, für mehr Ölverbrauch, für Mackertum via Auto.

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  5. Flo schreibt:

    Und dann – bei all der Hippness – können diese bescheuerten Grafik-Dödel den Akzent nicht vom Apostroph unterscheiden. Und dann auch noch in dieser Größe. Shame on them…

    Gruß flo

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  6. genova68 schreibt:

    Das ist mal ein Kommentar, der weiterhilft. Das nenne ich Bildung. Aber da diese Unterscheidung Apostroph-Akzent schätzungsweise 99 Prozent der Bevölkerung nicht versteht, geht der Punkt an die Grafik-Dödel. That´s reality.

    Gruß genova

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  7. Linker, der es noch sein will schreibt:

    Der Blogbetreiber möchte – so schreibt er – nicht bürgerlich werden.
    Doch Autobild verlinkt er gern.
    Finde den Fehler.

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  8. Flo schreibt:

    So ist dann das ganze Ästhetisieren nichts denn Attitüde? I guess that’s life…

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  9. genova68 schreibt:

    Das Ästhetisieren ist Mittel zum Zweck, zum Geldverdienen. Sonst in der Tat nichts.

    Linker, willst du nicht woanders hingehen?

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