Vom Nichtfunktionieren

„Du sollst nicht funktionieren“

ist der Titel eines 9,95-Euro-Buches, das ich mir kürzlich im Vorbeigehen einsteckte. Wie man das mit 9,95-Euro-Büchern in Zeiten, in denen eine Ausgabe der Süddeutschen Zeitung schon 2,70 Euro kostet,  so macht. Der Titel klingt interessant, geradezu subversiv, und bevor ich zu lesen beginne, schaue ich mir auf Seite 2 den Lebenslauf der Autorin an.

Ariadne von Schirach heißt sie, 1978 geboren, Philosophin, lehrt an der Berliner Universität der Künste, ist auch freie Journalistin für das Deutschlandradio und das Philosophie Magazin. Schon 2007 hat sie einen Bestseller geschrieben.

Der Buchrücken zitiert aus Kritiken der FASZ („Der Autorin geht es um das große Ganze“), der Zeit („Dieses kleine Buch sagt: Es ist alles noch da. Die Schönheit ist noch da und der Mut ist noch da und die Zukunft ist noch da.“) und der FAZ („Der Essay ist eine furiose Anstiftung, das Leben zu wagen, anstatt es zu verwalten“).

Ich habe den Eindruck, als funktionierte Frau von Schirach inklusive ihrer PR-Abteilung ziemlich gut. Sie hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt – ihr Opa ist der Nazi-Schirach, der in Nürnberg freigesprochen wurde, was zu Betrachtungen über Kontinuitäten Anlass geben könnte -, ist vermutlich bestens vernetzt, wie man sagt, bekommt Kritiken in allen relevanten Medien und ist allzeit bereit. Würde sie eine Zeitlang nicht funktionieren, wäre sie raus aus dem Geschäft. Von Schirach schafft eine Projektionsfläche, sie nutzt die Attraktivität der Vorstellung vom Nichtfunktionieren in einer Zeit, in der solche Leute nicht im Traum daran denken, das Smartphone für eine Viertelstunde aus der Hand zu legen oder nicht auch Sonntags Morgens unverfügbar zu sein. Vermute ich.

Auf den ersten Seiten geht es darum, dass ein Vierjähriger behauptet, es sei schön, dass er auf der Welt ist. Außerdem sei er einzigartig. Das Geplapper von der Einzigartigkeit des Individuums wird man in ein paar Jahrzehnten als dunkles Signum der Epoche werten.

Da ich bei Frau von Schirach bislang nur bis Seite 20 vorgestoßen bin, enthalte ich mich eines umfassenden Urteils. Im vorläufigen dominiert der Eindruck, ein schönes Zeitdokument in der Hand zu halten: Man propagiert das Nichtfunktionieren, das man aufmerksamkeitsökonomisch nur um den Preis des totalen Funktionierens propagieren kann.

Vielleicht ist das Buch nur eine weitere Facette der smart daherkommenden und damit um so umfassenderen Neoliberalisierung der Gesellschaften. So wie wir im Kapitalismus als einem Naturzustand leben, so leben wir in einer liberalen Gesellschaft, in der man individuell entscheidet, ob man gerade funktonieren will oder nicht. Die Frau ist Philosophin, legt die Latte also selbst ziemlich hoch.

Nett jedenfalls, wie eine Käuferin auf Amazon das Buch rezensiert:

Gefällt mir gut
pünktlich Lieferung – gute Abwicklung
Produkt wie beschrieben

Die Ameisen bei Amazon haben offenbar gut funktioniert. Zeilen dieser Art haben mehr Inhalt als 1.000 Seiten Theorie.

Der Untertitel des Buches lautet übrigens: „Für eine neue Lebenskunst“. Die Latte liegt hoch oder, beim Begriff Lebenskunst, vielleicht auch ziemlich tief.

Immerhin: Das Literaturverzeichnis hinten verspricht Interessantes. Und, wie gesagt: Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich werde sehen.

 

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Eine Antwort zu Vom Nichtfunktionieren

  1. Jakobiner schreibt:

    Ich habe die Schirachs mal persönlich in unserem Biergarten im Bayernlande kennengelernt, sowohl den Richard wie auch die Ariadne. Richard Schirach hat teilwieise mit seinem Vater gebrochen, wenngleich er immer noch vom Bombenterror gegen Dresden schwadroniertwar dann war er Maoist,sprach mehr dem Kommunismus und den 69ern zu und studierte Sinologie, ist nun Inhaber einer Consultingfirma für Chinageschäfte. Funktioniert also bestens.. Ariadne schreibt öfters solche Lifestylebücher, die gegen den Mainstream gerichtet sein sollen. So schrieb sie auch ein Buch, in dem sie über die Übersexualisiertheit der deutschen Gesellschaft bei gleichzeitiger Impotenz und mangelnder Liebesfähigkeit fabulierte.Während ihr Vater mehr politischer ist, neigt sie eher zu Zeitgeistthemen und Lebensphilosophie. Trotz allem sehr nette und interessante Menschen.

    Gefällt 1 Person

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