Murphy´s House

So kann postmoderne Architektur im Sinne einer ernstzunehmenden Weiterentwicklung der Moderne aussehen:

Das Haus wurde vom Royal Institute of British Architects zum house of the year 2016 erklärt.

Das Moderne in der Architektur ist hier klar gebrochen: Ziegel, Holz, Glasbaustein, Stahl uznd mehr in einer kleinen Front. Kein reiner Kubus, sondern ein aufgesetztes Dreieck, Granitverblendungen mal verfugt, mal nicht verfugt und so weiter und so fort. Eine ernstzunehmende Postmoderne wäre genau das: nicht das Zitieren von diesem und jenem, nicht das gegenseitige Versichern des Erkennens von Stilandeutungen des bürgerlichen Kanons, nicht das bloße Herausreißen aus seinerzeit funktionierenden, authentischen Zusammenhängen, sondern eine Kulisse von Störungen, von ästhetischen Zumutungen. Es passt nicht auf den ersten Blick, es ist nicht sofort verwertbar, was ich da sehe. Es ist eine Melange, die durchaus Sinn ergeben kann – soviel weiß ich auf den ersten Blick – aber das Entschlüsseln braucht Zeit, bedeutet Mühe, und das sorgt für Störgefühle, die so notwendig sind.

Der Architekt Richard Murphy hat das Haus für sich selbst gebaut und es in dem  Video eine Freude zu sehen, wie er durchs Haus führt und auf die vielen Details aufmerksam macht, praktisch und bemerkenswert designt.

Man könnte diese Architektur auch als ernstzunehmenden Dekonstruktivismus bezeichnen. Kein stilistisches Geplapper, kein Aufmerksamkeitsheischen, kein Primat der Oberfläche, sondern tiefe Beziehungen, Strukturen, eine Ernsthaftigkeit in der Praxis, im Gebrauch, Achtung und Respekt vorm Nutzer, nicht vorm desinteressierten Passanten. Und so sehen wir ein Gebäude, dessen hervorstechendste optische Eigenschaft das Unfertige ist. Es ist kein Bau, der auf den ersten Blick Wohlgefallen auslöst. Zumindest nicht, wenn man Perfektionismus sucht, eine banal durchgehaltene Idee. Das Gebäude erinnert auch an die unfertige Self-Made-Architektur ärmerer Länder.

Irgendwie kann man sich nicht so ganz vorstellen, dass der BDA so eine Kiste zum Haus des Jahrs erklären würde.

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3 Antworten zu Murphy´s House

  1. hANNES wURST schreibt:

    Tolle Gimmicks und ein zweckmäßiges Design! Fehlt nur ein Laufrad, und es könnte ein Hamsterkäfig sein.

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  2. neumondschein schreibt:

    Das arme Schwein, das in diesem Haus Fenster putzen muss! An den Fenstern hinter dem Bücherregal kommt doch kein Mensch heran! Und bei manchen Fenstern würde ich mir ja das Genick brechen, wenn ich bei der Fenster Reinigung ausrutschen würde! Das ist ja noch schlimmer als die typisch englischen Genickbruchfenster, die andauernd ins Genick fallen, wenn man aus dem Fenster schaut.

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  3. genova68 schreibt:

    Fensterputzen wird generell überschätzt. Das ist der klassische Hausfrauenquatsch. Bis durch ein Fenster wegen Dreck kein Licht mehr kommt, vergeht mindestens eine Dekade. Alle zehn Jahre kann man sich dann auch mal ein bisschen anstrengen.

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