IS, pi-news, Erdogan, Höcke: von Unterschieden und Gemeinsamkeiten

Immer wieder interessant, wie sehr deutsche Rechtsradikale und muslimische Rechtsradikale – sei es in der IS-, sei es in der Erdogan-Auslegung – einer Meinung sind. Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt bekanntlich in der Türkei in Haft. Grund sind seine Zeitungsartikel. Von einem Rechtsstaat kann da nicht mehr die Rede sein. Was machen die Nazis des deutschen Blogs pi-news? Unter dem Claim „Für Demokratie und Menschenrechte“ das hier:

Deniz Yücel soll gern lebenslang sitzen!

Meinethalben kann Yücel lebenslang absitzen. Das wäre nur gerecht, wenn man sich erinnert, dass er Thilo Sarrazin auf übelste Art und Weise den Tod gewünscht hat. Eine bodenlose Unverschämtheit und Frechheit sondersgleichen! Solche Lumpen brauchen wir hier nicht – weder als Journalisten noch als Bürger!

Weil Yücel etwas über Sarrazin sagte, soll er nun in der Türkei lebenslang bekommen. In den Kommentaren wird dann sein Tod gefordert, er möge im Gefängnis „verrecken“ und so weiter.

pi-news als islamfeindlicher Blog könnte die Yücel-Verhaftung als Gelegenheit nutzen, für Menschenrechte und gegen den Islam zu wettern. Der Hass auf einen linken Deutsch-Türken und Vertreter der Lügenpresse ist da allerdings zu groß. Die Entscheidung fällt offenbar leicht. Und so wächst zusammen, was zusammen gehört.

pi-news kann man als Sponsor von Pegida bezeichnen. Es zeigt sich hier einmal mehr die Strategie der aktualisierten deutschen Nazis, die an Hitler erinnert, der noch im Sommer 1939 sagte, dass er doch gar keinen Krieg wolle. „Demokratie und Menschenrechte“ sind das Grundgesetz von pi-news.

AfD, Pegida und Co. als Dauerlügner. Die Lüge ist legitim, solange sie dem Feind schadet und der eigenen Sache dient. Man kann dann auch problemlos behaupten, man trete für Demokratie und Menschenrechte ein. Notfalls legt man das so aus, dass Demokratie und Menschenrechte nur für die Leute gelten, die sich für das Volk halten. Die anderen sind Volksverräter – „Untermenschen“ trauen sie sich noch nicht – und somit ausgenommen.

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass IS-Kameraden, Erdogan-Kameraden und AfD-Kameraden sich zwar offziell ideologisch bekämpfen, aber doch nur Brüder im Geiste sind. Es geht immer um einen konstruierten Feind, der ausgeschaltet werden muss, um Lüge, um Wahn, vielleicht kann man einfach sagen: um das Böse. Ob man nun an den deutschen Herrenmenschen glaubt oder an einen Allah in der IS-Exegese oder an einen in der Erdogan-Exegese, ist egal. Demokratie und Menschenrechte sind die Erzfeinde dieser Leute.

Wobei man – und jetzt kommt der Unterschied – den IS-Leuten mehr Ehrlichkeit zubilligen muss als AfD und Erdogan: Die legen den Koran extrem aus und finden vermutlich Textpassagen, die das Enthaupten von Ungläubigen legitimieren. Die sagen das dann genau so. IS-Leute leben ihren Wahn, ihren Hass offen aus. Deutsche Rechtsradikale sind so peinlich, dass sie allen Ernstes irgendwas von Rechtsstaat, Demokratie, Menschenrechten und Rettung des christlichen Abendlandes erzählen. Hassen die Rechtsradikalen 68 deshalb, weil sie selbst den Untermenschen nicht mehr offziell hassen dürfen? Bei pi-news, auf Facebook und anderswo ist zwar täglich offensichtlich, dass sie vom IS-Niveau nicht weit entfernt sind, aber das muss man offenbar immer vertuschen. Bernd Höcke entschuldigt sich für seine Dresdner Rede. Da hat er sie erst so schön zusammengebastelt, dass auch der Holocaust-Leugner und der Holocaust-Verteidiger zustimmend nicken können und dann rudert er zurück, die Flasche.

Erdogan ist eine ähnliche Flasche, der behauptet auch, die Demokratie verteidigen zu wollen. Und Yücel sitzt nur, weil er Terrororganisationen half. Nicht etwa, weil er kritisch berichtete. Kritisch berichten ist ok, sagt Erdogan. Sagt auch die AfD.

Das würde der IS nie sagen.

Andererseits: Dieses Zurückrudern festigt den inneren Zusammenhalt. Jedes Zurückrudern wird von den Rechtsradikalen als Beleg für ihre These gewertet, dass die Linksgrünversifften zuviel Macht haben. Dann sind sie, die aufrechten Deutschen, das Opfer. Und Opfer zu sein ist diesen Leuten das wichtigste. Erdogan wird von türkischen Menschenrechtlern und Linken ähnliches behaupten. Die sind zu stark und Erdogan wehrt sich doch nur.

Der IS ist da einen Schritt weiter. Er ist Täter und steht dazu. Da sind die Fronten klar.

AfD, pi-news und Co. dagegen behaupten nach wie vor, für Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Das könnte man als einen Erfolg der zivilisierten Gesellschaft betrachten: Es gibt rote Linien, die man nicht überschreiten darf, wenn man eine relevante gesellschaftliche Kraft sein will. Da jedoch das Innenleben dieser Kameraden von Zivilität weit entfernt ist, dient die Lüge nur als notwendige Kaschierung, um gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen. Diese Doppelbödigkeit wird von den Rechtsradikalen allzeit erkannt, erfühlt. Ob Höcke von afrikanischen R-Strategken/Insekten spricht oder vom Holocaust: Die zweite Ebene ist überall eingebaut und ihre Notwendigkeit belegt für diese Leute die Existenz der übermächtigen Linken.

Insofern ist es gut möglich, dass man mit einem IS rhetorisch besser klarkommt. Man redet Tacheles. Man kann mit solchen Leuten dann diskutieren, ob man jemanden enthaupten soll, weil er an den falschen Gott glaubt. Es mögen dann unüberbrückbare inhaltliche Differenzen auftreten, aber man versteht sich. Mit einem Erdogan über Pressefreiheit zu diskutieren, ist schwierig, wenn er allen Ernstes behauptet, die Türkei sei das Land mit der größten Pressefreiheit auf der Welt.

Insofern kann man Höcke nur auffordern, auch Tacheles zu reden, den doppelten Boden wegzulassen.

Möge ihm der Mob von pi-news als Vorbild dienen.

(Fotos: genova 2015)

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5 Antworten zu IS, pi-news, Erdogan, Höcke: von Unterschieden und Gemeinsamkeiten

  1. besucher schreibt:

    Höcke hat sich nur entschuldigt dass er dieses Thema „Auf Bierzeltniveau vergeigt hat“ (O-Ton)..
    Inhaltlich war dies eine klares Statement an seine Kameraden das zu dem steht was er gesagt hat.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, sicher, besucher, Höcke redet immer zweideutig. Seine Reden lässt er sich vermutlich von Kubitschek schreiben.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Zu Einsiedler: Pressefreiheit: Trump bekämpft sie noch mittels Twitter, Erdogan hinter Gitter!

    „Trumps Chefberater Steve Bannon bezeichnet sich selbst als „Leninisten“, dessen erklärtes Ziel die Zerstörung des existierenden Systems in Amerika ist. „Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich will, dass alles zusammenbricht, ich will das heutige Establishment zerstören“, sagte er einmal in einem Interview voller Bewunderung für die von Lenin organisierte Machtergreifung der Bolschewisten in der russischen Oktoberrevolution 1917. Anfang Februar erklärte Bannon: „Wir erleben die Geburt einer neuen, politischen Ordnung.“ Bannon glaubt, dass Amerika alle 80 Jahre eine grundlegende Umwälzung erfährt – nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg sieht er mit der Finanzkrise 2008 jetzt die nächste Zeit für einen fundamentalen Umsturz gekommen.

    Bannon hat Lenins Weg zur Macht genau studiert, davon muss man wohl ausgehen. Auch deshalb sehen es viele Amerikaner mit größter Sorge, dass jetzt ausgerechnet ein rechtspopulistischer Ideologe mit einem unbestreitbaren Sinn für Demagogie der engste Berater des amerikanischen Präsidenten ist. Bannons politische Taktik könne aus einem bolschewistischen Schulbuch stammen, schrieb der Lenin-Kenner Victor Sebestyen dieser Tage im britischen „Guardian“. Und dann zog er einen Vergleich, der vielen größtes Unbehagen bereiten dürfte: Nur zwei Tage nach seiner Machtübernahme habe Lenin damit begonnen, die Presse massiv anzugreifen – Bannon forderte die Presse drei Tage nach Trumps Amtseinführung dazu auf, „die Klappe zu halten“. Lenin sprach in der Staatspresse von der „objektiven Wahrheit, der größeren Wahrheit“, die verbreitet werden müsse – die „alternativen Fakten“ von Trump-Beraterin Kellyanne Conway seien davon nicht weit entfernt, schrieb Sebestyen.

    Mit Trump komme ein Präsident ins Amt, der nach einem autoritären Drehbuch handle, schrieb die CNN-Autorin Ruth Ben-Ghiat wenige Tage vor Trumps Amtseinführung im Januar. Vielleicht ist die viel größere Gefahr, dass das Drehbuch mutmaßlich von Steve Bannon geschrieben wurde.“

    http://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/vokabular-von-donald-trump-erinnert-an-totalitaere-regime-14886530.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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  4. Jakobiner schreibt:

    Na, wie meinte Gauland da einmal programmatisch: „Wer Deutschland nicht liebt, der soll es verlassen“. Das bezog sich freilich nicht nur auf die natideutschen ala Deniz Yücelo der Leute mit Migrationshintergrund mit oder ohne Doppelpass, sondern auch allgemein auf Deutsche, die seinen Nationalismus und Hurrah-Patriotismus nicht teilen. Wahrscheinlich hätte dazu auch Willy Brandt alias Herbert Frahm und Herbert Wehner gezählt.

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