Der Architekt als Stukkateur

Die barocke Basilika im oberschwäbischen Weingarten und die benachbarte Rokkokokirche in Steinhausen bei Bad Schussenried: Als seit längerem norddeutsch sozialisierter Ziegelklassizist fühlt man sich da architektonisch im Ausland. Es könnte Bernini in Rom sein, was hier gebaut wurde. Wobei es bei dem noch wilder zugeht, wenn ich mich recht erinnere.

Das Bauen an sich ist nicht das Wesentliche, so wie es aussieht. Wir haben zwar den konvexen Grundriss und die fehlenden strengen rechten Winkel und Ecken. Eine bauchige Kirche mit dominierendem Mittelschiff und Seitenschiffen, deren Pfeiler einen größeren Querschnitt haben als das Schiff selbst. Dort findet sich auch kein Platz für Kirchenbänke. Es sind eigentlich reine Durchgänge, deren Funktion man nur als solche deuten kann. Eigentlich sind es keine Seitenschiffe, sondern Balkone mit darunterliegendem zufällig entstandenem Raum.

Bedenkt man, dass Architektur schon immer das Bestreben hatte, möglichst große Strecken ohne Stützen überbrücken zu können, also möglichst viel Raum mit möglichst wenig Materie zu produzieren, dann scheint der Barock in dieser Hinsicht nicht viel gebracht zu haben.  Statisch war das Gebaute im 17. und 18. Jahrhundert Standard, vermutlich weit verbreitetes Wissen. Es ist alles eher knuffig. Die Stützen selbst sind von gigantischen Ausmaßen, dicker als jede mittelalterliche Mauer. Kleine Wandöffnungen, keine Spur vom gotischen Strebebogen mehr. Warum hat man den eigentlich aufgegeben?

Es gibt ja die architekturhistorische Sonderform, die man klassizistischen Barock nennt. Eigentlich ein Widerspruch in sich und eigentlich auch nur auf englische und französische Architektur bezogen, beispielsweise auf das Schloss von Versailles. Die bayrischen und oberschwäbischen Barock- und Rokkokokirchen sind mit dem klassizistischen Barock sicher nicht gemeint, aber dennoch kam mir der Begriff beim Betrachen des oberschwäbischen Rokkokos spontan in den Sinn: Die Pfeiler sind völlig ornamentlos und eigentlich schon modernistisch oder klassizistisch kahl oder vielmehr ein Hinüberretten aus der Renaissance. Es geht über fünf oder acht Meter völlig schmucklos hoch. Sähe man nur die Pfeiler, man käme nicht auf die Idee, dass der in einer barocken Kirche steht.

Das Ornament setzt ganz oben an: alles für Gott. Eine Ausnahme sind die Kanzeln, die an die Pfeiler drangesetzt wurden. Man hat sich nicht die Mühe gemacht zu haben, sie architektonisch zu intergrieren. Sie wirken drangeklatscht.


Wie gesagt: Das Bauen ist nicht das Wesentliche: Es geht im Barock offenbar nur am Rande um Architektur. Es geht ums Ornament, um den Schmuck, der ans tragende Gerüst gehängt wird. Der Architekt als Stukkateur.

Ein Unding sind die Deckenbilder: So hoch angebracht, dass man von unten kaum die Details sieht und sich dabei außerdem den Hals verrenkt. Hätten die Erbauer damals einen Sinn fürs Praktische gehabt, sie hätten Decken und Betten und Ferngläser in der Kirche auslegen und auf- und bereitstellen lassen. Die Voraussetzungen zum Kunstgenuss wären gegeben. So steht man mit verformtem Hals, im Winter bei Minusgraden, und sieht verschwommen irgendwas Buntes. Schlimmer noch: Gott sieht es auch nicht, der kann ja nur von oben gucken. Vermute ich. Andererseits möchte man die Kulisse oben gerne reinbeißen. Es hat etwas Kulinarisch-Sinnliches.

Dennoch ist Gott alles. Alles richtet sich nach oben. In der weltlichen barocken Architektur ist nicht umsonst alles auf den Fürsten, den Herrscher, den Kaiser, den Führer gerichtet. Vermutlich haben sich 99 Prozent der Menschen zwischen 1600 und 1750 kein bisschen um den Barock gekümmert. Medial haben sie nichts mitbekommen und real haben sie diese Gebäude wohl nie gesehen. Kein Mensch wohnte barock. Kein Mensch arbeitete in einem barocken Umfeld.

Auffällig sind die transparenten Fenster: keine Glasmalerei. Fürchtete man sich vor dunkleren Räumen? Die Barockarchitekten kannten Karl Moser nicht.

Man fragt sich, was dieser Barock eigentlich sollte. Ein Schwelgen im Sinnlichen, aber nur entfernt, ganz weit oben, oder nur für den absolutistischen Herrscher und sein debiles Gefolge. Ein unglaublicher Aufwand, der einen Überfluss zeitigte, der sich extrem der realen Welt entgegenstellte. Er passte zu dieser merkwürdigen Zeit der Gegenreformation, er passte auch auch zum Dreißigjährigen Krieg. Eine solch perverse Veranstaltung braucht Architektur, die keinerlei rationaler Erklärung bedarf.

Barocke Gebäude sollte man nur aus Teig und bunter Schokolade herstellen und Karl Moser als Lichkünstler engagieren. Dann beißt man rein, erlebt Architektur wie auf Droge und der Spuk ist vorbei.

(Fotos: genova 2016)

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