Vom unrettbaren Verlorensein

Es soll hier kurz um Susanne Kablitz gehen. Susanne Kablitz hat am 10. Februar 2017 in ihrem Blog einen Beitrag mit dem Titel „Dieses Land ist unrettbar verloren“ publiziert. Am 11. Februar hat sie sich das Leben genommen. Sie war drei Tage vorher 47 Jahre alt geworden.

Ich kannte Frau Kablitz nur von ein paar Beiträgen im Netz. Sie war politisch um die libertäre Zeitschrift eigentümlich frei positioniert. Das sind Leute, die einerseits selbst die FDP für eine sozialistische Partei halten und andererseits keine Berührungsängste mit dem rechtsradikalen Milieu haben. Bei der AfD ist wohl Alice Weidel die bekannteste Vetreterin dieser Richtung. Neoliberalismus und Rechtsradikalismus laufen hier folgerichtig zusammen.

Susanne Kablitz war darüber hinaus Bundesvorsitzende der „Partei der Vernunft“, die vernünftigerweise Partei der Unvernunft heißen sollte. Auch hier werden radikal libertäre Positionen vertreten. Der Staat ist von Grundübel und soll weg, es gibt keine Gesellschaft, sondern nur freie Individuen, die für sich selbst verantwortlich sind, das auch wunderbar hinbekommen und zum eigenen Wohl und also zum Wohle aller das uneingeschränkte Vertragsrecht haben. Es ist so eine Art Vorstufe des biblischen Paradieses mit Orientierung an der Österreichischen Schule, also eine detaillierte Ikea-Kinderwelt für Erwachsene und nicht weiter Ernst zu nehmen. Real würde die Umsetzung solcher Ideen wohl zu Bürgerkriegen führen.

Interessant ist all das vor dem Hintergrund des letzten Artikels von Frau Kablitz. Der Artikel beginnt so:

Es gibt diesen Tag im Leben eines jeden Menschen, wo er sich einer Sache definitiv sicher ist. Wo er genau und 100%ig weiß, dass es so kommen wird wie er es sich niemals gewünscht hat. Ein solcher Tag ist auf der einen Seite bedrückend, auf der anderen ungemein befreiend. Denn man weiß, dass man gegen den Fortgang der Geschichte nicht ankommen wird. Egal, was man schreibt oder sagt oder tut.

Vor dem Hintergrund ihrer Selbsttötung sind diese Zeilen eindeutig. Die korrekte Überschrift hätte also lauten müssen:

„Ich bin unrettbar verloren.“

Oder vielleicht besser:

„Ich meine, unrettbar verloren zu sein.“

Stattdessen schob sie „das Land“ vor, was absurd ist. Das Land besteht aus 80 Millionen unterschiedlichen Menschen, da müsste man erstmal diskutieren, wer verloren ist und wer nicht. Und bei aller Kritik, die man an der Bundesrepublik anbringen kann, besteht objektiv kein Grund, sich wegen ihres Zustandes das Leben zu nehmen.

Ich schreibe diese Zeilen nur, weil es hier so eine merkwürdige Diskrepanz gibt: Susanne Kablitz gab vor, für das vollständig selbstverantwortliche Individuum einzutreten, das sich von jeglicher Eingefasstheit nur eingeschränkt fühlen kann. Es ging ihr in Wahrheit natürlich nur um die ökonomische Disposition, aus der die anderen Unabhängigkeiten dann wohl irgendwie folgen sollten. Das kapitalistische System sollte zu seiner Vollendung gebracht werden, aus der dann selbstständige, unabhängige, eigenverantwortliche und glückliche Wesen entstehen.

Es hat etwas von einer Sekte.

Es sieht nun so aus, als sei Frau Kablitz extrem unselbstständig und extrem uneigenverantwortlich gewesen. Statt sich einzugestehen, dass sie selbst offenbar erhebliche Probleme hat, hat sie stellvertretend „dem Land“ diese existenziellen Probleme angedichtet. In ihrem letzten Artikel schrieb sie (Fettschreibungen im Original):

Egal, was man auch versucht: die meisten Menschen auf der Welt (zumindest ist nach den gemachten Erfahrungen davon auszugehen) glauben fest an die Obrigkeit, an die Gottheit Staat, an den Schuldkult, die Selbstverleugnung und sind tief verwurzelt in ihrem Hass auf sich selbst.

Egal, wie sehr man auch darauf hinweist, dass die meisten Menschen auf dem direkten Weg in die Hölle sind – nichts ändert sich. Im Gegenteil. Man wird sogar beschimpft, belächelt und verleugnet.

Alle sind Geisterfahrer, nur Frau Kablitz nicht.

Als Belege für die Höllenfahrt führt sie unter anderem die negativen Reaktionen auf die Dresdner Rede von Bernd Höcke an. Sie sieht in der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen „Schuldkult“ am Werke und meint:

Schuld ist persönlich. Sie anzuerkennen eine individuelle Entscheidung, ein individuelles Eingeständnis. Etwas, womit jeder INDIVDUELL leben muss, wenn er sie anerkennt und auch, wenn er sie nicht anerkennt

Wie sieht es dann mit der Schuld an ihrem Tod aus? Ist die Höllenfahrt Deutschlands Schuld, sind es die Leute, die den „Schuldkult“ betreiben? Oder sie? Auch wenn sie davon nichts schreibt?

Wer ist noch Schuld an der unrettbaren Verlorenheit Deutschlands?

Frau Kaublitz nennt „degenerierte Menschen, die sich an Martin Schulz klammern“, und den Berliner Regierungschef Michael Müller, einem „absoluten Vollversager, der in seinem gesamten Leben noch keinen Tag wertschöpfend gearbeitet hat und nur aufgrund einer Koalition mit Grünfaschisten und Mauermördern die pleiteste Dreckskloake Deutschlands endgültig ruinieren darf“, und fasst dann die Gründe für Deutschlands Untergang zusammen:

Banken- und Euro-Rettung, Bürokratieirrsinn, explodierende Kriminalität, Kriegstreiberei, Staatsfernsehen, Rekordsteuersätze, Glühbirnenverbot, Energiewende, Überwachungsstaat, Terror, Drangsalierung von Rauchern, Autofahrern, Selbstständigen und Unternehmern, Genderwahn.

Dann wird sie deutlich:

Lange habe ich mich dagegen gewehrt, dass diese Menschen ihr Unheil verdienen. Aber das tue ich nicht mehr. Sie sind es wirklich selber schuld.

Und so wird es auch wieder sein: Im September wird der Großteil wieder eine der „großen“ Parteien wählen.

Die Leute sind also selbst schuld, wenn sie nicht die Partei der Vernunft wählen, und deshalb hat Frau Kablitz es ihnen jetzt gezeigt. Sie tötet sich, macht das öffentlich und behauptet indirekt, die quasi-sozialistische Gesellschaft habe das nötig gemacht. Es ist ein Wahnsinn.

Und dann zum Stichwort Untergang:

Es ist einfach nur noch widerwärtig. Möge er bald kommen und möge er endgültig sein, denn wer aus dem letzten Untergang nichts gelernt hat, hat keine dritte Chance verdient.

Vielleicht kann es auf diese Weise irgendwann wieder gut werden. Mit Menschen, die aufrecht gehen, selbstbewusst sind und sich von ihrer Staatsbesoffenheit erholt haben. Die, die auf diesem Weg auf der Strecke geblieben sind, sind eben die Opfer.

Aber – so hoffe ich – wenigstens für einen guten Zweck.

Es erinnert an Hitler, mit dem Unterschied, dass Frau Kablitz nicht über seine Mittel verfügte. Weil es ihr schlecht geht, sollen alle untergehen. Das erste von ihr definierte Opfer ist nun sie.

Ich habe den Eindruck, als habe Frau Kablitz ihr öffentliches Leben lang Bedürfnisse verbalisiert, die das Gegenteil ihrer indivduellen waren. Sie sehnte sich insgeheim nach einer wie auch immer gestalteten Gemeinschaft, statt dessen propagierte sie das Gegenteil als glücksmachende Option. Sie war nicht in der Lage, ihre eigene Verantwortlichkeit auch nur im Ansatz zu sehen, nicht einmal die für sich selbst. Stattdessen ist sie selbst im Angesicht des eigenen Todes nur zur Lüge fähig: Die Gesellschaft in Form eines angeblichen linken Establishments ist schuld. Wegen Raucherdiskriminierung und Genderwahn und Glühbirnen bringt man sich jedenfalls nicht um.

Skurrilerweise ist ein früherer Bundesvorsitzender der Partei der Vernunft, Oliver Janich, auf einem ähnlichen Trip. Er hat vergangenes Jahr Deutschland verlassen – nach eigenen Angaben wegen der vielen Flüchtlinge, die ein Leben in Deutschland unmöglich machen. Der Bürgerkrieg steht auch vor der Tür. Er lebt jetzt irgendwo in Südostasien.

Diese vermeintlichen Totalfreiheitlichen sind vielleicht nichts anderes als hilfsbedürftige Angsthasen – so wie Rechtsradikale ohnehin meistens. Waschlappen mit großer Klappe. Frau Kablitz ging den Weg nach innen – so wie leider eher Frauen das tun -, Janich schwafelt weiter übers Internet sein wirres Zeug.

Extrem individualistisch argumentietend, dabei extrem aufs Kollektiv fokussiert.

Zum Schluss noch einmal ein O-Ton aus dem letzten Blogeintrag:

Es gibt diesen Tag im Leben eines jeden Menschen, wo er sich einer Sache definitiv sicher ist. Wo er genau und 100%ig weiß, dass es so kommen wird wie er es sich niemals gewünscht hat.

Sie als die Möchtegern-Individualistin suggeriert hier den Lesern, die Entwicklung Deutschlands zu meinen und meint nur sich selbst. Sie hat ihre Eigenverantwortung komplett an eine Gruppe abgegeben, die sie öffentlich verachtet hat und von der sie vermutlich zugleich dringend Hilfe erwartete und benötigte. Diese Gruppe hat ihr die Hilfe verweigert.

Vielleicht ist die Gesellschaft viel näher an dem Kablitzschen Idealzustand dran, als Kablitz das meinte. Nicht als links-kollektivistisch deformierte Masse. Sondern als individualisiert-entsozialisierte. There is no society.

Vielleicht wurde Susanne Kablitz das zum Verhängnis.

Vielleicht ist es auch das letzte, dass ich sowas über eine Tote schreibe. Dann bitte ich ernsthaft um Verzeihung.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Gesellschaft, Kapitalismus, Lebensweisen, Neoliberalismus, Politik, Rechtsaußen, Religionen abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Vom unrettbaren Verlorensein

  1. spitzfinder schreibt:

    Selbstmord aus Angst vor dem Tode (welche natürlich eigentlich eine tiefe Lebensangst ist). Oft das selbstgewählte Schicksal der Träumer/innendes Absoluten – tragisch, aber nicht neu,
    siehe hierzu auch diesen Blog-Beitrag: https://meinekrise.wordpress.com/2016/03/14/angsthasen-alarm/

    Gefällt mir

  2. dame.von.welt schreibt:

    Vielleicht ist es auch das letzte, dass ich sowas über eine Tote schreibe. Dann bitte ich ernsthaft um Verzeihung.

    Wen bitten Sie denn ernsthaft um Verzeihung? Lieber Genova, das ist wirklich hohl, denn Frau Kablitz kann sich weder sich zu Ihrem Blog äußern noch Ihnen verzeihen.

    Es ist vollkommen egal, welcher politischen Richtung sie angehörte, welche Gedanken sie gedacht und veröffentlicht hat, ob die falsch, richtig, logisch, unlogisch sind und ob Sie mit Ihren Überlegungen recht haben oder nicht: von den Toten nichts, außer auf gute Weise.
    Mir wäre wohler, wenn Sie diesen Blog löschen, ist nicht auf gute Weise.

    Gefällt mir

  3. Peleo schreibt:

    Kein Grund, um Verzeihung zu bitten. Sonst dürfte man auch über Hitler (der Vergleich ist nicht zu weit hergeholt) auch „nur Gutes“ schreiben – also nichts.

    Die Externalisierung innerer Konflikte und ihre Verschiebung auf die politische Ebene ist gefährlich. Ein Wahnsystem. Vor allem, wenn sie so perfekt formuliert und vorgeblich rational daherkommt.

    Gefällt 1 Person

  4. dame.von.welt schreibt:

    Es scheint so, als müßte ich noch eine Begründung für meine Meinung liefern, Sie schreiben:
    Es sieht nun so aus, als sei Frau Kablitz extrem unselbstständig und extrem uneigenverantwortlich gewesen. Statt sich einzugestehen, dass sie selbst offenbar erhebliche Probleme hat, hat sie stellvertretend „dem Land“ diese existenziellen Probleme angedichtet.

    Nein, es sieht nach ein klein bißchen Recherche auf rechten bis rechtsradikalen Seiten so aus, als sei sie schon seit Jahren krebskrank gewesen, was der Grund für ihren Freitod gewesen sein dürfte. Meines Wissens gibt es keine Verpflichtung, eine schwere Erkrankung öffentlich zu machen, um jede/n Neugierige/n zu befriedigen.

    Man kann ihren letzten Blog vermutlich als eine Art politisches Vermächtnis begreifen – um so dümmer, ihr noch auf diesen Leim zu kriechen und für ihn durch Widerspruch Werbung zu machen. Und um so pietätloser, über das Leid von egal wem ohne jede Recherche zu spekulieren.

    @Peleo, Sie meinen:
    Sonst dürfte man auch über Hitler (der Vergleich ist nicht zu weit hergeholt) auch „nur Gutes“ schreiben – also nichts.

    Im Gegensatz zu Frau Kablitz war Hitler eine extrem prominente Figur der jüngeren Geschichte.
    Mir war Susanne Kablitz vor Genovas verzichtbarem Blog unbekannt und eigentlich bin ich über die deutschen Rechten ganz gut informiert. Ihr Vergleich ist nicht nur zu weit hergeholt, der kriecht auf allen Vieren.

    Gefällt mir

  5. genova68 schreibt:

    Susanne Kablitz hat mit ihrem letzten Blogeintrag ja quasi zu Spekulationen aufgefordert und wenn sie sich wegen der Krebserkrankung umbrachte, dann ist es noch merkwürdiger, das Land dafür verantwortlich zu machen. Dass man über Tote nur Gutes oder nichts sagen darf, naja. So sehen viele Nachrufe auch aus.

    Ich schreibe nur über das, was sie öffentlich postete. Natürlich kann sie sich nicht mehr äußern, aber sie selbst hat zu Lebzeiten ihre Begründungen vorgelegt. Öffentlich.

    Ihr allerletzter Blogeintrag ist übrigens die Veröffentlichung ihres Todesdatums. Ich gehe ihr nicht auf den Leim, wenn ich dazu etwas schreibe. Sie, liebe dame von welt, meinen, ich hätte jetzt für die Libertären oder diese Partei Werbung gemacht?

    Gefällt mir

  6. besucher schreibt:

    Immerhin hat sie die ganze Zeit „Bernd Höcke“ geschrieben:

    Gefällt mir

  7. dame.von.welt schreibt:

    Sie, liebe dame von welt, meinen, ich hätte jetzt für die Libertären oder diese Partei Werbung gemacht?

    Selbstverständlich, denn: es gibt keine schlechte Werbung. Nur keine Werbung ist schlechte Werbung.
    Sie kriechen ihr mit Ihren spekulativen Gewiß- und Eindeutigkeiten über den Grund für ihren Freitod nicht nur auf den politischen Leim, sondern Sie sägen damit auch an der Reputation Ihres Blogs. Das finde ich mehr als bedauerlich, deswegen schreibe ich Ihnen, was ich über Ihr Verhalten denke.

    Die Reihenfolge ist umgekehrt zu verstehen – es geht nicht um „Dass man über Tote nur Gutes oder nichts sagen darf„, sondern um *von den Toten nichts* laaaange Pause, kann man zum Denken nutzen *außer auf gute Weise* Selbst die Kronenzeitung hielt sich anläßlich des Todes von Thomas Bernhard an diesen Grundsatz.

    Als Eindeutigkeit verkaufte Spekulationen über einen politischen Grund für den Freitod eines krebskranken Menschen verbieten sich doppelt und dreifach – nennen Sie das meinetwegen Anstand oder Minimalniveau.
    Mir wäre immer noch wohler, wenn Sie diesen Blog löschen, denn dem fehlt jede gute Weise (darunter fällt auch Minimal-Recherche, noch ein Beispiel: Frau Kablitz trat bereits 2014 vom Parteivorstand zurück und verließ die Partei ganz)

    Gefällt mir

  8. Jakobiner schreibt:

    Ich kapiere nicht, was sich Dame von Welt so aufregt. Genova hat nur sehr plastisch und gut illustriert den libertären Wahn beschrieben, die diese Ayn-Rand-Jünger vertreten und in Form dieser Frau bestens representiert wird. Warum sollte man Mitleid mit derart mitleidlosen, meschenverachtenden, sozialdarwinistischen Gestalten haben? Und folgenden Satz kann ich voll unterschreiben:

    „Vielleicht ist die Gesellschaft viel näher an dem Kablitzschen Idealzustand dran, als Kablitz das meinte. Nicht als links-kollektivistisch deformierte Masse. Sondern als individualisiert-entsozialisierte. There is no society.“

    Im übrigen: Könnte man diesen Artkel reposten mit Linkangabe, da ich vorhabe etwas über den Libertarismus zu schreiben und das themenmäßig gut reinpassen würde?

    Gefällt mir

  9. Jakobiner schreibt:

    Zudem könnte diese Dame ja auch schreiben: Ich bringe mich wegen des Krebs um, weil ich keine Leiden haben will, aber sie begründet das ja mit den angeblich unzumutbaren Zuständen des Landes, klammert also ihre Krebskrankheit selbst themenmäßig und als Grund aus. Von daher ist es konsequent, wenn Genova diese Sorte libertärer Kritik ordentlich auseinandernimmt und ein Psychoprofiul zeichnet.

    Gefällt mir

  10. besucher schreibt:

    Also wenn diese Leute so sehr von staatenloser Ordnung plärren dann sollten sie sich mal die Zustände in Somalia anschauen…

    Gefällt mir

  11. hANNES wURST schreibt:

    In den 90ern war ich Patient in einer psychiatrischen Klinik. Es gab für alle Patienten der Station an einigen Tagen einen morgendlichen Stuhlkreis, Eines Morgens fehlte eine Patientin, und zu Beginn der Runde ergriff die leitende Stationsärztin das Wort. Die fehlende Patientin hatte sich am Vortag während eines Ausgangs von einem Dach gestürzt und war verstorben. Diesen Selbstmord hatte sie außerdem vorher zwei Mitpatienten gegenüber angedeutet, jedenfalls musste man dies im Nachhinein so interpretieren. Die Ärztin war scheinbar weniger über diesen Vorfall betroffen, als erbost. Sie schimpfte – und das obwohl sie sonst eher einen ruhigen und mitfühlenden Eindruck machte – lauthals in Gegenwart aller Patienten der Station über das unverantwortliche Verhalten der Verstorbenen. Mir kam dies vollkommen deplatziert und unpietätisch vor. Niemand ergriff jedoch das Wort zur Verteidigung der Mitpatientin, was am eindringlichen Tonfall der Ärztin oder am labilen und zusätzlich durch Medikamente eingelullten Zustand der Patienten gelegen haben kann. Jedenfalls denke ich bis heute über diese Situation nach und natürlich darüber, wie professional und sinnvoll (oder eben nicht) die Reaktion der Ärztin war.

    Gefällt 1 Person

  12. genova68 schreibt:

    „Als Eindeutigkeit verkaufte Spekulationen über einen politischen Grund für den Freitod eines krebskranken Menschen verbieten sich doppelt und dreifach – nennen Sie das meinetwegen Anstand oder Minimalniveau.“

    Liebe dame von welt,
    da habe ich halt einen anderen Standpunkt – vielleicht auch eher einen Wackelpunkt, weil das natürlich ein Thema jenseits einfacher Meinungsverschiedenheitenist. Kaublitz hat ihren Tod öffentlich gemacht und in ihrem Blog inszeniert. Sie hat Gründe vorgetäuscht, die keine sind. Ob sie Krebs hatte oder ein psychisches Leiden, ist da völlig egal. Nochmal: Sie hat den desolaten Zustand der Gesellschaft für ihren Tod verantwortlich gemacht, sie hat ihren Wahn bis in den Tod konsequent betrieben – eben öffentlich. Sie, die angeblich radikale Eigenverantwortung wollte, hat das Gegenteil inszeniert. Sie hat mit ihrem Blog alle getäuscht, vermutlich auch sich selbst. Das ist tragisch und das habe ich in einem Artikel kommentiert.

    Der Vergleich zu Bernhard hinkt deshalb auch. Bernhard machte sein Leben in guten Teilen öffentlich, da gab es bei seinem Tod nichts neues, er starb einfach. Bei Kaublitz ist gerade der extreme Widerspruch, der sie bis in den Tod begleitete und da sozusagen einen Höhepunkt erlebte, das Bemerkenswerte. Ich nehme deshalb für mich in Anspruch, mich mit meiner Aufmerksamkeit um sie zu kümmern, postum sozusagen. Ich meine es ja nur ehrlich mit ihr. Das könnte man Anstand, nennen oder?

    Die Reputation meines Blogs ergibt sich aus dem, was ich schreibe. Wenn die nun Ihrer Meinung nach im Eimer ist, dann merke ich nur lakonisch an: That´s life. Löschen tue ich nie etwas, wenn das nicht gerade ein Rechtsanwalt verlangt. Das wäre doch ein kindisches Verhalten. Wenn der Blog gedruckt wäre, müsste ich dann das Papier wieder einsammeln?

    Jakobiner, du kannst mit Quellenangabe alles hier reposten. Von deinem Satz vom Mitleid möchte ich mich allerdings ziemlich deutlich distanzieren.

    Gefällt mir

  13. dame.von.welt schreibt:

    Kaublitz hat ihren Tod öffentlich gemacht und in ihrem Blog inszeniert. Sie hat Gründe vorgetäuscht, die keine sind. … Nochmal: Sie hat den desolaten Zustand der Gesellschaft für ihren Tod verantwortlich gemacht, sie hat ihren Wahn bis in den Tod konsequent betrieben – eben öffentlich. Sie, die angeblich radikale Eigenverantwortung wollte, hat das Gegenteil inszeniert. Sie hat mit ihrem Blog alle getäuscht, vermutlich auch sich selbst.

    Das sind IHRE Spekulationen, genova. Seit wann bitte tun Sie, was Ihre politischen Gegner wollen? Sie können nicht mal wissen, ob der Eintrag mit dem Todesdatum in Kablitz Blog von ihr ist – der könnte genausogut von ihrem Mann sein, der ihre Follower über ihren Tod informiert. Es ist unerheblich, aus welchen Gründen sie sich umgebracht hat, sie ist tot und kann sich zu Spekulationen nicht mehr äußern, was Spekulationen über die Gründe für ihren Freitod grundsätzlich und über ihre Inhalte für eine längere Weile verbietet.

    Der Vergleich mit Bernhard und der Kronenzeitung hinkt eben nicht im Bezug auf *Über die Toten nichts, außer auf gute Weise* und das ist in der Tat ein Thema jenseits einfacher Meinungsverschiedenheiten. Sie wissen, daß ich Sie und Ihren Blog sonst sehr schätze, ich hatte ihn gerade am Sonntag noch wärmstens empfohlen. Ihre hier vorgetragene Idee von ehrlich-meinen und Anstand aber ist mir so widerlich, daß ich Ihren Blog erstmal aus meiner Blogroll genommen habe, bis das da oben auf die eine oder andere Weise verschwunden ist.

    Schreiben Sie bloß fleißig Ihre großartigen Blogs über Architektur, Wohnraumspekulation, Politik, lebende Rechtsradikale und Neoliberale und veröffentlichen Sie viele Ihrer tollen Fotos, damit dieser tiefe Griff ins Klo möglichst schnell unrettbar verloren ist, in der begrenzten Aufmerksamkeitsökonomie.

    Danke an hANNES wURST für den einzigen Kommentar hier, dem ich mich anschließen kann. Ich habe die gleichen (nur eben ganz andere) Erfahrungen mit Suiziden und mit unüberlegtem bis bösartigem Umgang damit gemacht.

    Gefällt mir

  14. hANNES wURST schreibt:

    Hallo Damen von Welt, ich habe den Umgang der Ärztin mit dem Thema nicht „unüberlegt“ oder „bösartig“ genannt. Mein damaliger erster Eindruck ging vielleicht in die Richtung, aber ich habe auch Respekt vor der professionellen Meinung der Psychiaterin. So wie die Trauerfeier nicht für die Verstorbenen sondern für die Trauernden ausgerichtet wird, so kann man auch nach einem Suizid ganz konsequentialistisch vorgehen. Zum Beispiel kann der Suizid verurteilt werden, um möglichen Nachahmern die Nachteile des Selbstmordversuchs für die Nachwelt zu verdeutlichen. Das war wohl auch das Anliegen der Ärztin. In der Therapierunde saßen allerdings keine Angehörigen der Verstorbenen – das ist bei einer medialen Abrechnung anders. Aus diesem Grund könnte ich auch Ihre Verärgerung über genovas Artikel verstehen, eben weil die ohnehin schon Trauernden vielleicht eine solche posthume Abrechnung lesen müssen. Allerdings finde ich Ihre Kritik etwas überzogen, es handelt sich hier ein Blog, also um mehr oder weniger spontane Aufzeichnungen in einem sehr persönlichen Kontext und nicht um das Editorial der Deutschen Apothekerzeitung.

    Gefällt mir

  15. dame.von.welt schreibt:

    Hallo hANNES wURST, wie geschrieben sind meine Erfahrungen wie Ihre, *nur eben ganz anders* und ich nenne das erlebte Verhalten aus Gründen unüberlegt bis bösartig.
    Das wollte ich Ihnen aber nicht in den Mund schieben, tut mir leid, wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte.
    Ebensowenig wie im Editorial der Apothekerzeitung sind wir hier in einer Therapierunde, in der möglichen Nachahmern die Nachteile von Suiziden für die Nachwelt verdeutlicht werden oder in einem sehr persönlichen Kontext, sondern in einem öffentlichen, potentiell weltweit nachlesbaren Blog. Was auch immer das hier ist und noch werden wird, bin raus.

    Gefällt mir

  16. Linker, der es noch sein will schreibt:

    Ich verstehe das Gejammer nicht.
    Da hat sich jemand aus freien Stücken selbstgemurkst.
    Das Menschlein wollte es so.
    Gute Heimreise noch.
    Und nun aus Frankfurt die Wetterkarte.

    Gefällt mir

  17. genova68 schreibt:

    Und ich will, dass ein Arschloch wie du hier nicht mehr auftaucht.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s