Friedrich Engels: „… immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen“

Liest man ein wenig in Friedrich Engels 1872 geschriebenem Text „Die Wohnungsfrage“, findet man eine Menge Stellen, die klingen, als seien sie heute geschrieben worden.

Diese hier, zum Beispiel:

Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bonapartismus hat durch seinen Haussmann in Paris diese Tendenz aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet; aber auch durch London, Manchester, Liverpool ist der Geist Haussmanns geschritten, und in Berlin und Wien scheint er sich ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.

Die Knappheit des Bodens erhöht dessen Marktwert, und Büros und Gewerbeflächen erzielen mehr Rendite als Wohnungen. Ein Unterschied zu früher ist im aktuellen Berlin, dass man alte Wohnungen nicht mehr abreißt, weil die die höchsten Wertzuwächse verzeichnen. Andererseits stimmt die Aussage Engels auch heute noch bedingt, da das Phänomen des Abrisses für viele Nachkriegs- und DDR-Bauten gilt, die sich nicht so gewinnsteigernd vermarkten lassen wie Häuser aus der Gründerzeit oder Neugebautes.

Die Warenlager und die öffentlichen Gebäude, die Engels erwähnt, müsste man heute mit „Büros“ und „Hotels“ ersetzen. Bemerkenswert, dass man damals offenbar öffentliche Gebäude in solcher Zahl baute, dass das die Bodenpreise nach oben trieb. Vielleicht meinte Engels die vielen Gerichtsgebäude und solche der öffentlichen Verwaltung des gerade entstandenen Deutschen Reiches. Von neuen öffentlichen Gebäuden ist heute jedenfalls nichts zu sehen, wenn man von dem Spezialfall des Berliner Stadtschlosses absieht.

Der letzte Satz von Engels ist brandaktuell, wobei man den Begriff des Arbeiters durch andere ersetzen könnte. Das Phänomen der Verdrängung via Gentrifizierung geht bis weit hinein in die sogenannte Mittelklasse. Wobei diese Grenzziehung eigentlich überflüssig ist, denn es muss ja jeder mehr für´s Gleiche zahlen.

„Nur in Ausnahmefällen Arbeiterwohnungen bauen“ – so ist es. Bekanntlich besteht in Berlin seit mehr als zehn Jahren dringender Bedarf an halbwegs preiswerten (ein aus linker Sicht interessanter Begriff) Wohnungen. Die aktuelle Politik vertraut auf sogenannte Investoren, deren genuines Anliegen es allerdings gar nicht ist, Wohnungsnot zu lindern oder überhaupt Wohnungen zu bauen. Sie bauen irgendwas, es muss nur Rendite bringen. Bei Immobilieninvestoren sehen diese Dinger zufällig aus wie Wohnungen, sie müssen aber nicht als solche genutzt werden. Von Interesse ist lediglich der Spekulationswert, also das gesamtgesellschaftliche Versprechen, dass der Tauschwert dieser Dinger steigen wird. Das Ding ist ein Sammlerobjekt, dessen Sinn alleine im Sein in einem kapitalistischen Umfeld und in der Rolle eines Mediums für künftige Geldvermehrung liegt.

Insofern sieht man also ganz schlicht am Markt die Realität der Politik. Da seit mehr als zehn Jahren die Preise in Berlin und anderswo massiv steigen, kann man ohne Umschweife auf eine asoziale, also prokapitalistische Politik schließen. Denn nur, wenn die Politik signalisiert, dass sie nichts gegen massive Preissteigerungen unternehmen wird, steigen die Preise. Würde die Politik ernsthaft ein Vorgehen gegen diese Entwicklung auch nur ankündigen, sänken die Preise schlagartig.

Die Existenz der asozialen Politik verwundert nicht wirklich, und der Text von Engels zeigt, dass man von diesen Funktionsweisen auch schon vor 150 Jahren wusste.

Der Unterschied liegt vielleicht darin, dass in der Gesellschaft damals mehr Bewusstsein über die Lage herrschte als heute. Heute kann man auf einer sich irgendwie als links-progressiv verstehenden Berlinale-Party sich von Restaurantbetreibern erzählen lassen, dass sie den Preis fürs Essen erhöhen müssen, weil gerade eine 30-prozentige Mieterhöhung hereingeflattert kam und das Nachbarrestaurant deswegen schon dichtgemacht hat. Das hat keinerlei Folgen. Weder für die Party noch für die Links-Progressiven. Dass der kapitalistische Verwertungsprozess vor nichts haltmacht, ist allgemein akzeptiert, auch wenn man gelegentlich murrt.

Zweifach skurriler noch: Es gehört einerseits zum guten Ton, sich kapitalismuskritisch zu geben, aber ohne jede Folge. Es ähnelt dem Phänomen, sich wetterkritisch zu geben, wenn der Winter nicht weichen will. Beides sind Naturzustände. Andererseits kann das teurere Essen in unserer PR-affinen Zeit schnell zum besseren Essen umgemodelt werden. Konkret: Man steigt eine Klasse auf, wenn man sich das teurere Restaurant leistet. Analog zum Nespresso, dessen abartig hoher Preis gerne bezahlt wird, weil man damit stiltechnisch aufsteigt.

Warum man bei der Lektüre der Engelsschen Wohnungsfrage über den Verfasser auch den Kopf schütteln kann, erläutern wir, wie man sagt, in Kürze.

(Foto: genova 2015)

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2 Antworten zu Friedrich Engels: „… immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen“

  1. schlingsite schreibt:

    Mietpreissteigerungen mit Rentenerhöhungen zu koppeln, wäre vielleicht eine denkbare Lösung.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, ein Zwischenschritt zumindest. Meiner Meinung nach sollte man den Immobilienbereich komplett aus der Verwertung herausnehmen. Reale Kosten sind zu bezahlen, das war´s. Siehe die Wohnungspolitik in Wien.

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