Es ging ein Ruck durch den Roman..

…und dann war´s um ihn geschehen.

181Bemerkenswert oder auch erwartbar: Der frühe Initiator und Apologet der neoliberalen Vernichtungsmaschinerie, Roland Herzog, wird nach seinem Ableben vom deutschen Establishment zum intellektuellen Supermann hochgejazzt, wie man sagt. Der Deutschlandfunk nennt als sein wichtigstes Vermächtnis seine Aufforderung, von „liebgewordenen Besitzständen Abstand zu nehmen“. Die meinen das vermutlich positiv.

Die Würdigungen sagen viel über den geistigen Zustand dieses Landes aus. Gauck nennt ihn eine „markante Persönlichkeit, die das Selbstverständnis Deutschlands und das Miteinander in unserer Gesellschaft geprägt und gestaltet hat“. Ja, stimmt. Ähnliches wird man einmal über die deutsche Figur Gauck sagen.

Merkel meint, „seine kluge Stimme wird uns fehlen“. Nö. Denke ich an seine Stimme, denke ich vor allem an ihre unangenehme Frequenz und an diesen komischen Dialekt. Aber dafür kann er nichts. Für das, was er mit seiner Stimme inhaltlich anstellte, schon.

Der Spiegel nennt ihn allen Ernstes einen „unbequemen Mahner“. Geilomat. Ich hoffe, Herzog beschwert sich auf seiner Wolke. „Unbequemer Mahner“ läuft heutzutage auf den Levels „Querdenker“ und „Gegen-den-Strom-Schwimmer“, also Trottel, die rechtes Gemecker mit Kritik verwechseln. Total unbequem, dieser Herzog. Für wen eigentlich?

Nun hat der liebe Gott dafür gesorgt, dass Herzog von seinen ihm sicher liebgewordenen irdischen Besitzständen Abstand nehmen muss. Die hat der nette Herr bei seiner Rede sicher nicht gemeint. Aber nach unten treten war schon immer gute deutsche Tradition.

Möge seine dünne Stimme in Frieden ruhen.

(Foto: genova 2014)

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5 Antworten zu Es ging ein Ruck durch den Roman..

  1. Jakobiner schreibt:

    Der „Ruckrede“ folgte dann rot-grün, die mittels der Agenda 2010 damit ernst machten von „liebgewordenen Besitzständen Abschied zu nehmen“. Bin mal gespannt, ob Steinmeier dann auch solch eine neue Ruckrede für die neuerdings von Schröder geforderte Agenda 2030 halten wird und wer die dann exektutiert. Merkel und die GroKo wird ja inzwischen seitens der Wirtschaftsverbände als reformscheu angesehen wegen Mindestlohns, Mütterrente ab 63,etc.Oder wird Gauck dies noch tun als Abschiedsgeschenkl an die Republik, um ein bleibendes Erbe zu hinterlassen, hat er doch bisher noch nicht ähnlich Prägnates wie Herzog gebracht?

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  2. andi schreibt:

    Mit Verlaub, der Typ hieß Roman nicht Roland Herzog ansonsten bin ich derselben Ansicht: Konservatives Querdenkertum ist ähnlich schräg wie einst die konservative Revolution…

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  3. genova68 schreibt:

    Stimmt, der hieß Roman. Danke für den Hinweis. Das passiert, wenn einem Recherche – und sei es oberflächliche – vollkommen wurst ist.

    Eigentlich schade, denn aus Roman hätte man eine bessere Überschrift basteln können. „Die letzte Seite“ oder so.

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  4. altautonomer schreibt:

    Bevor der »Altbundespräsident« »Altbundespräsident« wurde, war er von 1958 bis 1964 wissenschaftlicher Assistent von Theodor Maunz, der schon als SA-Professor »gegen das Judentum in der Rechtswissenschaft« gekämpft und später als führender Kommentator des Grundgesetzes sowie bayrischer Kultusminister unter Pseudonym Glossen für die Nazizeitung seines Kameraden Gerhard Frey geschrieben hatte, die ihrerseits (durch Maunzens Hand?) den Roman Herzog, zu dieser Zeit schon Protegé des Marinerichters Hans Filbinger, protegiert hatte. Man könne sich, schrieb das alte Naziblatt, »an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts keinen geeigneteren Fachmann als Prof. Herzog vorstellen.

    Für den Einsatz gegen Demonstranten rüstete Baden-Württemberg unter Innenminister Herzog die Polizei mit Gummischrot aus. Außerdem ließ Herzog die Polizei mit dem Reizgas CS ausstatten und führte für Demonstranten die Kostenpflicht bei Polizeieinsätzen ein.

    Im Jurastudium ist immer noch der Grundgesetzkommentar von Maunz, Dürig, Scholz und Herzog das Standardwerk für die Juristenausbildung.

    http://www.sopos.org/aufsaetze/463786cf260a9/1.phtml

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  5. genova68 schreibt:

    Vielen Dank, altautonomer, für die Hinweise. Da hat das Nach-unten-Treten bei dem Herrn Tradition. Deutsche Kontinuitäten und eine furchtbare Gestalt.

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