Dessau: Abstieg eines Superstars

„Nicht erst die großen preußischen Zeitgenossen wie David Gilly, Langhans und Schinkel, sondern Erdmannsdorff und der Dessauer Reformkreis sind die Bahnbrecher des Klassizismus in Deutschland.“

schrieb der angenehme DDR-Historiker Erhard Hirsch 1985 in „Dessau-Wörlitz. Aufklärung und Frühklassik„. Angenehm, weil er die Philantropen und die Gärten in einen politischen Zusammenhang stellt und von der Reaktion abgrenzt. Außerdem taucht hin und wieder Marx auf. Das ist heutzutage beim Thema Wörlitz und Gartenarchitektur doch ungewohnt. Überhaupt sollte man mehr DDR-Geschichtsbücher und DDR-Architekturbücher lesen. Da herrscht seit 1990 eine Lücke, ein Wissensloch, das sich mit der fortschreitenden neoliberalen Verseuchung der Hirne immer weiter vergrößert, womit sich der Zustand der Menschheit naturgemäß immer weiter verschlimmert.

dAnhalt-Dessau, die Gegend um Dessau und Wörlitz, damals gerade mal 53.000 Bewohner: ab etwa 1760 das deutsche Zentrum der Philantropen, des Fortschritts, zumindest bis zum Tod des Herrschers Franz III. im Jahr 1817. Aus halb Europa kommen Interessierte, um sich die landwirtschaftlichen Neuerungen anzuschauen. Leute wie Basedow und Campe sind vor Ort und praktizieren ihre pädagogischen Reformideen. Friedrich der Große wird von Hirsch runtergeputzt; im Vergleich zu Franz war Fritz wohl ein Menschenschinder, sonst nichts. Der dessausche Reformansatz im Bildungs-sektor, vor allem in den Schulen, wurde bekämpft. Vorneweg, wer sonst: die lutherische Kirche, sie verlor ihren Einfluss auf Kinder.

Anhalt-Dessau scheint ein kleines Wunderland gewesen zu sein. Es erschien die erste deutschsprachige jüdische Zeitung überhaupt und die Straßen waren die besten weit und breit.

Interessant die Entstehungsgeschichte des Landschaftsgartens:

Nebenbei eine interessante Transformation der Wälder in Anhalt-Dessau: Eigentlich handelte es sich um einen vom Mittelalter her devastierten Wald, zerstört durch zu hohen Wildbestand, Waldweide und Laubnutzung. In diesem verlichteten, vielfach lückigen Wald konnten sich Solitäreichen – einzeln stehende, prächtig ausgebreitete Bäume – entwickeln. Mit dem aufkommenden Landschaftsgarten verwandelte sich die landschaftliche Szenerie in Kunst und damit zu einer wesentlichen Seite des Gartenreiches.

Die landschaftliche Szenerie verwandelt sich in Kunst – etwas unglücklich ausgedrückt, aber nachvollziehbar. Aus diesem Grund ist mir schleierhaft, was die Leute jenseits der Klimaschutzidee gegen Braunkohletagebau haben. Die Landschaft sieht aufgerissen weitaus interessanter aus als zuvor, Kunst hin oder her. Danach gibt es Seen, auch nicht schlecht. Durchquert man die Gegend um Köthen, hofft man spontan auf umfasssende Braunkohlevorkommen, die das komplette Umgraben der sogenannten Landschaft denkbar machen. Die Gegend um Köthen sieht so aus, wie der Ortsname klingt. Es gibt tatsächlich auch eine „Köthener Wurst- und Fleischwaren GmbH“. Wer isst sowas?

Dieser läppische deutsche Landschaftsbegriff, der immer so tut, als sei irgendwas noch unberührt: eine deutsche Krankheit, nötig, um der Zivilisation entfliehen zu können.

Der Berliner Architekt Peter Grundmann schlägt die Unterscheidung in genutzte und ungenutzte Kulturlandschaft vor: Man überlässt Flächen der Nichtkontrolle und des Nichtprofits, ohne sie als unberührt und als heilige Natur zu überhöhen. Der Mensch hält sich raus, was die kapitalistische Logik angeht. Selbst diese Biotopräume stehen unter Dauerbeobachtung. Fällt dort ein Baum um, rücken Heerscharen von Fachleuten an – Biologen, Agrarheinis etc. -, die den Umfall dokumentieren.

Nichtgenutzte Räume in wirtschaftlich depressiven Gegenden: neudeutsch könnte man das Geheimtipp nennen, wäre in diesen Begriff die künftige kapitalistische Verwertung nicht schon eingeschrieben. Diese Landschaften sind vermutlich ähnlich interessant wie der Nichtnutzung überlassene Stadtflächen, Typ Ludwigshaften und Typ Duisburg. Die unangenehmsten Stadtflächen sind ja die beliebtesten, also die, auf denen sich die banalsten Touristen austoben. In Berlin finden sich immer mehr solcher Flächen, für den Dumpfbackentouristen herausgeputzt und mit Läden aufgerüstet, in denen man vor allem T-Shirts mit dem Fernsehturm drauf kaufen kann. Es sind dies Gegenden, wo man Fluchtgedanken bekommt. Eine realzwischenmenschliche Entsprechung zu solchen Vierteln sind in Fotostudios geknipste Familienfotos. Es sind allumfassende Repräsentations- und Erinnerungskulturkatastrophen.

Zurück ins Analtinische: Franz starb konsequenterweise, als die Reaktion in Europa das Ruder übernahm. Von nun an ging´s bergab. Die philantropischen Reformen wurden in weiten Teilen zurückgenommen. Die Nazis hatten im Stadtrat schon 1932 eine Mehrheit und schlossen das Bauhaus. Die SPD enthielt sich bei der Abstimmung, nur die Kommunisten stimmten gegen die Schließung. Rüstungsproduktion, dann: Bombenhagel. Dessau ist die meistzerstörte deutsche Stadt des Zweiten Weltkriegs. Die Altstadt wurde zu 97 Prozent weggehauen. Nach 1990 ging die Industrie verlustigt.

Heute könnte man an die linksliberale Tradition anknüpfen. Mit dem Bauhaus (zu dem hier demnächst ein sicherlich sehr interessanter Artikel erscheinen wird) besteht die reale Möglichkeit, daraus etwas zu machen. Aber auch hier hat man den Eindruck, die DDR hat das Bürgertum zerstört, um dem Kleinbürgertum Platz zu machen.

Heute: AfD-Direktkandidat und Land der Frühaufsteher.

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