„Ganz eigentümliche Verhältnisse“

Der Kölner Erzbischof Antonius Fischer äußerte sich im Februar 1912 zu der Frage, in welchem Stil Kirchen in seinem Bistum künftig gebaut werden sollen. Im sogenannten Gotik-Erlass schrieb er:

„Neue Kirchen sind der Regel nach nur in romanischem oder gotischem bzw. sog. Übergangs-Stile zu bauen. Für unsere Gegenden empfiehlt sich durchgängig am meisten der gotische Stil. In letzerer Zeit geht das Bestreben mancher Baumeister dahin, spätere Stilarten, selbst ganz moderne Bauarten zu wählen. In Zukunft wird dazu – es müßten denn ganz eigentümliche Verhältnisse obwalten – keine Genehmigung erteilt werden.“

Der Bezug aufs Mittelalter war naturgemäß kein rein architektonischer, sondern einer auf die gute alte Zeit, die die Zumutungen der Moderne, den Kulturkampf und den Sittenverfall nicht kannte, so dachten zumindest die Kirchenchefs. Die üblichen mittelalterlichen Unterdrückungspraktiken der Kirche sollten mit dem architektonischen Bezug wohl verlängert werden: Man war stolz drauf. Insofern muss man hier nicht mit dem Bibelspruch vom Balken im Auge argumentieren: Die Kirchenväter standen damals noch treu zu ihrer Menschenfeindlichkeit, die doch nur Gottesfreundlichkeit war.

Im Vorfeld von Amiens, Antwerpen und Verdun machten die Kirchenoberen deutlich, dass die Unkultur nicht nur im modernen Bauen drohte und Gott mit Gewalt und Gemetzel keine Probleme hat – zumindest der deutsche Gott nicht. Kurz nach Kriegsausbruch 1914 predigte man in Berlin:

„Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur. Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei. Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit – wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein.“

Schöne Fassaden und gerechte Waffen. Man fiel fürs Vaterland und kam dann in den Himmel. Erinnert an den IS heute. Vielleicht wurde einem postum eine Kirche gewidmet, am besten in gotischem Stil. Man könnte noch anmerken, dass die Berliner Predigt recht mutig ist, wenn sie die „freie, an Gott gebundene Persönlichkeit“ fordert. Wäre diese Persönlichkeit tatsächlich eine solche gewesen, hätte sie sowohl dem Erzbischof als auch dem Kaiser (und den Sozialdemokraten) schon 1914 eine aufs Maul gegeben – mit Gottes Hilfe.

Rund drei Jahre nach dem Gotik-Erlass war es mit der historistischen Pracht und Seligkeit jedenfalls vorbei. Wie schnell doch die Zukunft vergehen kann! Die Verhältnisse wurden so eigentümlich, dass der Kaiser verschwand.

Architektonisch war dieser Gotik-Erlass wohl der letzte Damm, der aber nach den besagten drei Jahren nichts mehr half: Der Kirchenbau, der in Deutschland und anderswo in den 1920er Jahren einsetzte und – abgesehen von einem Rückfall in etwa fünf Jahren nach 1933 – bis in die 1970er Jahre anhielt, gehört architekturgeschichtlich zu einer sehr angenehmen Epoche, die vielleicht zu wenig beachtet wird, weil die Rolle der Kirchen abnahm – justament, als es eine sehenswerte Kirchenarchitektur gab. Ob Rudolf Schwarz oder Dominikus bzw. Gottfried Böhm auf der katholischen und Otto Bartning auf der evangelischen Seite – organische, leichte, beschwingte, melancholische, brutalistische und auch der materiellen Not gehorchende Kirchen entstanden allerorten. Und die Architektur war keine rein formale: Die Bauten organisierten die Gemeinde so, dass sie antiautoritär mit dem Altar und dem Prediger umging. Für Besucher historistischer Kirchen zudem ungewohnt: Man versteht in modernen Kirchen jedes Wort, das Wort Gottes ist nicht nur Schall und Schepper. So machem Pfarrer dürfte das schon zum Verhängnis geworden sein. Wie schön konnte man im Historismus vor sich hinbrabbeln.

Es war vielfach eine Raumgestaltung, die sich positiv vom Bauwirtschaftsfunktionalismus abhob, der die Raumideen der Moderne pervertierte. Vielleicht könnte man hieraus noch lernen.

Interessant wäre auch, ein Jesus-Bild wie das links abgebildete, wo der Sohn vom Boss sein eigenes Herz rauspopelt, in einer modernen Kirche anzubringen. Wäre sie bereit, katholisches Fleisch und katholischen Kitsch formal und somit auch inhaltlich zu akzeptieren, hätte man einen wichtigen Schritt zu einer wahrhaft aufgeklärten Architektur geleistet.

Zurück nach Köln: Kriegshetze kann man zumindest dem Erzbischof Fischer nicht vorwerfen. Ihn ereilte fünf Monate, nachdem er den Erlass veröffentlicht hatte, das eigentümlichste Verhältnis überhaupt: er starb.

Vermutlich sitzt er jetzt zur Rechten Gottes.

(Zitat aus: Heinrich Lützeler: Europäische Baukunst im Überblick. 1969, S. 231. Foto: genova 2015)

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Eine Antwort zu „Ganz eigentümliche Verhältnisse“

  1. dame.von.welt schreibt:

    Am Rande des Themas: was der verblichene Erzbischof Fischer wohl zur Glasmalerei (besonders zu der nach 1945) in den vielen romanischen und gotischen Kirchen in NRW gemeint hätte? Es wird ja auch von vielen Architekten unterschätzt, was für eine entscheidende Wirkung Fenster und ihre Gestaltung – also das Licht – auf Innenräume hat.

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