Platz und Moderne

Laura Weissmüller macht sich in der Süddeutschen Zeitung interessante Gedanken zum Platz in der Stadt. Plätze sind Orte, wo sich Gesellschaft trifft, schreibt sie. Ich weiß nicht, inwieweit das nur für europäische Städte typisch ist. Die Stadtplanung in den USA lief anders, sicher, aber was ist mit Plätzen in Asien, im Nahen Osten, in Afrika oder in China? Vermutlich ist Weissmüller Sicht ein wenig eurozentristisch, aber sei´s drum.

Der Platz ist ein zwangloser Treffpunkt. Man bietet sich sozusagen an, körperlich und intellektuell, aber es gibt keine Verpflichtung. Man kann sich in Austausch bringen oder alleine bleiben. Man kann die Menschen um sich herum wahrnehmen oder es bleiben lassen. Man entscheidet selbst, ist aber nicht isoliert. Man betreibt dort Privates oder Politik.

Weissmüller sieht den städtischen Platz vielfach gefährdet:

Bedroht von terroristischen Anschlägen und Amokläufen. Die Angst davor kann die beliebtesten Treffpunkte rasch entvölkern. Aber die Plätze werden auch bedrängt – nicht so sichtbar, auch nicht tödlich, dafür nicht minder schädlich für die Stadt – von immer mehr kommerziellen Sabotageakten, die den vermeintlich öffentlichen Platz okkupieren und nur noch denen zugänglich machen wollen, die etwas konsumieren, die sich einen Kaffee für 3,50 Euro leisten können – oder die Innenstadtwohnung für 3000 Euro Miete im Monat.

Weiter unten beschwert sich Weissmüller noch über gentrifizierte Viertel, wo Plätze auch nicht mehr als gemischte funktionieren.

Kleiner Einwand: Von Terroristen und Amokläufern werden Plätze nicht gefährdet, das ist ein rein mediales Phänomen. Kein Mensch meidet deswegen einen Platz.

Die anderen Gründe dagegen sind real. Die Kapitalisierung von Stadt betrifft nicht nur die konkrete Wohnung, die teurer wird, sondern auch Plätze. Schaut man sich aus dieser Perspektive Plätze in Städten an, bemerkt man einiges. Bänke haben immer öfter keine Lehne, weswegen man sich dort nicht länger aufhält. Viele Plätze haben überhaupt keine Bänke mehr, sondern nur noch Cafés. Will man sich setzen, muss man zahlen. Menschen sind nur noch als Konsumenten willkommen. Ein Beispiel ist der zentrale Platz in Leipzig: hunderte Menschen, keine einzige Bank. Ein kümmerlicher Bordstein ist voll besetzt, man duckt sich. Bemerkenswerterweise steht an diesem Platz auch das Rathaus. Vor den Augen der Bürgervertreter müssen die Bürger auf dem Bordstein sitzen, das Kapital will es so. Es ist eine Erniedrigung, die in der neoliberal performenden Stadtgesellschaft vermutlich kaum noch auffällt.

Diesen entscheidenden Schritt, also die Problematisierung der kapitalistischen Logik, sie als Zerstörerin von Plätzen zu betrachten, macht eine Süddeutsche Zeitung naturgemäß bestenfalls an guten Tagen im Feuilleton, während ein Buch weiter – euphemistisch mit „Wirtschaft“ betitelt – der Stadt- und also Menschenzerstörung ungehemmt gepredigt wird.

Plätze funktionieren eigentlich nur, wenn man Zeit hat, wenn man interesselos verweilt. Insofern ist die Moderne an sich keine gute Verwalterin von Platzinteressen. Die dynamische, abgerundete Ecke, die die Moderne als neues Stilmittel in die Architektur einbrachte, zielt auf Bewegung ab, auf Kommen und Verschwinden ohne anzuhalten.

Man könnte die These aufstellen, dass der Platz in einer kapitalistischen Gesellschaft keine Zukunft hat. Der Platz zwingt zur Verlangsamung, zum Stillstand. Bezeichnenderweise fällt einem zur kapitalistischen Stadt par excellence kein Platz ein: New York hat Straßen, auf deren Bürgersteigen viele Menschen unterwegs sind – aber eben unterwegs, im Fluss, darüber die Reklame. Paris könnte als Stadt der Plätze fungieren, aber das sind dann die aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die königlichen Plätze. Sie dienten der Visualisierung absolutistischer Macht. Sie funktionieren heute nicht mehr ernsthaft, nur noch als Reminiszenz, als Relikt, umgeben von Wohnungen mit Quadratmeterpreisen jenseits der 10.000 Euro. Oder sie sind schon längst zum Knotenpunkt des Autoverkehrs degradiert. Die Plätze in Rom sind solche für Touristen. Die Plätze in der Peripherie Roms könnten einen Untersuchung wert sein.

Plätze als Treffpunkte in der Stadt sind heute eher Shopping Malls oder Apple Stores. Insofern könnte man Frau Weissmüller zurufen, wie man sagt: Auch Städtebau ist nur ein Kind seiner Zeit. Wir haben A gesagt, also sagen wir auch B.

(Foto: genova 2015)

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7 Antworten zu Platz und Moderne

  1. Chinook schreibt:

    „Plätze funktionieren eigentlich nur, wenn man Zeit hat, wenn man interesselos verweilt. Insofern ist die Moderne an sich keine gute Verwalterin von Platzinteressen. Die dynamische, abgerundete Ecke, die die Moderne als neues Stilmittel in die Architektur einbrachte, zielt auf Bewegung ab, auf Kommen und Verschwinden ohne anzuhalten“

    Eine extrem naive Sichtweise. Die ganzen furchtbaren kapitalistischen Sachen, die du in Plätzen siehst, die Treffen eher auf Passagen und „Malls“ zu, welche meist Plätze miteinander verbinden, also deren Struktur „nachgeordnet“ sind. Und selbst da trifft es nur oberflächlich zu. Im Grunde ist deine ganze Analyse von kapitalistischen baulichen Strukturen im Sinne eines „Platzes“ ziemlich irrsinnig.
    Du hast den Beitrag wunderschön geschrieben und den Absolutismus reingebracht, mir persönlich hat ein Verweis auf Le Corbusier gefehlt. Damit wäre es total-hyperkrass-Intellektuell geworden. Schade!

    ACHTUNG – POLEMIK
    Weißt du was wirklich Schade ist? Du könntest dir Gedanken machen, welche Funktion/Dimensionen ein Platz hat und welche Rolle ein Raum einnimmt – aber all diese Fragen brauchst du dir nicht stellen, denn du bist Marxistin und kennst all die Antworten – du weißt welche Kunst wertvoll (weil kollektiv nützlich) ist, du weißt welche Architektur gar nicht geht, du weißt welche Performance Art aufgrund des Kapitalismus kleingehalten wird, du weißt nie was die Leute mögen, aber wenn die Menschen sich über etwas abfällig äußern was du magst, dann klassifizierst du sie als ungebildet, du hast keinen blassen Schimmer, warum all die armen Leute, für die du glaubst einzutreten, dich weder Ernst nehmen, noch leiden können – und im Grunde verstehst du auch nicht, warum sie DICH nie ernst nehmen werden.

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  2. Chinook schreibt:

    Übrigens, als Marxist und echt wichtiger Vorkämpfer des Plebs, sollte man alten aristokratischen Strukturen eine Absage erteilen: Insofern sind Distinktionsveranstaltungen abzulehnen, insbesondere wenn sie auf alten aristokratischen Strukturen beruhen:
    Theater, Oper, Philharmonie…(die Finanzierung beruht oft auf fürstlichen Verhältnissen)
    Hochkultur? Niemand-Interessiert-Kultur? Kultur?????
    Die Frage ist – Kann man den Bereich der staatlich verordneten „Billig/Gratiskultur“ ernst nehmen?
    Ich bezweifle das.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Zu Chinook:
    Icjh weiß ehrlich gesagt nicht, was an Genovas Kritik an der Kapitalsierung von öffentlichen Plätzen „irrsinnig“sein soll. Chinook schreibt einfach, dass es nicht so wäre, ohne auf die von Genova genannten Gründe einzugehen.Hinzu kommt auch, dass es heute kaum noch möglich ist, sich an einen öffentlichen Brunnen oder eine Treppe zu setzen und ein Bierchen zu trinken, ohne dass einen irgendwelche Ordnungshüter oder Polizisten vertreiben und auffordern in die nächste Lokalität zu gehen und dort zu konsumieren.In China will man jetzt auch das Rauchen an öffentlichen Plätzen verbieten.Hier spricht eher Chinooks extremer Antikommunismus/Antimarxismus heraus, der diese neoloberalen Zustände gut zu finden scheint.

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  4. genova68 schreibt:

    Da muss ich mich Jakobiner anschließen. Ich verstehe die Kritik von Chinook nicht.

    Kurz gesagt: Der Platz in seinen eigentlichen Funktionen passt schlecht in eine Zeit, die zum Verweilen keine Zeit hat, weil sich das nicht rentiert. Er funktioniert also nur noch für Touristen oder als kurze Verschnaufpause in Shopping Malls, um dann weiterzurentieren.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, eine interessante Sache, dass der Holm Staatssekretär wird. Aber auch der wird keine Bäume ausreißen können. Es ginge um das Anliegen, den Wohnungsbau möglichst komplett aus der Renditelogik rauszunehmen und Heuschrecken aus der Stadt zu werfen. Nimmt man das nicht zentral ins Auge, wird sich nichts ernsthaft ändern.

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  6. Chinook schreibt:

    Der „Platz“ hat den Kapitalismus befördert, den Markt ermöglicht. Die These der Kapitalismus zerstöre ihn ……..

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