Architektur und Dogma 9 (3) – Rossi und der Rationalismus

(Wir kommen nun zum dritten Teil unserer beliebten Familienserie über Aldo Rossi. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird der letzte Teil so um das Jahr 2050 herum publiziert werden. Teil 1 gibt es hier, Teil 2 hier.)

Aldo Rossi bezog sich interessanterweise explizit auf die Dialektik der Aufklärung von Benjamin und Adorno. Er stimmte der Diagnose zu, wonach der unbedingte Vorrang der Vernunft diese ad absurdum führt, sie zur Zweckrationalität verkommen lässt und – so denkt Rossi weiter – in der Architektur einem egalisierenden Formalismus den Weg bahnt.

Das ist sicher richtig. Das Problem dabei ist, dass Adorno nicht von Architektur redet, bestenfalls von Kunst, deren – und nun folgt der entscheidende Begriff: – Autonomie kapitalistischen und anderen Verwertungsmechnanismen geopfert wird. Da Rossi sich als Künstler sah, bemerkte er das Problem nicht.

Es ist merkwürdig, dass sich Rossi kaum oder überhaupt nicht mit Kapitalismus oder generell mit Ökonomie im Bauen beschäftigte. Doch Finanzierungsmodelle und die Interessen dahinter sind essenziell für das Gebaute. Sein Verhältnis zur Gesellschaft war, sagen wir: diffus und vermischt mit seinem Anspruch ans Monumentale, an die Selbstdarstellung via Architektur, an den Willen, Bedeutendes zu schaffen. Vielleicht könnte man es Egozentrik nennen, die wohl verbreitetste Krankheit unter Architekten.

Es mutet seltsam an, wie man sagt, wenn Rossi Architektur und Kunst gleichsetzte und mit Adorno für beide Kategorien den Anspruch formulierte, der Autonomie zuzustreben. Man könnte dem zustimmen, wenn man aus dem Gefüge des Bauwirtschaftsfunktionalismus ausbrechen will, wenn man gesellschaftlichen Zwängen widerstehen will, etwa in Form der Investorenarchitektur, die ausschließlich in ökonomischen Verwertungskriterien denkt, Grundrisse entsprechend plant, Fassaden nach schneller Konsumierbarkeit entwirft, Moden willfährig folgt und so weiter – die Verwertung absolut setzt.

Aber Architektur ist eben keine Kunst, sie hat höchstens einen künstlerischen Teilanspruch, der sich dann mit den funktionalen Anforderungen der Architektur vertragen muss. Vielleicht kann man das als eine Sonderform der Kunst betrachten, beladen mit Implikationen. Architektur muss möglichst gut nutzbar sein.

Das schon erwähnte Buch von Carsten Ruhl über das Bildhafte in Rossis Architektur macht das Dilemma deutlich: Architektur ist für Rossi in erster Linie Bild, Fassade, Eindruck, und so gesehen kann man Architektur sicher ein ganzes Stück weit als Kunst betrachten. Architektur ist allerdings mehr und wesentlich etwas ganz anderes. Das, was gute Architektur auf der Höhe der Zeit ausmacht, ist ja gerade die Ablenkung der Aufmerksamkeit weg von der Fassade, hin zu inneren Werten. Oder anders ausgedrückt: Die Fassade wird vom Innern, von den funktionalen Notwendigkeiten bestimmt – was in den seltensten Fällen zu einer Lochrasterfassade führt. Es überrascht nicht, dass Rossi das nicht interessierte. Das Innere sieht kaum jemand, woher soll da der Ruhm kommen?

Verwechselt man Architektur mit Kunst, sieht man die realen ökonomischen Beziehungen nicht, quasi die Grundlagen des Gebauten. Dann braucht man sich nicht positiv auf die Dialektik der Aufklärung beziehen.

Davon ab: Rossis thematische Schwerpunkte sind Typologie und Monumentalität. Darin steckt offenbar die Geschichte, über die man Entfremdung – verwendet man im Zusammenhang der Dialektik der Aufklärung diesen Begriff – verhindern könne. Mir ist rätselhaft, wie.

Noch problematischer ist der Begriff der Autonomie in Bezug auf Architektur. Nichts kann ferner liegen, als beim Reden über Architektur überhaupt auf den Begriff der Autonomie zu kommen. Man könnte noch, wie oben schon gemacht, verständnisvoll argumentieren, dass man sich von kapitalistischen Zwängen freimachen wolle, wenn man eine autonome Architektur fordert. Doch das ähnelt dem Kind, das sich die Augen zuhält, um unsichtbar zu sein. Architektur ist nicht autonom, weder ökonomisch noch formal noch gesellschaftlich und Architektur soll das auch nicht sein. Keine Wand ohne Reglement und ohne den Bezug auf die späteren Nutzer. Selbst wenn der Architekt den Nutzer ignoriert, wird er da sein. Vielleicht ist es der Vorteil von Egozentrikern wie Rossi, dass sie immer die ersten sind. In dem Moment, in dem der Bewohner einzieht, macht sich der Architekt aus dem Staub und faselt von Autonomie.

Selbst und gerade als kritischer Architekt muss ich die Verhältnisse sehen, um mit ihnen umzugehen.

Nun gibt es den Einwand, dass der Architekt beim Entwurf autonom sein müsse, um ökonomischen Zumutungen zu widerstehen. Doch das würde ihn in die Rolle Gottes, des Allwissenden setzen.

Autonomie von Kunst im Sinne, „den Dienst zu quittieren“, wie Adorno schrieb, als den Dienst an den positivistischen Erwartungen der Gesellschaft, ist das eine. Autonomie für den Architekten zu fordern, führt in die gegensätzliche Richtung und das erst Recht vor dem damaligen zeitgenössischen Hintergrund: Im Zuge von ´68 hatte sich der Begriff des partizipatorischen Bauens etabliert, das den Architekten als Gott relativierte, ihn zwang, zuzuhören, ihm zumutete, mit Halbwissenden zu reden. Strukturalistische Architektur war die Folge. Rossi stellte sich dem mit seinem Autonomiegeplapper entgegen. Folgerichtig schrieb Rossi in dem Katalog zur Mailänder Triennale 1973,

„… dass die Architektur als autonomes Faktum der Technik und der Kultur nur durch ein großes Werk der Neugründung den augenblicklichen Zustand der Krise beenden kann.“

Man könnte das einerseits für den O-Ton von Mussolini halten, andererseits zum wiederholten Mal einfach für Gequake. „Architektur als autonomes Faktum der Kultur“, was in aller Welt soll das sein? Solche Sätze sagen banale Leute, die sich zu Hohem berufen fühlen. Partizipation jedenfalls musste einem Rossi als Teufelswerk erscheinen, wo ER doch alleinig Bescheid wusste. Architektur als Autonomie, als absolute Manifestation der absoluten Form, erkannt, historisch legitimiert und realisiert von einem superman.

Man könnte die Forderung nach autonomer Architektur in dem Sinne positiv betrachten, dass dadurch „Großes“ entstehen kann, jenseits demokratischer Mittelmäßigkeit. Das Schöne an der Diktatur. Das wäre einen eigenen Beitrag wert.

Im nächsten Teil schauen wir uns Rossis Wohnkomplex in Mailand-Gallaratese an. Soviel vorweg: Der Begriff von autonomer Architektur wird dort unheilvoll anschaulich.

(Foto: genova 2013)

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4 Antworten zu Architektur und Dogma 9 (3) – Rossi und der Rationalismus

  1. stadtauge schreibt:

    Sehr interessant. Diese Debatte um Rossi. Bin kein Architekt. Kenne aber ein paar Rossi-Bauten. Und finde deine Gedanken gut und fürs Nachdenken über die Stadt von heute und morgen (Ästhetik, Funktionalistät, Markt…) sehr sehr anregend.
    LG Daniel

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  2. genova68 schreibt:

    Debatte ist gut, ich diskutiere mit mir selbst :-) Aber danke fürs Lob.

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  3. annque schreibt:

    Danke Dir für diese Reihe – ich lerne sehr viel.
    Sofern Du Dich auf die Schrift „Dialektik der Aufklärung“ beziehst, so ist der zweite Autor im Bunde nicht Walter Benjamin sondern Max Horkheimer.

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  4. genova68 schreibt:

    Oh ja, danke für den Hinweis.

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