Historismus: Tiefststand zwischen 1870 und 1900

Der Kunsthistoriker Heinrich Lützeler im Jahr 1969 über den Historismus in der Architektur:

„Menschliche Schäbigkeit aber wagt es schließlich, selbst noch die Fassade von Mietskasernen mit dem billigen Zauber vergangener Ornamente zu verhängen; man will sich der furchtbaren Wirklichkeit nicht stellen und tut so, als ob man noch in einer Epoche der humanen Bildung und sicheren Gesittung lebe.

Uns den Mitlebenden, drängen sich solche widrigen Züge der Architektur täglich in die Augen, und wir neigen dazu, nach ihnen die Bauleistung des ganzen 19. Jahrhunderts zu beurteilen … Gleichwohl ist nicht das gesamte Bauschaffen des 19. Jahrhunderts historisch ohnmächtig und verlogen. Die Entartung dauert nur einige Jahrzehnte, mit dem qualitativen Tiefstand des Bauens etwa zwischen 1870 und 1900.“ (in: Europäische Baukunst im Überblick. Architektur und Gesellschaft, Freiburg 1969)

Ein Text aus einer fernen Zeit. Lützeler stellte noch einen direkten Zusammenhang zwischen Schein und Sein her. Er versucht sogar, die Architektur des 19. Jahrhunderts zu retten, indem er zwischen Klassiszismus und Historismus unterscheidet und sagt: Nur der Hardcore-Historismus war übel. Erfrischend zu lesen.

Das, was heute den Tauschwert einer jeden Mietskaserne schwindelerregend, wie man sagt, nach oben treibt, nämlich das Ornament an der Fassade, war für Lützeler nur billiger Zauber und verlogen: ein qualitativer Tiefstand der Architektur. (Interessanterweise sprach Lützeler, von den Nazis mit einem Berufs- und Schreibverbot belegt, noch von Entartung.)

Historismus: Vor 50 Jahren ein no go, ist es heute genau die Architekturepoche, die man schätzt. In den 60er kloppte man massenhaft den Stuck von den Fassaden, gab dafür eine Menge Geld aus. Es hatte seine Gründe, und es waren keine schlechten. Man kann den Mietskasernen natürlich Verlogenheit vorwerfen: vorne eine großbürgerliche Fassade mit schöner Beletage, dahinter die engen Höfe, die kleinen Eingänge, ohne Schmuck, enge Grundrisse, keine Balkons, dafür Lärm und Dreck. Kapitalistisches Bauen auf Kosten der Bewohner. (Dieser Satz stellt ein schönes Beispiel eines Pleonasmus dar.)

Dass in den Altbauvierteln in Kreuzberg eine funktionierende Mietskasernenwohnung nur noch ab 4.000 Euro den Quadratmeter zu haben ist, dürfte nicht nur Herrn Lützeler erstaunen, lebte er noch. Die gute alte Zeit: Wird sie aktiviert, sagt das vor allem etwas über die Gegenwart aus. In diesem Fall naturgemäß nichts Gutes. Dazu kommt ein handfestes soziales Argument: Altbauten können kostendeckend für drei Euro den Quadratmeter bewohnt werden. Bemächtigt sich das Kapital dieser Häuser, wird nicht nur der Fetischisierung eines Gebrauchsgegenstandes Vorschub geleistet, sondern dieser Gebrauchsgegenstand wird als solcher vernichtet. Die Geschichtsklitterung ist also nicht nur eine sentimentale, sondern eine asoziale.

Die Goutierung historistischer Architektur heute läuft analog zur FPÖ-Wahl in Österreich und ähnlichen Phänomenen. Die Gegenwart verspricht keine gute Zukunft, also zurück in die Vergangenheit.

 

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