„… sich beim Tanzen anständig zu verhalten.“

Unsere Jugend hat natürlich einen Anspruch auf moderne Musik, sie hat aber auch die Verpflichtung, sich beim Tanzen anständig zu verhalten.

Das schrieb 1957 die DDR-Musikzeitschrift Melodie und Rhythmus (Quelle: Manja Präkels, in „Vorsicht Volk!“, 2015).

Das oder ähnliches wurde vermutlich auch in der Bundesrepublik der 1950er publiziert. Der Unterschied war, dass im Westen im Zuge der 68er so eine Haltung lächerlich wurde. Im Osten hielt man weiter den Deckel drauf. 1989 explodierte in dem Topf dann so eine merkwürdige Mischung aus Farb-TV-Westauto-Affinitität und Konformismus.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die DDR ein rechter Spießerstaat war, der Traum eines jeden autoritären, fremdenfeindlichen Kleinbürgers. Die Auswüchse dessen sind heute in Dresden und überhaupt im Osten zu begutachten. Die Crux, die historische Schuld, ist nach wie vor das ungelöste Problem, dass der Schritt von Marx zu Stalin ein einfacher und kleiner war. Heute sehen die Nachfolger des autoritären Linksseins nicht mehr im unanständigen Tanzen, sondern in einer liberalen Gesellschaft das Unglück und hoffen auf ihren Führer Putin, er möge die Welt rein waschen, so wie man im Westen auf Clementine hoffte.

Ob Wagenknecht, ob Dehm, ob Höcke, Gauland, Jebsen oder Elsässer: Sie alle bedienen ein heterogenes, aber im Grunde einiges Publikum: Eines, das sich das Volk nennt. Eines, das die nächsten Pogrome ganz selbstverständlich mitdenkt. Irgendwer findet sich immer.

Der Berliner Landesvorsitzende der Linkspartei, Klaus Lederer, beschreibt in dem fast durchgängig lesenswerten Aufsatzband Vorsicht Volk! ganz gut die rechte, antisemitische und völkische Grundierung der mittlerweile ausgestorbenen Friedensmahnwachen mit den Anführern Mährholz und Jebsen.

Dann übt er die richtige Selbstkritik: Themen wie Kritik an Ausgrenzung, Militarismus und Entleerung demokratischer Prozesse

„können vor allem deshalb ´von rechts` besetzt werden, weil eine demokratische, emanzipatorische Linke dazu zu wenig auf die Beine stellt, weil ihre Antworten zu oft selbstreferenziell, zu abstrakt und wenig lebenszugewandt sind.“

Sehr richtig. Leider ist Lederer einer von denen, die seit vielen Jahren einer ernstzunehmenden emanzipatorischen Linken genauso konsequent entegegenarbeiten wie Dehm und Wagenknecht das tun: Lederer spielte in der faktisch neoliberalen SPD-PDS-Koalition in Berlin von 2001 bis 2011 eine wichtige Rolle und derzeit ist der in den Berliner Koalitionsverhandlungen bemüht, einen netten Posten zu bekommen. Preisgünstige Wohnungen werden, um nur ein Beispiel zu nennen, in den nächsten fünf Jahren kaum entstehen. Darauf haben sie die sogenannten Linken in den Verhandlungen geeinigt.

Die Linke betreibt real das Geschäft des Kapitals.

Man wird mehr für den Radverkehr tun, auf den Stadtautobahnausbau verzichten, Parken kostenpflichtig machen und so weiter. Schöne Dinge, keine Frage. Aber da anzusetzen, wo es notwendig wäre, wo es weh tut: no way. Das wichtiste ist: mitregieren, Posten abgreifen, Pension sichern.

Der Typus Lederer ist genau so problematisch wie der Typus Dehm. Letzterer affimiert diktatorische Strukturen auf politischer Ebene, ersterer tut dies mit realökonomischen. Man hat sich arrangiert.

Vor dem Hintergrund sind Beiträge wie der von Lederer im Vorsicht-Volk-!-Buch eine einzige Verlogenheit und zeigen insgesamt, dass die emanzipierte Linke in Deutschland eigentlich genau so im Arsch ist wie der Rest.

Unsere Bevölkerung hat natürlich einen Anspruch auf bezahlbares Wohnen, sie hat aber auch die Verpflichtung, sich bei der Renditeerwirtschaftung anständig zu verhalten.

ist die von Lederer aktualisierte Version der regressiven Logik. Vor dem Hintergrund wird sein Wagenknecht-Bashing mehr als schal.

Aber auch das ist nichts Neues.

(Foto: genova 2016)

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