Die Fata Morgana des Authentischen

Der italienische Soziologe und Tourismus-Anthropologe (welch schöner Beruf!) Duccio Canestrini im Magazin der Süddeutschen Zeitung (33/2016) über Massentourismus und mögliche Folgen:

„In Florenz gibt es Überlegungen, Nachbauten in Flughafennähe zu errichten. Die hundert Millionen Chinesen pro Jahr schauen sich die Basilica di Santa Croce dann vielleicht einfach dort an und kommen gar nicht erst in die Innenstadt. Asiaten sind nicht so besessen von Authentizität wie Europäer, Nachahmungen sind weitgehend akzeptiert.“

Warum baut man die Basilica dann nicht gleich in China, fragt man sich. Und siehe da:

„Hallstatt ist ein hübsches Alpendorf – das jetzt zum zweiten Mal in der chinesischen Provinz Guangdong entsteht. Das Dorf wurde innerhalb eines Jahres geklont … Das Dorf ist ein Erfolg. Die Chinesen lieben es, ein Stück Europa zu besichtigen, ohne dafür einen halben Tag fliegen zu müssen.“

Canestrini sieht diese Entwicklung positiv denn:

„Die Lage ist so ernst, dass man auch abseitige Ideen in Betracht ziehen muss. sonst werden bestimmte Stadtviertel immer mehr zu Themenparks, in denen kein echtes Leben mehr stattfindet. Es gibt dann auch keine Interaktion mehr zwischen Einwohnern und Besuchern – eigentlich eine der Grundideen des Reisens.“

Das hat was, einerseits. Solche Überlegungen kommen einem auch an hot spots, wie man sagt, in Kreuzberg. Die Leute aus aller Welt kommen wegen funktionierender Kieze, wegen angeblichem gemischtem, buntem Leben auf den Straßen und zerstören genau das, wenn sie in Massen da sind, was natürlich auch mit kapitalistischen Strukturen zu tun hat, die notwendigerweise zerstören, ganz ohne Wertung.

Nun könnte man andererseits aber auch sagen: that´s life. Die Innenstadt von Florenz – und noch viel deutlicher wird das in den Innenstädten von Siena oder Pisa oder San Gimignano – sind schon lange vornehmlich für Touristen da. Von Venedig wollen wir gar nicht reden, wie man sagt. Die Touristen sind konstitutiv für diese Orte. Und die Innenstädte leben von den Touristen. Was passierte mit ihnen ohne jene? Ist da nicht ein frommer Wunsch der Vater des Gedankens? Man will die Touristenmassen aus den so schützenswerten Innenstädten raushalten, aber wozu? Die Originalität, die da gerettet werden soll, gibt es nicht mehr. Man müsste sie sozusagen neu einführen. Und das dürfte nicht machbar sein, weil wir in anderen Verhältnissen leben.

Authentisch ist nur das, was dem Fata-Morgana-Test standhält. Oder einfacher: Authentisch ist das, was ist. Sonst nichts. Wer sich in Berlin für Authentisches interessiert, fahre ins A-10-Center, ein Shoppingcentrum, das nach dem naheliegenden Berliner Autobahnring benannt wurde. Authentischer geht es nicht: Man sieht dort noch richtige Berliner und Brandenburger. Eine Spezies, die in Kreuzberg nur noch am Rande und in Eckkneipen anzutreffen ist.

In Kreuzberg funktionieren manche lebendige Kieze nur noch wegen der Touristen. Die meisten Läden sind auf sie ausgerichtet: Cafés, Andenken-Nippes, Fast Food, Klamotten. Andere können sich nicht halten. Man müsste auch hier die Bodenfrage stellen: Komplette Enteignung, Boden vollständig in öffentliche Hand. Es ist sowieso bezeichnend, dass es Privatbesitz an Boden gibt, also an etwas, was uns GOtt geschenkt hat. Es zeigt, das nebenbei, die komplette und vollständige und alles durchdringende Pervertierung des Denkens im Kapitalismus.

Um aufs Thema zurückzukommen: Es ist nur konsequent, wenn sich diese Orte mit den Touristen verändern. Dass man allgemein davon ausgeht, dass diese Veränderung eine zum schlechten hin ist, spielt dabei keine Rolle. Die soziale Realität spiegelt sich in Städten wider und banale Touristenmassen erzeugen banale Städte. Die Gründerzeitkieze in Kreuzberg spiegeln die gute alte Zeit vor allem in Form von Touristen. Oder besser: Die Touristen sind der Spiegel. Realität sind die zahlreichen Paketbotenautos, die die Waren von Amazon anliefern.

Ob Canale Grande, ob Trastevere, ob die vielen Piazze del Duomo:

Stadt ist immer das, was ist. Konservierung kann nur dann funktionieren, wenn sie das Aktuelle einschließt oder es überhaupt ermöglicht. Tourismus ist eine prägende Realität, nicht nur in Florenz. So wird das vermeintlich Authentische durch dessen Begehrtheit langsam und nach und nach zum Schein und verschwindet. Etwas Neues entstünde, keine Sorge.

Und noch ein Aspekt: Wir mögen die Altstädte, weil sie städtebaulich zweierlei vermischen: Chaos und Ordnung. Wir bekommen in dem Gassengewirr eine Ahnung von Chaos, wissen aber doch, dass es sich hier um eine von uns kontrollierte Ordnung, um ein Chaosspiel handelt. Kein Mensch, der sich hier verläuft. Wir folgen dem Touristenstrom, der unser zuverlässigstes Navigationsgerät ist.

Architektonisch dagegen sehen wir in den Altstädten eine Homogenität, die es allerdings nur in unserem Blick gibt, die in Wahrheit zur Entstehungszeit ein Chaos war. Der Dom von Siena ist bekanntlich nur das Querschiff, das einfach zum Hauptschiff erklärt wurde, als das Geld ausging. An jede Kirche wurde ein Gebäude drangeklatscht, ein wirrer Stilmix über Jahrunderte mit An- und Um- und Ausbauten, den wir heute als homogen definieren, weil alles alt ist, das Material schütter, weil Ziegel, Marmor und Putz dominieren.

Die zeitgenössische Forderung nach Bauen im Kontext ist die sinnlose Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die es nie gab.

Der Vorteil an Italien ist, dass das Alltagsleben in den Vierteln noch wesentlich authentischer funktioniert als bei uns. Die Touristenviertel kann man meiden, man gehe stattdessen in die Quartiere jenseits des Zentrums. Dort gibt es überall täglich stattfindende Märkte, auf denen die Leute einkaufen. Supermärkte sind eine Randerscheinung. Die Architektur ist geprägt von Dichte und Sublimität. Das Chaos regiert die Straße, die lebt. Und authentisch ist dort alles.

Italien, so meine These, kann auf die Touristenviertel verzichten bzw. sie den Touristen überlassen. Wer dorthin geht, legt keinerlei Wert auf die Interaktion mit den Einheimischen, wie Herr Canestrini glaubt.

Das wirklich Interessante ist leicht zu finden – für jeden, der bereit zur Suche ist.

(Foto: genova 2016)

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2 Antworten zu Die Fata Morgana des Authentischen

  1. Paul K. schreibt:

    Hallo, danke für die interessante Analyse nur entgeht mir ein Vorschlag zur Verbesserung der Zustände zu den großen touristischen „Highlights“. Erst nach der dritten Rom-Reise kann man sich die Spanische Treppe sparen und sich anderswo aufhalten (Sie erwähnten treffend das authentische Testaccio-Viertel). Aber irgendwann muss man einmal am Makus-Platz, im Kolosseum, am Vesuv gewesen sein. Und spätestens dann merkt man dass eine Lösung nötig sein sollte.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, man sollte sich das alles anschauen, aber es ist eben nur noch Kulisse. Wer den ersten Römer auf der Spanischen Treppe sichtet, möge Bescheid sagen.

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