Schule des Sehens

Man sollte sich mehr mit architektenfreier Architektur beschäftigen. Oder andersherum: Hätte dieses Haus ein berühmter Architekt entworfen, würde es in den einschlägigen Zeitschriften publiziert.

Ausgangspunkt war wohl das kleine Gebäude mit Satteldach rechts, dann kam der Neubau an der Straße dazu. Die Dachterasse ist eine gute Idee und eine solche, dass man eine Treppe dahin braucht, auch. Man sieht nun gewissermaßen in real time den Baufortschritt: Um das rechte Fenster im Erdgeschoß nicht zu verdecken, musste man die Treppe relativ flach ansetzen. Als man die Fensterhöhe überwunden hatte, erkannte man, dass man nur noch einen runden Meter Platz für die Überwindung von rund zwei Metern Höhe hatte. Man setzte also mutig und zuversichtlich eine hohe Stufe hinzu und musste dann aber die Sinnlosigkeit des Unternehmens einsehen. Die Dachterasse ist nur noch unter Verrenkungen erreichbar oder mithilfe einer Leiter.

Aber das ist nicht tragisch. Es handelt sich hier um architecture parlante im umgekehrten, aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – volkstümlichen Sinn. Jeder, der zwei Augen hat – oder auch nur eines – kann sich im wörtlichen Sinn diese Geschichte anschauen. Es ist keinerlei Vorwissen, keinerlei Stilkunde nötig. Die Architektur spricht von Optimismus, von Dilettantismus, von Tatkraft, vom Selbermachen, von Spontaneität. Sie erzählt völlig unbefangen den Entstehungsprozess. Sie schminkt nicht, sie verzerrt nicht, sie verschönert nicht. Sie steht zum Misserfolg, der durch diese Haltung keiner mehr ist.

Interessant auch, dass die Pflanzen genau unter den Wäscheleinen stehen.

Vielleicht handelt es sich doch um das Werk eines berühmten Architekten oder Künstlers – und ich bin drauf reingefallen.

(Foto: genova 2015)

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Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Aufmerksamkeitsökonomie, Fotografie, Kunst abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Schule des Sehens

  1. dame.von.welt schreibt:

    Daß die Pflanzen unter der Wäscheleine stehen, ist nur logisch: zusätzliche Bewässerung durch tropfende Wäsche.

    Eigentlich formen sich spanische Kleinburgen ja eher durch Pultdachanbauten – an ein Satteldachhaus kann kaum der nächste Hausteil für eine sich vergrößernde Familie angebaut werden. Möglich wäre auch, daß Hausteile der Straße zum Opfer gefallen sind. Mich irritieren die 3 zierlichen Balken, die über der Treppe aus der Wand stehen. Womöglich gab es einen inzwischen abgerissenen 2-stöckigen Hausteil in Richtung Wäscheleine, die Treppe machte auf dem Absatz eine 90°-Kehre und die Fenster wurden erst nachträglich eingefügt? Und wer weiß es, vielleicht ist der übrig gebliebene Treppenrest gerade noch so hoch, daß man an die auf dem niedrigeren Dachteil zum Trocknen ausgelegten Tomaten/Trauben kommt?

    Kennen Sie Bernard Rudofsky, Architecture without Architects: A Short Introduction to Non-Pedigreed Architecture? Falls nicht: Tip, tolles Buch.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Erklärung mit dem Hausteil Richtung Wäscheleine klingt gut, aber die drei zierlichen Balken sind nur Regenablussrohre, die das Dach entwässern. Lustig allerdings, dass gleich drei so unorthodox angebracht wurden.

    Rudofsky kenne ich, aber nicht gelesen. Der Ansatz ist super und darum sollte man sich viel mehr kümmern. Man müsste daraus eine tragfähige Architekturtheorie machen, um die Schwätzer wie Rossi, die keine Wand ohne Weltgeschichte denken können, im Zaun zu halten.

    Danke für den Hinweis auf die spanischen Kleinburgen. Das Haus hier steht auf Gran Canaria.

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