„I couldn´t be impressed anymore“

„When I was, maybe sixteen years old I worked on the stucco business. In the morning we had to do a quarter of a full-size ceiling in Louis Quatorze, in the afternoon one in the Renaissance. We went through all these periods, chestnut ornaments and so on. I got so much of it that I couldn´t be impressed anymore with these things.“ (zit. n. A. Gerber, Metageschichte der Architektur)

Sagte Mies van der Rohe, der architektonische Modernist par excellence. Morgens Louis IX., nachmittags Renaissance. Abends irgendwas gemischt. Es war offenbar ein reines Dranklatschen von Stilen an fertige Fassaden, was Herr van der Rohe da erlebte. Das gibt vielleicht eine ganz gute Erklärung für die radikale Erneuerung der Architektur ab etwa 1920. Zwar gab es eine kurze Phase von vielleicht zehn Jahren zuvor, in der man sich via Reformarchitektur und Jugendstil schon deutlich vom Historismus abgesetzt hatte, was für die damaligen Zeitgenossen wohl sehr sichtbar war, für uns aber kaum noch ist. Doch man wollte mehr. Die vierzig oder fünfzig Jahre zuvor herrschte ein immer wilder werdender Stilmix, bis man möglichst alle verfügbaren Stile in einem Haus kulminierte. Das Ende war erreicht, ohne eine stilistische Neuerung hätte es keine neuen Häuser mehr gegeben. So wie vielleicht der Free Jazz das Ende einer Entwicklung markierte – ohne die beiden Entwicklungen qualitativ auf eine Stufe zu stellen.

Die späthistoristische Phase lief parallel zur ersten Phase des neugegründeten Deutschen Reiches. Während des Gründerkrachs ab 1873 lief die späthistoristische Architektur zur Höchstform auf und heiß. Die Gründerzeitviertel sind heute zwar hochbeliebt, aber ein genauerer Blick offenbart Unangnehmes: Der Stuck wurde nur an die Schauseite geklatscht, die Hinterhöfe waren nackt und dunkel und eng. Vorne wohnten ein paar Bürgerliche, die Masse wohnte hinten. Es war reiner Fassadismus. Die Villenviertel in Berlin offenbaren in ihrem viel massiveren Historismus eigentlich auch nur Geschmacklosigkeiten. Hier noch ein Erker, da noch ein Giebelchen: Sie ähneln einem verspoilerten Opel Rekord.

Ich weiß gar nicht, ob diese parallele Entwicklung schon einmal analysiert wurde: Späthistorismus und die frühe Phase des Deutschen Reiches mit seinem massiven ökonomischen und politischen Aufstieg inklusive Imperialismus. Es gab architektonisch offenbar einen ungemein massiven Selbstdarstellungsdrang mit starkem Bezug auf irgendeine gute alte Zeit, die man in der Romanik, der Gotik, des urdeutschen Fachwerkhauses oder sonstwo orten konnte.

Es ist kein Zufall, dass man sich ab 1920, in der Demokratie, erstmals ernsthafte Gedanken über Massenwohnungsbau machte, der die Bewohner ernst nahm. Was vorher ein vereinzeltes Anliegen paternalistischer Unternehmer wie Jean-Baptiste Godin oder Robert Owen war, wurde nun in großem Umfang umgesetzt. Dass das auch in Bauwirtschaftsfunktionalismus mündete, ist ein anderes Thema.

Mies als jemand, der die eigene Entwicklung früh kritisch reflektierte und so zu Großem fand. Er befasste sich als Sohn eines Steinmetz´früh mit Material, mit Handhabung, mit Haptik, mit dem Zeichnen. Er baute vor 1914 auch Reformarchitektursachen, die wir ihm heute nicht zuordnen würden. Er hat sich dann radikal entwickelt. Betrachtet man die Neue Nationalgalerie in Berlin, denkt man an Miles Davis, was die Spreizung des Werkes angeht.

Wir sollten Mies van der Rohe dankbar sein, dass er sich von den deprimierenden Erfahrungen seiner Sozialisation absetzen konnte. Hätte er das nicht geschafft, würden heute überall Hochhäuser mit Stuck dran herumstehen. Nicht auszudenken.

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4 Antworten zu „I couldn´t be impressed anymore“

  1. schlingsite schreibt:

    Für die Phantasie anregender sind alledings die gestalteten Fassaden alter Häuser. An den heutigen Bauten rutscht der Blick bis auf wenige Ausnahmen einfach nur ab.

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  2. genova68 schreibt:

    Anregend sind wohl generell gestaltete Fassaden, ob historistisch oder modern. Es gibt natürlich unendlich viel schlechte moderne Architektur, stimmt sicher. Wobei der Mies-Stil von etwas anderem lebt: Von der Einheit, den Kuben, der Leichtigkeit, der Konsequenz der Monotonie, die dadurch nicht monoton ist, sondern eher monumental, aber denoch filigran, nicht protzerisch, sondern leicht, auch filigran. Es geht da um die Aufhebung des ehernen Gesetzes, wonach Wände tragen müssten und deshalb nur kleine Ausschnitte möglich seien. Mies et al haben das komplett umgedreht. Heute ist das wohl nichts mehr besonderes, aber eine durchgehende Scheibe komplett ums Gebäude herum ist eigentlich nicht möglich, da ja die Wand tragen muss. Stahlbetonkonstruktionen haben das möglich gemacht. Hin und wieder werden Miessche Wolkenkratzer einfach imitiert, das ist heute vielleicht zuwenig.

    Aber das Bild mit dem abrutschenden Auge ist ein gutes.

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  3. kalo schreibt:

    Mich hat die Beobachtung von Helmut Plessner beeindruckt, der Historismus in der deutschen Architektur zeige den enormen Aufbruchswillen des wilhelminischen Bürgertums bei völliger Abwesenheit irgend eines sinnvollen, zielorientierten Selbstverständnisses. Sie wußten nicht, wer sie sein wollten; darum die erborgten Ausdrucksformen.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, ein spannendes Thema. Ich weiß nicht, was Plessner dazu schrieb, aber das Dilemma des Deutschen Reiches ist wohl, dass es ohne sinvolle Vorbilder auskommen musste. Es gab keine Demokratie von unten, es gab kein Gleicheit, Freiheit, Brüderlichkeit, die deutsche Geschichte ist wesentlich eine der Obrigkeitshörigkeit und des Gewährens von oben. So mischte man in der Architektur stilistisch alles zusammen, was einem irgendwie als deutsch vorkam. Impressionismus als eine neue Kunstrichtung aus dieser Zeit war in Frankreich, kaum oder erst später in Deutschland zu finden.

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