Wiener Verkündung

Bewegt man sich durch Wien, fallen einem überall Häuser mit roten Lettern an den Fassaden auf. Es sind kommunale Wohngebäude, deren Entstehungsjahr und teilweise auf die Herkunft von Fördermitteln direkt auf den Fassaden verkündet werden. Diese Methode ist ganz hervorragend dazu geeignet, ein öffentliches und dauerhaftes Bewusstsein für diese Form der Wohnorganisation entstehen zu lassen und es zu pflegen. Leider, so scheint mir, hat man diese angenehme Tradition der Öffentlichkeitsarbeit in den 1980er Jahren auslaufen lassen. Kommunale Wohnhäuser machen auf ihr soziales Finanzierungsmodell – das nach wie vor existiert – nur noch mit kleinen Blechschildern auf Augenhöhe aufmerksam. Die sind zwar oftmals informativer, aber eben von der Weite nicht mehr zu sehen.

Hier ein paar traditionelle:

60 Prozent der Wienerinnen und Wiener wohnen in kommunalen Wohnungen. Es ist eine Zahl, die man sich deutlich ins Bewusstsein rufen sollte. Vor allem kombiniert mit den Bedingungen, unter denen man dort wohnt: Kommunale Altbauwohnungen kosten in Wien zwischen drei und vier Euro den Quadratmeter, warm und saniert. In Berlin sind wir mittlerweile beim Dreifachen. Neubauten bleiben warm in der Regel unter 7,50 Euro. In Berlin: das Doppelte. Es entstehen weiterhin großflächige neue Siedlungen, teilweise mitten in der Stadt, ohne jeden Zugriff des Kapitals. In Wien in Mengen, in Berlin keine einzige.

Man könnte diese roten Lettern als eine plakative Art der architecture parlante lesen. Nicht im Sinne von Ledoux, wo besonders mächtige Bauformen (Kugel, Kubus, Dreieck) von der kommenden Revolution zeugen sollten. Eher in einem mittlerweile postmodernen Sinn: die Fassade spricht, hier nur in Form konkreter Information, die eine politische, eine gesellschaftliche ist. Aber eine sehr konkrete und damit eine herausfordernde. In Zeiten umfassender kapitalistischer Zurichtung von Städten sind solche Hinweise auf Fassaden eigentlich eine unerhörte Provokation.

Vielleicht schaffen diese roten Lettern, die seit 100 Jahren für alle sichtbar sind, weiterhin einen Teil des Bewusstseins, wie es gehen kann.

(Fotos: genova 2015)

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3 Antworten zu Wiener Verkündung

  1. hANNES wURST schreibt:

    Gefällt mir sehr, die Kollage von Kommunalwohnungsbeschriftungen. Ich finde sowieso, wenn etwas gut und sinnvoll ist, dass sollte man es auch entsprechend auszeichnen. Schon damit die weniger sinnvollen Einrichtungen negativ auffallen.

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  2. Jakobiner schreibt:

    „60 Prozent der Wienerinnen und Wiener wohnen in kommunalen Wohnungen.“ Würde mich mal interessieren, wie diese Zahlen in Berlin, München, Frankfurt, D+üsseldorf,etc. aussehen. Gibt es da Statistiken? Und wie sthet die FPÖ zum sozialen und kommunlaen Wohnungsbau? Ist das Common Sense in Österreich?

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  3. genova68 schreibt:

    In Berlin wohnen 10 Prozent der Bevölkerung in Genossenschaftswohnungen und weitere 14 Prozent in kommunalen Wohnungen. Wobei letztere teilweise massive Mietsteigerungen aufweisen. Kein Vergleich mit Wien. Die Zahlen stammen aus dem Wohnungsmarktreport 2015 der Berlin Hyp, einer Bank.

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