Meck-Pomm: eine Analyse

Nein, es geht nicht vorrangig um die Landtagswahl, sondern um das merkwürdige und deshalb besuchenswerte vorpommersche Städtchen Anklam. Nur am Rande: In dem Wahlbezirk von Anklam kam die AfD am 4. September 2016 auf gut 28 Prozent, die NPD auf knapp acht. Macht 36 Prozent für Rechtsradikale.

Rückblick:

Am 28. April 1945 marschierten in Anklam sowjetische Truppen ein. Auf die Stadt hatten in den Jahren zuvor amerikanische Flugzeuge eine Menge Bomben abgeworfen. Es ging dabei vor allem um die dort ansässigen Arado-Flugzeugwerke, die Militärflieger produzierten. Auch die Innenstadt Anklams wurde dabei beschädigt.

Die eigentliche Vernichtung der Bausubstanz Anklams verursachten aber weder amerikanische Bomber noch sowjetische Artilleriesoldaten, sondern fanatische Deutsche. Unmittelbar nach dem Einmarsch der roten Armee bombardierte die deutsche Luftwaffe das Zentrum, gleichzeitig legten Deutsche dort zahlreiche Feuer. Das Ergebnis nach zwei Tagen Bomben und Bränden: eine zu 75 bis 80 Prozent zerstörte Innenstadt.

Sowjetische Stellen machten 1953 nach den Aufräumarbeiten dieses Foto von oben:

Das Bild erinnert an Warschau. Die Zerstörungen in Dresden waren dagegen gemäßigt.

Eine städtische Ausstellung in Anklam schreibt:

„Haben die amerikanischen Luftangriffe auch schwere Wunden in Anklam hinterlassen, so waren es doch die 48 Stunden am 28. und 29. April 1945, die Anklam in eine Trümmerwüste verwandelten und der Stadt ihre Identität nahmen, in den letzten Gefechten eines längst verlorenen Krieges.“

Man kann das deutsche Verhalten hier ganz nüchtern als typisch deutsche Gründlichkeit bezeichnen. Wenn wir schon untergehen, dann richtig. Man kann das Ergebnis auch als wahrhaftigen deutschen Städtebau einer bestimmten Epoche bezeichnen: die totale Zerstörung als eine mögliche Form. Nicht so sehr Speers Visionen, die fast komplett Visionen blieben, sondern die realen Zerstörungen europäischer Städte als Folge deutscher Politik ist die ganz wahrhaftige deutsche Stadtbaukunst jener Zeit. Es gab eine Menge Nazi-Städtebauer, die die Kriegszerstörungen als praktisches Hilfsmittel für den neuen, wahrhaft deutschen Städtebau betrachteten.

Anklam als typisch deutsche Stadt.

Doppelt bemerkenswert wird Anklam, wenn man bedenkt, dass dort der Flugpionier Otto Lilienthal geboren wurde. Er war einer der ersten Menschen, die flogen, ohne gleich auf die Nase zu fallen. Die Nazis errichteten in Anklam 1936 einen Flugplatz und ein Jahr später die Flugzeugwerke. Ob das mit Lilienthal zu tun hatte, weiß ich nicht. Dass 1945 Anklamer und Deutsche mit Hilfe der deutschen Luftwaffe ihre eigene Stadt niederbrannten, nur um den Russen eins auszuwischen, lässt sich vielleicht auch an den damaligen Wahlergebnissen ablesen: 1933 kam die NSDAP auf 53 Prozent, die SPD 15. Zehn Jahre vorher hatten die Sozialdemokraten noch 55 Prozent der Wähler gewinnen können. 19 Prozentpunkte mehr als 1933.

Die Wahl der Nazis lohnte sich für die Anklamer erst einmal: Der Flugplatz und die Flugzeugfabrik brachten Arbeitsplätze, die Einwohnerzahl stieg. Die vielen Zwangsarbeiter dürften die wenigsten gekümmert haben.

Die Stadt ist heute einen Besuch wert, weil man hier eine doch einigermaßen seltene Geschichte sieht: Nicht nur eine fast komplett zerstörte Altstadt, sondern auch eine in Teilen leere vormals Alt- und jetzt Innenstadt. In der DDR gab es keinen Bedarf, die Vorkriegsdichte in der Bebauung wieder zu erreichen. Man pflanzte ein paar Plattenbauten auf die entstandenen Innenstadtwiesen, das war´s. Heute gibt es ebenfalls keine Verwendung für den vorhandenen Raum. Es fehlt das Volk.

So sah es in einem Block direkt am Marktplatz vor dem Krieg aus:

Und so sieht der Block heute aus:

Hochinteressant ist auch das in den 1950ern erbaute Rathaus. Dazu in einem anderen Beitrag mehr.

Der Wikipedia-Artikel über Anklam enthält ein eigenes Kapitel namens „Rechtsextremismus“. Ob manche der Anklamerinnen und Anklamer ihre Stadt heute wieder bombardieren und selbst zerstören würden? Als gute Deutsche?

Wie auch immer: Anklam, dies ist nun klar geworden, lohnt einen Besuch.

(Fotos: genova 2016)

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