Architekturfotografie als Ideologie

Die FAZ berichtet über ein eigentlich ganz angenehmes Einfamilienhaus. Die illustrierenden Bilder sind bezeichnend, vielsagend, zeitgenössisch. Exemplarisch sei das hier herausgegriffen:

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Eine Wohnküche, die Lebendigkeit ausstrahlen will. Wir sind keine greisen Senioren, nein, wir haben Kinder, und die tollen umher. Aber bitte nur ideell. Die Küche ist topaufgeräumt, keine Kinderzeichnung hängt an den zahlreichen Schranktüren, kein dreckiger Topf steht auf dem Herd, kein Glas an der Spüle, kein Papierchen, kein Essensrest, keine einzige Schliere. Auch kein Spielzeug. Dafür: eine aufgeschnittene Melone, die Gesundheitsbewusstsein und Frische und Authentizität demonstrieren soll. Die Familie ist zuhause, sie ist lebendig, sie wird gleich etwas Gesundes essen und lachen. Aber nur kurz, das ist effektiver. Als Karikatur des Ganzen steht die Wasserflasche mit Zitrone und Kräutern auf dem Tisch. Natürlich kein ordinäre Pet-Flasche, sondern ein Gefäß, für das man bei Manufaktum sicher eine Menge Geld bezahlt.

Bezeichnend auch das Mobiliar: Man hat eine Bank, denn anlehnen ist was für alte Leute und suggeriert Ausruhen, Bequemlichkeit, aber man ist ja offen, spontan, sportiv und auf dem Sprung oder der Karriereleiter. Der Tisch hat sicher eine angenehme Haptik, aber die wird nicht wohnnatürlich eingebunden, es wird auf um an dem Tisch kein Leben gestattet. Das Cleane ist Ideologie und Programm. Körperertüchtigung, gesundes Essen, alles fürs sogenannte körperliche Wohlergehen, das nicht von ungefähr an faschistische Ideale denken lässt.

Von der Decke hängt eine trendige Leuchte im aktualisierten 70er-Jahre-Design. Das passt nicht so ganz, denn dieser Stil hatte seinerzeit etwas mit Entspannen, mit sich Räckeln, mit Drogen zu tun. Nicht mit Wassermelonen. Die aktuelle Leuchte ist entcoloriert, insofern schlägt man den Bogen zur zeitgenössischen Askese. Man hat noch eine leise Ahnung, was Gemütlichkeit oder Behaglichkeit bedeuten könnte.

Die Hocker an dem schmucklosen Herdtisch sind wohl fürs schnelle Frühstück gedacht. Es ist eine aus den 1980ern rübergezogene Idee, dass man auf Hockern sitzt, unbequem und starr, aber man muss ja gleich an die Wallstreet und Aktien kaufen. Die Eckbank galt damals als Inbegriff der Spießigkeit. Der Sprung von den Lümmel-Siebzigern zur in vielerlei Hinsicht geistigen Wende der Achtziger mit den Hockern war ein bedeutender.

Die Küche als das neue Bücherregal, die zeitgenössische Bürgerlichkeit demonstriert. Wir kochen selbst, natürlich bio, keine Entfremdung.

Das Kind passt in die Küche wie auf eine Autobahn. Es hat sich dieser protestantischen Entsagung anzupassen und bitte nichts anfassen. Man fragt sich, wo es eigentlich hinrennt. Es ist nur folgerichtig, dass es rein illustrativ eingebaut ist, als Wischer, der Lebendigkeit suggerieren soll und entfernt alles, was man damit verbinden könnte: Unkontrolliertsein, Spontanität, Schmutz, Veränderung, Entnormung. Aber eben bitte nur suggerieren. Man stelle sich das Kind vor mit einem Eis in der Hand, dann fläzt es sich auf den Tisch, wohlmöglich fasst es mit seiner verschmierten Hand an den die graue Küchenzeilenfassade. Chaos. Man müsste sofort die rumänische Putzfrau kommen lassen.

Wahrscheinlich sind die Besitzer auf dem Level der Großbürger vor 120 Jahren in ihren vollgepfropften historistischen Wohnzimmern. Heute ist man vordergründig asketisch und hat einstmals progressive Stilistiken ins Elitäre hinübertransformiert. Es erinnert an die aktuelle Bauhaus-Rezeption, aus der alles Politische und Widerständige eliminiert wurde.

Das Haus ist vordergründig offen. So wie man heute eben ist: Man findet alles spannend, ist an allem interessiert. Aber nicht, weil es einen interessiert, sondern weil es einen zu interessieren hat. Lebenslanges Lernen nennt man das euphemistisch. Die großen Fenster sind ein Muss. Aber eben so übertrieben, dass man schon vor dem Einbruch der Dunkelheit die NSA in Form der Nachbarn direkt auf der Terasse sitzen hat.

Vermutlich steht im Wohnzimmer eines dieser aktuellen völlig überdimensionierten Sofas, diesen Verzerrungen der Kuschelsofas aus den Siebzigern: Sie sind heute doppelt so groß mit viel zu tiefer Sitzfläche, sodass man permanent auf der Kante sitzt und sich nicht anlehnt. In den 1960 hatten die Sofas noch die richtigen Maße, man saß gemütlich, in den 1970ern wurden die Sofas breiter und tiefer, was aber ok war, denn man zog die Schuhe aus, entzündete den Joint und lümmelte in den Tiefen der mitgelieferten Kissen. Heute haben wir einen Abgeschmack des letzteren, weil man das Wohlfühlen suggerieren muss, und sitzen auf der Kante.

In dem Haus wohnt, so erfahren wir aus der FAZ, ein Ehepaar in den Dreißigern mit drei kleinen Kindern. Erfolgreiche Unternehmer, sicher total locker, interessiert, offen, vielseitig und überhaupt. Man wäre da gerne mal ein paar Stunden dabei, mit den drei Kindern in der cleanen Küche. Vermutlich dürfen sie die Melonenscheiben nur angucken, nicht anfassen.

Wir haben es hier mit einem unterschwellig hochideologischen Bild zu tun, das alles zeigt, nur nicht die Architektur. Dazu gehörte entweder ein leerer Raum oder ein ernsthaft bewohnter. Ersteres wäre stilistisch interessant, formaltechnisch, zweites interessant als nutzerorienter Ansatz. Und der muss nun mal all das beinhalten, was Wohnen ausmacht. Es ist mehr als eine Wassermelone.

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9 Antworten zu Architekturfotografie als Ideologie

  1. dame.von.welt schreibt:

    Von der Decke hängt eine trendige Leuchte im aktualisierten 70er-Jahre-Design. Das passt nicht so ganz, denn dieser Stil hatte seinerzeit etwas mit Entspannen, mit sich Räckeln, mit Drogen zu tun. Nicht mit Wassermelonen. Die aktuelle Leuchte ist entcoloriert, insofern schlägt man den Bogen zur zeitgenössischen Askese. Man hat noch eine leise Ahnung, was Gemütlichkeit oder Behaglichkeit bedeuten könnte.

    Nö. Diese Lampe hat zwei mögliche Lichtformen: entweder sie funzelt unter Kerzenlichtniveau oder sie blendet so, daß man Sonnenbrillen ausgeben muß. Beides hat mit Gemüt- und Behaglichkeit soviel zu tun wie der Papst im Darkroom. Mal ganz davon abgesehen, daß sie spuckehäßlich ist, wahrscheinlich blickt die Familie mit gesenktem Kopf auf ihre mit Chiasamen und anderem Superfood bevölkerten Abendbrotteller. Ist auch eine Haltung^^

    In dem Haus wohnt, so erfahren wir aus der FAZ, ein Ehepaar in den Dreißigern mit drei kleinen Kindern. Erfolgreiche Unternehmer, sicher total locker, interessiert, offen, vielseitig und überhaupt. Man wäre da gerne mal ein paar Stunden dabei, mit den drei Kindern in der cleanen Küche. Vermutlich dürfen sie die Melonenscheiben nur angucken, nicht anfassen.

    Sie vergessen die praktische Einrichtung von wahrscheinlich schwarz arbeitendem und garantiert unterbezahltem Personal (weiblich). In diesem Haushalt gibt es mit größter Sicherheit eine Putzfee und wahlweise eine Nanny oder ein Au-Pair-Mädchen. Das garantiert auch den Gesprächseinstieg auf Parties à la ‚Gutes Personal ist heute wirklich sehr schwer zu finden!‘

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  2. genova68 schreibt:

    „Nö. Diese Lampe hat zwei mögliche Lichtformen: entweder sie funzelt unter Kerzenlichtniveau oder sie blendet so, daß man Sonnenbrillen ausgeben muß. Beides hat mit Gemüt- und Behaglichkeit soviel zu tun wie der Papst im Darkroom. Mal ganz davon abgesehen, daß sie spuckehäßlich ist, wahrscheinlich blickt die Familie mit gesenktem Kopf auf ihre mit Chiasamen und anderem Superfood bevölkerten Abendbrotteller. Ist auch eine Haltung^^“

    :-)

    Ehrlich gesagt kann ich mit Kategorien wie schön oder hässlich wenig anfangen. Das ist alleine eine Geschmacksfrage und Geschmacksfragen sind soziale Fragen. Selbst Ansätze wie der goldene Schnitt oder die Proportionen antik-griechischer Architektur haben sich als Schönheitsideale einfach nur lange gehalten, weil die gesellschaftlichen Bedingungen entsprechende waren. Je weniger man sich an schön oder hässlich klammert, um so offener ist man für das, was man sieht.

    Solche Lampen kamen in den 60ern oder 70ern auf, die funzelten meinetwegen, milde Spots, aber was soll daran schlecht sein? Davon abgesehen kann man verblendete Glühbirnen einschrauben, dann blenden sie nicht. Und Papst im Darkroom: Unterschätzen Sie mir den Papst nicht.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Ich meine, Küche und Esszimmer sind ganz gut aufgeteilt und auch gestaltet, lediglich der Grauton der Einbauküche passt nur zum Kleidungsstil des davor abgebildeten Kindes aber sonst zu nichts. Im Hintergrund spiegelt sich das Tal – könnte Stuttgart sein. Bestimmt ist es Stuttgart oder irgend so ein reiches Kaff. Wenn wir damit den Standort herausfinden, können wir hingehen und denen ein Ei an die Tür werfen. Oder jedenfalls geigen wir ihnen gehörig unsere Meinung, sagen ihnen dass wir die Wassermelone zum Kotzen finden und so.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, so machen wir´s. Aber nur mit einem rohen Ei.

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  5. dame.von.welt schreibt:

    Solche Lampen kamen in den 60ern oder 70ern auf, die funzelten meinetwegen, milde Spots, aber was soll daran schlecht sein? Davon abgesehen kann man verblendete Glühbirnen einschrauben, dann blenden sie nicht.

    Und auf den Tisch stellt man dann ein paar Gemütlichkeit verbreitende Kerzen und läßt das „große“ Licht am besten aus…;-)… Dann sieht man auch das Ei an der Tür nicht so, bis Fatma das morgen wegmacht.

    Schlecht daran“ ist, daß die Lampe zwar über dem Tisch hängt und ihn hell machen soll, stattdessen aber den Raum (mit Sicherheit unzureichend) beleuchtet. Eine Lampe über dem Familieneßtisch hat eine (1) sinnvolle Richtung für’s Licht: auf den Tisch. Etwas ähnliches gilt für Leselampen, Schreibtisch- und andere Arbeitsflächenbeleuchtungen. Raum- und Grundlicht am besten viel, indirekt an Wände oder Decke und dimmbar.

    Spots (aka engstrahlende Scheinwerfer) sind gemacht zur Beleuchtung von z.B. Bildern, nicht für die Beleuchtung von Räumen und nur sehr bedingt für die von Tischen (entweder sie blenden oder man sieht jeden noch so kleinen Tränensack, mit Schattenwurf). In den 60er/70ern gab’s die erste Mode, alles mögliche und unmögliche pseudotechnisch mit Spots beleuchten zu wollen, die ihre Neuauflage in den 90ern erlebte, parallel zur Glas-Chrom-Möblierungsmode, very gemütlich^^

    Interessanter in den 60er/70ern fand ich die Mode, die Glühbirne prominent zu machen, z.B. sie ins Riesenhafte zu vergrößern. Das Tischdings da oben ist ein kläglicher Abklatsch von Treppenhaus- oder Foyerbeleuchtung mit Glühbirnenbündelungen oder -reihungen, die den Kronleuchter formal ablösen sollten.

    Der Unsitte (nach Petroleum-/Gasbeleuchtung), Räume und Tische und überhaupt alles mit nach allen Seiten strahlenden Lichtkörpern beleuchten zu wollen, konnte auch das Bauhaus nicht abhelfen. Im ganzen Gegenteil, die Wagenfeldleuchte ist ein prominentes Beispiel für eine komplett fehlgeplante Schreibtischlampe: entweder funzelnd oder blendend. Ein anderes Beispiel wäre die kugelförmige Milchglaslampe in Bürofluren und ähnlich heimelig beleuchtet wird auch die Küche oben im Bild sein.

    Lampen sind eine form-follows-function-Angelegenheit, die Ausnahme von dieser güldenen Regel sind Kerzen und Lichtobjekte mit einer Funktion wie Kerzen. Meine Kategorie „spuckehäßlich“ begründet sich also nicht nur mit Geschmack, sondern und vor allem mit Nichtfunktion (und mit kläglichem Abklatsch).

    Architekten/Innenarchitekten lernen erstaunlich wenig über Licht und Beleuchtung im Studium und wollen später auch nicht unbedingt was dazulernen – zumindestens nichts, was die Staff-Erco-Workshops und das Designernamedropping übersteigt. Dabei macht Licht, was keine Wand und kein Möbel kann: Atmosphäre und gut geplantem Licht ist es völlig egal, ob es aus einem Baufluter oder einer 2.500-Euro-Stehlampe kommt.

    Ojemine, das wurde jetzt schon wieder länglich…

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  6. Jakobiner schreibt:

    Haben die keine Rolläden oder deckt der kleine Vorhang dann ausgezogen die Fenster ab. Oder ist das Aquariumstil–man lässt sich hineinblicken und stellt sich samt Familie den aussenstehenden Betrachtern aus? Oder ist das Grundstück mit Hecken so umgeben, dass keiner reinschauen kann?

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  7. genova68 schreibt:

    dame von welt,
    danke für Ihre freundlichen Ausführungen zum Lichtdesign oder wie man das nennt. Die Kugellampe da oben haben Sie ja ausgiebig betrachtet. Liest sich alles stimmig,was Sie schreiben. Das Licht könnte in der Tat völlig grauenhaft sein. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Lampe nicht über dem Tisch hängt, sondern in dem Zwischenbereich zwischen Tisch und Herdtisch.

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  8. dame.von.welt schreibt:

    Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Lampe nicht über dem Tisch hängt, sondern in dem Zwischenbereich zwischen Tisch und Herdtisch.

    Dann würden nur die Kinder drunter durchpassen. Obwohl, Fatma auf den Knien mit dem Scheuerlappen auch…

    Ich glaube eher, das Dings hängt ziemlich genau über der Noppenschale, verlängern Sie mal die Linie nach unten.

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  9. genova68 schreibt:

    Ich kann auf dem Foto nicht klar erkennen, wo die Lampe hängt. Sinnvoller wäre sie natürlich über dem Tisch angebracht.

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