Kreuzberg: „Das gallischste Dorf der Welt“…

…nennt der Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies den Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg im Rahmen einer Serie, in der alle Berliner Bezirke vorgestellt werden.

Ein gallisches Dorf ist eines der Unbeugsamen, die einen mächtigen, sie umstellenden Feind dauerhaft erfolgreich abwehren. Wer ist der mächtige Feind von Friedrichshain und Kreuzberg?

Schaut man sich die Geschichte von Kreuzberg an, dann entstand der Habitus, auf den Matthies anspielt, in den 1960er Jahren: Die Mauer machte die Gegend für viele unattraktiv, dafür kamen die Gastarbeiter, später Studenten, Künstler, Aussteiger. Von dem Ruf dieser Milieus speist sich der Ruf Kreuzbergs bis heute nahezu komplett.

Man kann auch sagen, dass sich dieser Ruf fundamental von der jahrzehntelangen Abwesenheit von kapitalistischem Verwertungsdruck speiste. Es gab da schlicht nichts zu verwerten, so wie das Kapital heute in Duisburg-Marxloh nichts verwerten kann. Die Immobilienpreise waren niedrig, die Mieten auch, und genau das war die Grundlage für die Blüte von Randexistenzen.

Heute ist bekanntlich das Gegenteil der Fall. Das Kapital plündert das Viertel ungehindert aus. Der Ruf wird ausgeschlachtet, sonst nichts. Das gallische Dorf hat eingepackt, es existiert nicht mehr. Außer für Touristen und den Tagesspiegel.

Matthies – eigentlich ist er Restaurantkritiker – begründet sein Bild vom gallischen Dorf damit, dass man in Kreuzberg grün wähle, gegen Atomkraft und gegen Polizisten sei. Letzteres ist eine übliche spießbürgerliche Annahme, und in Zeiten, in denen das Musterländle Baden-Württemberg von einem grünen Ministerpräsidenten regiert wird, sollte man eine grüne Bezirksbürgermeisterin vielleicht nicht überbewerten.

Bemerkenswert ist auch dieser Satz hier:

Nur noch wenige erinnern sich an die Zeiten, als eine linksradikale „Kiez-Mafia“ edle Speisestätten aus dem Bezirk ekeln wollte – die Zeichen stehen längst auf friedliche Koexistenz.

Die friedliche Koexistenz heißt real, dass Leute und Läden via explodierende Mieten massenhaft vertrieben werden.

Der Artikel von Matthies ist nur ein weiteres Beispiel für die strukturelle Dummheit der bürgerlichen Medien. Weit unter jedem notwendigen analytischen Niveau präsentiert die Zeitung, die laut eigenem Motto den Sachen auf den Grund gehen will (rerum cognoscere causas), ein Pappmaschée-Bild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Es bedient lediglich die üblichen Spießervorurteile, die man eh schon kennt.

Und wenn Kreuzberg nicht nur ein gallisches Dorf, sondern gleich das gallischste Dorf der Welt sein soll, verdeutlicht sich einerseits die Dummheit des Redakteurs. Es gibt in Südamerika, in Afrika und anderswo wahrscheinlich eine Menge Dörfer, die ganz real gegen kapitalistische Zumutungen kämpfen, gegen Abriss, Vertreibung und mehr, und das mit hohem menschlichem Einsatz. Das exisistiert für Matthies nicht. Andererseits kommt da dieses typisch deutsche Element zum Vorschein, wonach wir es unter der Weltbezogenheit nicht machen. Exportweltmeister, Fußballweltmeister, die besten Autos der Welt und natürlich auch das beste gallische Dorf der Welt.

Rerum cognoscere causas – wäre das so, würde der Tagesspiegel den Restaurantfachmann Matthies nur noch über Kümmel und Koreander schreiben lassen. Vielleicht kann er das. Wobei: Denkt man an die gesellschaftsanalytischen Qualitäten der Kolumnen von Wolfram Siebeck, den Gott selig haben möge, so ist zu vermuten, dass Siebeck einen solchen yellow-press-Artikel wie den von Matthies über Kreuzberg niemals verfasst hätte. Bewusstes Urteilen über Essen setzt einiges voraus.  Wer 2016 in Kreuzberg das gallische Dorf sieht, dessen Fähigkeiten, aus dem Empfinden von  Geschmacksnerven sinnvolle Texte zu basteln, sind vermutlich auch im Eimer. Es hängt ja alles mit allem zusammen.

Aber das führte jetzt zu weit.

fade out

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