Eine postmoderne Entdeckung aus der DDR

In der platten Niederlausitz taucht plötzlich das hier auf:
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So eine Art dezente Postmoderne in der DDR. Ich habe solche Anstrengungen bislang nur vereinzelt in den ostdeutschen Städten vermutet. So kann man sich täuschen. Das Gebäude ist bemerkenswert.

Der Sockel macht den Eindruck eines Fundamentes, solide geziegelt, und in zwei Ebenen angelegt. Die Fensteröffnungen sind stur seriell konzipiert, aber auf der Längsseite links und auf der kompletten Querseite mit einer Art angedeuteten schmucklosen Pilastern gegliedert. Mittig ist das Fundament komplett aufgerissen. Diese Pilaster haben teilweise unterschiedliche Längen und wirken damit der formalen Strenge der Fassade entgegen. Das Dach ist ein angedeutetes Satteldach. Man könnte meinen, dass hier ein altes Gebäude steht, das zur Hälfte abgerissen und dem ein modernes aufgepfropft wurde.

Auf einer Seite steht noch eine Art angedeuteter ziegelverkleideter Turm mit einer geschwungenen Wand. Welche Funktion dieses Bauteil auch immer gehabt haben mag, es scheint doch der Absicht geschuldet, dass man hier noch etwas Originelles anfügen wollte.

Der Kasten selbst ist ein monotoner, lediglich auf einer Seite in der zweiten Etage abgetreppt und durch vereinzelte rote Fassadenteile gestaltet. Der (vermutlich) Erschließungsschacht ragt wiederum als geziegelter aus dem Kasten heraus, was den Eindruck unterstreicht, es handele sich um zwei Gebäude, ein jüngeres und ein älteres.

Die Körper-Fundament-Beziehung ist hier vielleicht etwas plump ausgeführt, verweist aber auf eine 100 Jahre alte Diskussion: Die Moderne baute ja angeblich ohne Fundament und ohne Sockel. Daraus wurde ihr von konservativer Seite gerne fehlende Bodenhaftung vorgeworfen, kein Bezug zur Scholle, zur Heimat, zum Ich, zur eigenen Identität usw. Es gibt Leute, die den Nachweis versuchen, dass beispielsweise Mies van der Rohe alle Gebäude auf ein gut sichtbares Fundament stellte, was vor allem eine Frage der fotografischen Perspektive und des eigenen Standpunkts ist. Das Fundament kann jedenfalls bei ihm überall nachgewiesen werden. So gesehen ist das Gebäude hier dualistisch: Auf der einen Seite in ein mächtiges Fundament eingebettet, auf der anderen tatsächlich fundamentlos.

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Das Objekt am Rande einer kleinen Stadt, deren Name mir entfallen ist, ist es wert, stehenzubleiben. Man muss es gar nicht herrichten. Aber bitte nicht abreißen.

(Fotos: genova 2014)

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