Ungeordnete Gedanken zur Architektur im Tirolerischen und im Voralbergischen

Eine skurrile Konstruktion im Tirolerischen:

 

Die Bauaufgabe: Die Lagerhalle eines Sägewerks errichten, aus der von oben das zugerichtete Holz auf einen LKW oder Traktor-Anhänger verladen werden soll.

Die einfachste Lösung: Man nimmt die urvertraute und unzählige Male realisierte Form eines Hauses mit Satteldach, lässt die Fensterausschnitte weg und stellt es auf Stelzen. Mehr braucht es nicht, Bauaufgabe bewältigt. Die Stelzenwand ist so herrlich unprätentiös gefertigt, dass es eine Freude ist. Es ist einfach eine Mauer ohne zwanghaftes Ornament. Im Tirolerischen ist es Alltag. Wobei: Es ist dort in eine Umgebung platziert, die voll von Kitsch ist, von Versuchen, reale regionale Bautraditionen weiterleben zu lassen, was aber scheitert, weil die Bauaufgaben andere geworden sind und weil man den Traditionsbegriff nicht kritisch sieht, sondern instrumentell. Man sieht in diesen tirolerischen Touristenorten haufenweise sechs-, siebenstöckige Hotels im Bauernhausstil. Es hat etwas Zwanghaftes: Das Festhalten an einer Tradition, deren inhaltliche Weiterentwicklung eine inhaltliche Auseinandersetzung mit sich selbst bedingte.

Sowas hier ist dann schon jenseits von Heimat, jenseits von Kritik. Es ist eine Groteske, grauenhaft und komisch zugleich:

Ob die Gäste, die dort absteigen, Schmerzensgeld bekommen? Ich denke ja. Der Kasten ist eine typische falsche Antwort im falschen Leben. Und als solche natürlich so annehmbar wie Florian Silbereisen.

Zurück zum ersten Bild: Als eine Art Dachwohnausbau wäre das Teil, in Berlin realisiert, in allen Architekturzeitungen und die Hipster-Architekten und -Bauherrn kämen Gucken und die Architekten sonnten sich, während im Tirolerischen vermutlich keine Architekten am Werke, wie man sagt, waren. Das Stelzenhaus funktioniert im Tirolerischen nur deshalb, weil es unterhalt der Aufmerksamkeitsschwelle liegt. Es wird von Touristen nicht beachtet, es zählt nicht als imagegebend, es ist aufmerksamkeitsökonomisch ab vom Schuss. Und genau deshalb offenbart sich hier das Authentische und somit das Interessante.

Ein paar Kilometer weiter, im Vorarlbergischen, wird fast ausschließlich vorbildlich gebaut. Man spürt die Nähe zur architektonisch anspruchsvollen Schweiz und eigentlich und überhaupt gehört das Vorarlbergische zur Schweiz, kulturell, sprachlich und topographisch. Das Vorarlbergische ist vom Rest Österreichs durch hohe Berge getrennt, früher konnte man das Tirolerische im Winter kaum erreichen. Zur Schweiz hin: nur der schmale, freundliche Rhein.

Die Topographie sorgte und sorgt hier also dafür, dass dass sich völlig unterschiedliche Baukulturen ausbildeten.

Man könnte sich nun über das Thema Regionalismus in der Architektur auslassen oder auch über Bauen im Kontext. Ungemein spannende Themen im Angesicht von Globalisierung, serieller Fertigung, dem Unbehagen in der Moderne. Man könnte eine Verbindung zwischen der sogenannten Volksmusik, dem Tiroler Heimatkitsch und der FPÖ herstellen. Man könnte darüber diskutieren, ob der Tiroler Heimatkitsch nicht der größte anzunehmende Verrat an der Tradition ist. Dass also die Tiroler Heimatkitschler die eigentlichen Globalisierer sind, völlig pervertierte Modernisten im Geiste des Bauwirtschaftsfunktionalismus. Dass sie also das betreiben, was sie vorgeblich bekämpfen.

Man könnte auch darüber diskutieren, warum die anspruchsvolle Architektur in Vorarlberg zu ähnlichen Zustimmungswerten für Faschisten führt wie in Tirol. Man müsste das in Zusammenhang mit dem Heimatbegriff diskutieren, der politisch wie architektonisch ein indifferenter ist und der einen qualitätsvollen, unprätentiösen Umgang mit Holz und die Wahl von Faschisten offenbar problemlos zusammenbringt. Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Vorarlberger Initiative zu Produkten aus der Region problematisieren.

Wie auch immer: Gute Architektur ist im Tirolerischen die Ausnahme, im Vorarlbergischen die Regel. In dem Tal, in dem das skurrile Haus als Ausnahme steht, kommt die FPÖ übrigens auf mehr als 40 Prozent.

Möge GOtt seine schützende Hand über die Ausnahmen halten.

(Fotos: genova 2016)

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6 Antworten zu Ungeordnete Gedanken zur Architektur im Tirolerischen und im Voralbergischen

  1. hANNES wURST schreibt:

    Das „Alpenschlössel“ wurde nur gebaut, damit Florian Silbereisen dort absteigen kann, und ist in dieser Hinsicht authentisch und sehr zweckgemäß.

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  2. genova68 schreibt:

    Das ist ein sehr guter Punkt, den man nicht einfach beiseite wischen kann. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich hoffentlich niemals, auch wenn ich die Macht hätte, sowas wie da oben verbieten würde. Es sollte jeder bauen, wie er will. Architektur als Ausdruck der Verhältnisse ist ja nur eine solche, die sich austoben darf.

    Und man kann an dem Alpenschlössl sicher auch etwas finden, Geborgenheit, Nachsicht und Vertrautheit oder so.

    Im Vorarlbergischen ist die Strenge dieser aktuellen Architektur dort nach einer Weile auch ein wenig irritierend. Es geht halt sehr viel um Authentizität, um Materialgerechtigkeit, um gute Lesbarkeit. Aber auch das ist nicht unproblematisch.

    Architekturpsychologen gehen davon aus, dass der Mensch die Schönheit eines Gebäudes (oder die Angenehmheit) an fünf Punkten festmacht, zu denen auch Mysterie, also das Geheimnisvolle, Komplexität, Überraschung, vielleicht noch Mehrdeutigkeit und Neuartigkeit gehören. Insofern ist die leere Wand eine Herausforderung, die Lesefähigkeit beim Rezipienten, aber auch außerordentliche Fähigkeiten beim Architekten bedingen. Die DDR-Plattenbauten stehen hier noch überall herum. Sie werden durch Abriss weniger und sie sind Zeuge einer Epoche. Architektonisch ist es allerdings mit das Schlimmste, was je entstand. Städtebaulich auch.

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  3. Peinhart schreibt:

    Gesehen…? ;)

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  4. genova68 schreibt:

    Nicht gesehen, aber jetzt, danke. Ein unreflektierter Artikel, der das eigene Unbehagen über aktuelle Architektur in den Mittelpunkt stellt, mit den falschen Kategorien arbeitet und vor allem die eigene regressive Befindlichkeit offenbart. Schöne Architektur will er, der Autor Christopher Stark. Schön ist das, was ihm gefällt, Punkt.

    Starks Unbehagen lässt ihn Glas, Beton und Stahl als das Böse erscheinen und das nennt er dann kurzerhand Investorenarchitektur. Das Gute ist die Architektur bis zur Gründerzeit und heute die neoklassizistische Retroarchitektur. Die genannten Materialien sind aber einfach nur Baustoffe, sonst nichts. Und ohne Beton wird auch keins seiner gefeierten Beispiele aktuelle gelungener Architektur gebaut.

    Bliebe Stark hier bei seinem persönlichen Geschmacksbeispiel stehen, wäre der Artikel nur belanglos. So aber vermischt er sein regressives Geschmacksurteil (das natürlich massiv gesellschaftlich geformt wurde und nur Ausdruck seines kleinbürgerlichen Bewusstseins ist) mit vermeintlicher Neoliberalismuskritik. Er vergisst schon mal, dass in Berlin die meiste Retroarchitektur Investorenarchitektur ist. Es müsste ihm hier gefallen. Stattdessen nimmt er angebliche Negativbeispiele, die alle schon 20 Jahre alt sind.

    Dazu kommt Manipulation: Das Zitat von Ungers bezieht sich auf ein von ihm gebautes Haus, auf ein unbestritten extremes: Das „Haus ohne Eigenschaften“. Stark tut so, als rede Ungers hier allgemein über Architektur. Eigentlich ein starkes Stück.

    Das Hypen der Gründerzeitarchitektur ist mit Kapitalismuskritik genausowenig vereinbar, das waren damals massive privatwirtschaftliche Investitionen, die sich rechnen sollten. Und bis auf die schicke Stuckfassade waren die Hinterhöfe eng, laut, schmutzig, voll. Das wird von Stark nun absurderweise romantisiert.

    Stark ist, will man seine politische Fährte, die er in dem Artikel legt, zu ende denken, ein rechter neoliberaler Gesellse, der sich irgendwie fortschrittlich wirkt.

    Dann reißt er Loos aus dem Zusammenhang, behauptet einen „Geschmack der Eliten“, der sich ausbreite, übt die übliche, ausgeleierte Kritik am DDR-Plattenbau, meine Fresse. Schließlich schwenkt er auf regressive Retro-Architektur ein. Die will er also. Die Beispiele, die er bringt, ist die von ihm angeblich so gehasst Investorenarchitektur. Sauteuer obendrein. Solche Sachen kosten in Berlin als Eigentumswohnung ein Vermögen. Es ist lächerliche, auf Statusdenken hin gebaute Architektur ohne jedes interessante Detail. Aber wenn einem ein paar Blendgiebel reichen, dann ist alles ok.

    Dieser Stark ist einfach nur regressiv. Ornament ist gut, irgendwas verzieren ist gut, und das ist dann gegen den bösen Kapitalismus gerichtet. Und immer wieder dieses Behaupten der Existenz des angeblichen architektonischen Volkswillens, den er da fordert.

    Er widerspricht sich auch x-fach selbst, nicht nur bei den Bildern. Der Auszug aus Momo zum Schluss prangert die Mietkasernen an. Genau das ist aber seine tolle Gründerzeitarchitektur, die er fordert.

    Stark vertritt hier einen rechten, reaktionären Ansatz: Moderne ist bäh, nach 1914 (also nach dem Kaiser) kam nichts mehr gutes, die bösen Eliten haben einen perversen Geschmack, der sich nicht an der deutschen Scholle orientiert, Ornament ist gut, egal, welches, Beton ist böse, Ziegel ist gut.

    Die AfD würde ihn als Kulturbeauftragen begeistert nehmen.

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  5. Peinhart schreibt:

    Vielen Dank für diese ‚Würdigung‘, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Was mich ja auch noch mal hier interessieren würde, wäre ein Artikel zum Neubau des Zentralgebäudes der Lüneburger Leuphana-Uni. Wie ich gerade heute erst sehen konnte, wird das Ding nun auch noch mit merkwürdigen Metallplatten beplankt, die dem in Lüneburg morgens und von Süden Einfahrenden blendende Grüße beschert. Dazu konnte ich jetzt allerdings auf die Schnelle keine aktuellen Ansichten im Netz auftun.

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  6. genova68 schreibt:

    Danke Peinhart, wobei ich diese Würdigung beim aktuellen zweiten Lesen für strukturierungswürdig halte :-) So ist das immer mit dem Drauflosschreiben.

    Der Libeskind in Lüneburg: Ich war noch nie in Lüneburg :-) insofern kann ich zu dem Bau nichts sagen. Aber der Artikel beschreibt ja ganz gut das, worum es Libeskind gemeinhin geht: Verwirrung stiften, Logik infrage stellen, Kommunikation via neue Perspektiven und Unsicherheiten herstellen, andere Blicke ermöglichen, ein anderes Verhalten im Raum und dann auch Menschen dort gegenüber. Dafür bucht man einen Libeskind. Dass sowas für Unbehagen sorgt, ist normal, sollte aber nicht weiter stören. Das Thema Architektur und Partizipation/Demokratie ist ein spezielles. Bei Wohnungsarchitektur nötig, bei öffentlichen Bauten sollten die normalen Leute eher die Klappe halten.

    Metallplatten können blenden, das sieht man auch bei dem Gehry-Gebäude im Düsseldorfer Medienhafen. Es ist aber auch eine interessante Erfahrung. Bei Libeskind sollte man genau hingucken. Der Mann ist ein guter Selbstvermarkter, was problematisch sein kann, aber er hat ein interessantes Verständnis von Raum, von Geometrie, von Gestaltung, er hat ziemlich gute Sachen gemacht und eine eigene Sprache entwickelt. Das ist super, hat aber zum Nachteil, dass er angefragt wird, wenn Städte sich besser vermarkten wollen. Dann kommt auch dumpfes Zeug heraus, rein formale Architektur. Libeskind hatte sehr angenehme Ideen in den Neunzigern zum Potsdamer Platz in Berlin, die nicht umgesetzt wurden. Er trat dann die Debatte um preußische Architektur in Berlin los und wie recht er hatte, sieht man heute. Ein Libeskind wäre dringend nötig gewesen, auch städtebaulich.

    In Berlin hat er gerade mit einem Wohnungsneubau ein ganzes Viertel gentrifiziert, gegenüber vom neuen BND, das ist natürlich problematisch, und die Sprache, mit der die Wohnungen vermarktet werden, ist völlig dämlich. Libeskind lässt sich in sowas reinziehen, was ihn natürlich als dubiose Gestalt ausweist. Aber so ist das ja meist bei Architekten: Es geht um große Summen, da wird man geschmeidig.

    Ausnahmen wie Zumtor und Siza sollte man deshalb immer lobend erwähnen.

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