Kleine Bemerkung zur glücklichen Minderheit

Der Volkswirt Henrik Müller im Spiegel über die Droge billiges Geld:

Wir haben es mit langfristigen Fehlentwicklungen zu tun. Statt in produktive Kapazitäten, neues Wissen oder intelligente Technologien fließt billiges Geld in die Immobilienmärkte. Das gilt gerade auch für Deutschland. Die Unternehmen in der Bundesrepublik, hat die OECD kürzlich kritisiert, tätigen im Vergleich zu anderen Ländern wenig wissensbasierte Investitionen. Zugleich weist Deutschland derzeit die höchsten Wohnungsbauinvestitionen in Relation zur Wirtschaftsleistung auf. Produktiv ist das nicht.

Eine folgenschwere Fehlsteuerung: Wo die Produktivität kaum steigt, können auch die Löhne kaum steigen. Zugleich verdient eine glückliche Minderheit große Summen mit dem Handel von teuren Immobilien und Unternehmensanteilen – mit Aktivitäten also, deren gesellschaftlicher Nutzen begrenzt ist. Auf Dauer eine schwer erträgliche Schieflage.

Wären diese Investitionen in den Wohnungsbau dazu da, Wohnen zu ermöglichen, könnte man dem etwas abgewinnen. Aber es geht beim Bauen in großen Teilen – Zahlen dazu sind schwer zu bekommen – um Renditeobjekte: Zweit-, Dritt-, Viertwohnungen von potenten, wie man sagt, Leuten aus der ganzen Welt. In London gibt es schon ganze neugebaute Geisterstädte, in Berlin kann man ähnliches vermuten.

Das billige Geld, das die Banken vergeben, wird also von den Potenten genutzt, um die weiter unten stärker zu drangsalieren – indem man in Metropolen nur begrenzt vorhandenen Platz mit Luxushäusern zubaut.

Es wäre die Aufgabe der Politik in einer Demokratie, dieses Treiben zu verhindern. Es ist die Aufgabe der Politik im Kapitalismus, dieses Treiben zu ermöglichen.

Pech gehabt.

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11 Antworten zu Kleine Bemerkung zur glücklichen Minderheit

  1. Jakobiner schreibt:

    In der VWL würde man dies wohl eine Fehlallokation nennen.Aber die Frage bleibt, ob es sich nur um falsche kapitalistische Wirtschaftspolitik handelt oder um eben eine Systemkrise.Nach dem mehr keynesiantischen Programm in westlichen Staaten seit Rossevelts New Deal, die infolge der kapitalistischen Weltwirtschaftskrise 1929 aufgelegt wurden, kam der Weltkapitalismus nach 2 Jahrzehnten eines Nachkriegsbooms in den 70er Jahren in die sogenannte “Stagflation”, d.h. dass trotz hoher Inflation die Wachstumsraten niedrig blieben. Helmut Schmidt hatte damals noch die Devise “Lieber etwas mehr Inflation als mehr Arbeitslose”. Diese Rechnung ging nicht mehr auf. Zum einen hing dies damit zusammen, dass die noch relativ geschlossenen Volkswirtschaften des Westens infolge der einsetzenden Globalisierung und der Herausbildung des europäischen Wirtschaftsraumes sich immer mehr öffneten und die nachfrageorientierten Multiplikatoreffekte keynesianistischer antizyklischer Programme deutlich verringerten. Spätestens mit Reagan und Thatcher gingen westliche Regierungen dann zur angebotsorientierten Politik über, die in Deregulierung der Märkte, “Entbürokratisierung”, Schwächung der Gewerkschaften, Privatisierungen, Austeritätspolitik, Sozialabbau und anderen Maßnahmen ihre Rettung sahen. Der Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks, sowie die prokapitalistischen Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping in China, der Aufstieg der BICS-Staaten und der emerging economies boosteten die Globalisierung erst so richtig, so dass die 90er Jahre bis zur Asienkrise 1997 als das goldene Zeitalter der Globalisierung erschien. Paul Krugmann nannte die Asienkrise jedoch die “erste Krise der Globalisierung”, bei der erstmals auch Japan als erstes G-7-Land des kapitalistischen Zentrums erfasst wurde und fragte in seinem Buch, ob das nächste Mal die tektonischen Erschütterungen des Weltkapitalismus nun nicht mehr über die Peripherie, die immer kleiner wurde, sondern selbst aus den kapitalistischen Zentren erfolgen würde. Dotcom-Blase 2001 und Finanzkrise 2008 folgten. Das Kapital hatte in die BRICS-Staaten und emerging economies bis zur Sättigung investiert, wodurch es zu einer Überakkumulationskrise kam. Das Kapital hatte keine weiteren Verwertungsmöglichkeiten mehr gefunden und es wäre schon früher zur Finanzkrise oder einer Weltwirtschaftskrise gekommen, hätte die US-Regierung nicht mittels der Deregulierung der Finanzmärkte in den 90er Jahren und dem System der subprime-Hypothekenkredite ein Auslassventil für überakkumuliertes Kapital eingerichtet. Da dies ein Schnellballsystem war, kollabierte dieses auch in Form der Finanzkrise, die sich im Falle Europas zu einer Staatsschulden- und Eurokrise samt Rettungsschirmen und bail-outs- transformierte.Die Zentralbanken wurden infolge immer wichtiger für die Revitaliserung der Wirtschaft und die Banken-/Staatenrettungen.Zumal sie nun dem japanischen Beispiel der Niedrigzinspolitik folgten, um den Weltkapitalismus wieder anzukurbeln. Diese Grenzen sind nun anscheinend erreicht. Faktisch existiert in allen wesentlichen Industrieländern Nullzinspolitik, ja inzwischen werden auch schon die ersten Negativzinsen eingeführt, als ob man von einer tendenziell fallenden Zinsrate als dem Gesetz des Kapitalismus reden könnte.Nach der Stagflation der 70er Jahre taucht nun als Beschreibung des neuen Zustands der Begriff “säkulare Stagnation”auf, d.h langfristige Stagnation der Weltwirtschaft trotz Niedrigst- und Negativzinsen. Die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik scheint nun an ihre Grenzen zu gelangen.Bleibt abzuwarten, was uns als Lösung präsentiert wird. Die Hoffnung auf eine neue lange Welle des Kapitalismus infolge der start-up-Gründungen, eine Erholung infolge TTIPs und TPPs,Wachstium durch Chinas One-Belt-One-Road-Initiative? Oder ist die gegenwärtige Stagnation nur der Vorbote einer noch heftigeren Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Ausmasse von 1929 übertreffen könnte? Dazu auch als Lesetip:

    http://www.global-review.info/2016/06/20/weltkapitalismus-nach-stagflation-nun-sakulare-stagnation/

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  2. genova68 schreibt:

    Es bräuchte meines Erachtens schlicht eine Umverteilung, um Wachstumsimpulse zu bekommen. Ob ich in ein besseres Restaurant gehe oder das Möbel nicht bei Ikea oder das Fleisch nicht aus Massentierhaltung: All das ist Wirtschaftswachstum, und sinnvolles dazu. Keynes meinte doch auch, wenn ich nicht irre, dass man Lohnerhöhungen von Produktivitätszuwachs plus Inflation brauche. Wenn man das nachholend für die letzten 20 Jahre umsetzte, brauchten wir uns um Wachstum keine Gedanken zu machen.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Zu dem zitierten Müller-Memo aus dem Spiegel:

    die Wirtschaft müsste also auf vollen Touren laufen, WEIL die sie
    angekurbelt wird. Angekurbelt? Was ist mit den ganzen
    Austeritätsprogrammen, die überall laufen und von Deutschland gewaltsam
    durchgesetzt wurden?

    Drei Dinge sind hier bedenkenswert:

    1. Glänzenden Erfolg müsste diese Politik anhand dessen haben, was
    Müller die »gängige Theorie« nennt – und das ist die in der BRD immer
    noch dominierende Neoklassik. Davon nimmt Müller auch kein Stück
    Abstand: das »echte Unternehmertum« wird beschworen und
    Verteilungsfragen kommen nur als »vordergründige« vor – diese Probleme
    sollen sich von selbst (i.e. durch echtes Unternehmertum) lösen, wenn
    nur diesem Unternehmertum keine Hürden errichtet werden. Funktioniert
    natürlich nicht und man merkt Müller seine Verzweiflung an, wenn er
    seine Vorschläge macht (Bildungs, Infrastruktur), deren
    realwirtschaftlicher Bezug reines Wunschdenken ist. Dass er alles, was
    nicht seiner Theorie enspricht psychologisiert (sie beugen die Regeln,
    sie denken kurzfristig, sie widmen sich vordergründigen Fragen) passt
    da nur ins Bild.

    2. Für die Keynesianer (bzw. den neoklassischen Keynesianismus, den es
    heute allein gibt) stellt sich theoretisch gar kein Problem: wenn die
    Unternehmen das vorhandene Geld nicht »aufsaugen« muss es eben billiger
    werden, d.h. die Zinssätze sinken; wenn das nicht mehr geht, weil die
    Zinssätze nominal bei Null sind (das heißt dann Liquiditätsfalle), soll
    der Staat einspringen und z.B. in Infrastruktur investieren – nicht
    (nur) weil diese Investitionen die Produktivität steigern, sondern um
    das brachliegende Geld in den Produktionskreislauf zurückzubringen.

    3. Weder der Neoklassik noch dem Keynesianismus geht es um
    Verteilungsfragen, allenfalls behaupten sie, dass sich ein allgemeiner
    Wohlstand oder eine gerechtere Verteilung so nebenbei herstellen würde.
    Einen »linken« Keynesianismus (der den Kapitalismus so gestalten wollte,
    dass nicht der Kommunismus die einizige Antwort auf ihn wäre) gibt es
    heute so gut wie nicht mehr. Aber vielleicht sollte es um das gehen, was Müller
    »vordergründige Verteilungsfragen« nennt – und sollte es sich nicht um
    ein »paar Transferzahlungen« erschöpfen. National und vor allem
    international geht es darum, den Menschen einen angemessenen
    Lebensunterhalt zu gewähren (Essen, Wohnen, Bildung, Kunst, Gesundheit)
    und zwar ohne Sorge, dass das nächsten Monat oder nächstes Jahr
    wegfällt. Das ist DIE Aufgabe und wenn sich die im Kapitalismus nicht
    lösen lässt muss man eben über Alternativen nachdenken.

    Für Müller sind das »vordergründige Verteilungsfragen«. Man mache sich
    aber klar, dass die Ignoranz gegenüber diesen Fragen massenhaftes Elend
    bedeutet, AUCH in den Industrieländern. Müller jammert dagegen darüber,
    dass das WACHSTUM zurückgegangen ist. Die Wirtschaft wächst, aber weil
    sie nicht genug wächst müssen die Elenden noch mehr Elend akzeptieren.
    Das ist ein Widerspruch.

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  4. Peinhart schreibt:

    Das ist sicher eine Wurzel des Übels. Lenin spielt hier aber nur eine mittelbare Rolle, denn hiermit:

    „Die widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist für den Erfolg der Prozesse der Arbeit, die nach dem Typus der maschinellen Großindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig“

    beschreibt er zunächst doch nur die Realität der industriellen Arbeitsorganisation, und zwar ganz ’systemneutral‘. Das ist im Kapitalismus natürlich ganz genauso und erklärt auch, warum sich der konkrete Arbeitsalltag eines realsozialistischen Arbeiters so wenig bis gar nicht von dem eines kapitalistischen unterschied. Ich würde daher eher mal die Arbeitshypothese aufstellen, dass die tayloristisch-großindustrielle Arbeitsorganisation selbst bereits das diktatorische Moment enthält.

    Lenins Fehler wäre dann ’nur‘ gewesen, sich darüber, ob diese Arbeitsorganisation, die nicht nur einen ‚wesentlichen Lebensaspekt‘ ausmacht, überhaupt mit einem ’sozialistischen Anspruch‘ vereinbar ist, offenbar wenig Gedanken gemacht zu haben. Sondern diese Großindustrie im Gegenteil noch als Blaupause für die gesellschaftliche Organisation überhaupt zumindest hingenommen zu haben – dass und wie die Produktionsbedingungen auf die Gesellschaft ‚abfärben‘, hätte er ja ohne weiteres nochmal bei Marx nachlesen können, bis hin zu der Erkenntnis, dass die Großindustrie das genuin kapitalistische Projekt ist. Dass sich die ganze Choose dann tatsächlich in nachholender Modernisierung unter einer Art Staatskapitalismus im wahrsten Sinne erschöpft hat, kann dann auch nicht mehr wirklich verwundern.

    Die Frage ist aber auch, ob und welche Alternativen es gegeben hätte. Und natürlich auch, was das Verschwinden dieses Arbeitstypus zugunsten vollautomatisierter Prozesse für den heutigen Kapitalismus bedeutet.

    [Sorry, dieser Kommentar sollte eigentlich hierher, wird dort aber offenbar nicht mehr angenommen.]

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  5. genova68 schreibt:

    „Ich würde daher eher mal die Arbeitshypothese aufstellen, dass die tayloristisch-großindustrielle Arbeitsorganisation selbst bereits das diktatorische Moment enthält. “

    Ja, das ist in etwa das, was Robert Kurz sagte, wenn ich nicht irre. Wobei ich denke, dass man die großindustrielle Arbeitsorganisation auch unter einen menschlichen Schirm stellen könnte. Industrielle Arbeit hatte den Riesenvorteil der materiellen Lebensstandarderhöhung. Sicher nicht gleich und für alle Arbeiter, aber insgesamt schon. Die Frage wäre,wie man diese Arbeitsbedingungen verbessern könnte. So wie auch in einem anderen System ein Bäcker früh aufstehen muss.

    Aber sicher, das dikatorische Moment ist enthalten und das muss als solches kritisch gewürdigt und beachtet werden.

    Wobei ich gar nicht weiß, ob dieser Arbeitstypus wirklich verschwindet. Zum einen wird er in Schwellenländer verlagert, zum anderen ist die Mitarbeiterin einer Bäckereikette heute arbeitstechnisch ähnlich organisiert: Kasse in der Mitte des Ladens, Selbstbedienung, genormtes Arbeiten mit Kunden.

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  6. Peinhart schreibt:

    Die Verlagerung in Schwellenländer gibt es zwar, sie dürfte aber auch nur ein Zwischenspiel sein. Hat nicht erst kürzlich Foxconn die sagenhafte Zahl von 50.000 Arbeitern ‚freigesetzt‘ und durch Roboter ersetzt? ‚Schwelle‘ bezeichnet das ja auch schon: Ziel ist der technologische Anschluß.

    Eine Verbesserung der industriellen Arbeitsbedingungen ist zwar denkbar, vor allem gerade in den Schwellenländern – nicht aber die Eliminierung des ‚diktatorischen Moments‘. Dieses ist für jede Art der vertikalen Arbeitsteilung konstitutiv. Das Problem des Bäckers in dieser Hinsicht ist denn auch nicht das frühe Aufstehen – auch wenn uns das unzumutbar vorkommen mag ;) – sondern die ebenfalls nicht mehr handwerkliche, sondern industrielle Arbeitsorganisation in einer Großbäckerei.

    Und auch die schon jetzt nur noch kassierende ‚Mitarbeiterin‘ einer Bäckereikette ist bereits ein Auslaufmodell…

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  7. Peinhart schreibt:

    Ach ja, und man muß für diese Art der ‚Entfremdung‘ und der gewollten oder in Kauf genommenen ‚Verantwortungslosigkeit‘ des Arbeitens auch gar nicht unbedingt Marx oder Kurz bemühen – Günther Anders (‚Die Antiquiertheit des Menschen‘) ist da vielleicht sogar aufschlußreicher. Die Eigentumsverhältnisse sind hier nicht so entscheidend wie die eingesetzten Techniken. Wobei eine Änderung der Eigentumsverhältnisse natürlich durchaus auch Änderungen der Technik nach sich ziehen könnte. Oder sogar müsste.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Das diktatorische Element im großindustriell-tayloristischen Fordismus ist sicherlich nicht wegzuleugnen. Dennoch wäre ein anderes Gesellschaftssystem, das die Arbeitszeiten infolge der Rationalisierung und Automatisierung und nun eben Digitalisierung verkürzt, auch längere Arbeitspausen ermöglicht, wie auch eine gewisse Humanisierung der Arbeit einleitet eben etwas anderes, als der Kapitalismus, der die Arbeitszeiten eher gleichbehalten und ausdehnen will und den Abreitsstress bis zum Burnout steigert..

    Zur Frage des „linken Keynesianismus“:
    Ein linker Keynesianismus ist sicher keine Lösung. Ich hab das nur
    erwähnt, um klar zu machen, wie beschränkt die ökonomische Diskussion
    ist. Wenn man da mitdiskutiert, selbst kritisch, muss man sich immer vor
    Augen führen, dass da ein ganz bestimmtes „Problem“ verhandelt wird,
    nämlich das der „Nationalökonomie“. Wie schon gesagt, sollte man sich
    klar machen, dass hier ein schwaches Wachstum bejammert wird. Für einen
    Lohnarbeiter wäre das EIGENTLICH nicht weiter wichtig, wenn es heißen
    würde, mal nur ein Prozent mehr Geld zu bekommen – oder im Fall einer
    Rezession sogar mal ein oder zwei Prozent weniger: damit könnte man
    Leben. Tatsächlich heißt ein schwaches oder negtives Wachstum aber
    drohende Arbeitslosigkeit und Abbau des Sozialstaates. EIN Argument
    gegen die „gängige Theorie“ ist, dass ihr dieser Zusammenhang eine
    Selbstverständlichkeit ist.

    Der „linke“ Keynesianismus ist zwar von Marxisten kritisiert worden,
    viele Linke meinten aber, im Keynesianismus ein Mittel für ihren
    Aktivismus zu haben – insofern das keynesianische Ziel der
    Vollbeschäftigung sich mit der Überlebensbedingung der Arbeiter deckt.
    AN SICH ist am Keynesianismus aber nichts Linkes. Er ist eine
    Strategie der Krisenbewältigung; Keynes selbst war explizit
    antikommunistisch und argumentierte gegen die Marxsche Krisentheorie:
    stimmt nicht, wenn ihr MEINE Strategie übernehmt.

    Daraus ergibt sich die erste Kritik am Keynesianismus: er will den
    Kapitalismus wiederherstellen, nicht beseitigen; dass sich in der Folge
    das Los der Lohnarbeiter verbessert ist allenfalls eine Hoffnung – darin
    unterscheidet sich der Keynesianismus kaum von der Neoklassik; der
    Keynesianismus beansprucht nur die Phasen von Krise, Arbeitslosigkeit
    und Verelendung abzukürzen. Verelendung ist aber KEIN Problem für die
    Nationalökonomie und Arbeitslosigkeit nur als ungenutztes Potential.

    Zweitens ist die Frage, ob die Krisenbewältigung nach keynesianischem
    Muster gelingt. Empirisch ist das Programm (antizyklische
    Staatsausgaben, Zinssenkungen in der Krise, deficit spending in der
    Liquiditätsfalle) ziemlich gut bestätigt. Der Teufel steckt im Detail:
    solche Programme gelingen in den dominierenden Ökonomien (z.B. der
    Reagan-Boom), scheitern aber bei den Verlierern der internationalen
    Konkurrenz (siehe Lateinamerika). Insbesondere Staaten, die nicht über
    eine Leitwährung (Euro, Dollar) verfügen, gehen mit dem deficit spending
    ein großen Risko ein.

    Selbst wenn ein keynesianisches Programm eine akute Krise bewältigen
    könnte, heißt das nicht, dass es langfristig wirkt. Einerseits geht es
    um den Fall der Profitrate – Marxisten haben immer gemeint, dass der
    Keynesianismus diesen eher verschärft als lindert. Andererseits geht es
    um den Widerspruch zwischen der Produktivitätssteigerung und dem damit
    einhergehenden Überflüssigwerden der Lohnarbeiter: was im Kommunismus
    das Ziel wäre, übersetzt sich im Kapitalismus in Sozialfälle.

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  9. genova68 schreibt:

    Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch Roboter: Ja, das nimmt zu, das wird so weitergehen, die Schwellenländer wollen mehr Roboter. Was ich mit dem Bäcker meinte: Eine Diktatur der Maschine, die Arbeitszeiten und -rhythmus vorgibt, ist ja auch der „Kundenunsch“ des Brotes am Morgen. Um vier aufstehen entspricht nicht dem Biorhythmus. Und die Frau in der Bäckereikette: Ja, die sitzt nicht nur an der Kasse. Sie wird bestimmt durch die hereinkommenden Kunden, die sekundengenau bedient werden müssen. Die Kunden mit ihren Tabletts, die sich der Kasse nähern, bestimmen den Rhythmus der Kassiererin, die, wenn ein paar Sekunden Kunden ausbleiben, Regale auffüllt o.ä.

    Vermutlich ist es so, dass die Ersetzung des Menschen durch Maschinen immer weitergeht. Aber ich habe manchmal Zweifel an der prognostizierten Geschwindigkeit. Es gibt ja immer wieder Experten, die die Ersetzung von 80 oder 90 Prozent der Menschen prognostizieren. Derzeit läuft es in vielen Bereichen eher so, dass die Löhne relativ sinken und Menschen eher weiterbeschäftigt werden. Bis die Bäckereiverkäuferin ersetzt wird, müsste ihr Lohn deutlich steigen. Die kassiert, füllt auf, kontrolliert, sorgt für ein Lächeln etc. Und das für 8,50 Euro die Stunde.

    Ausgangspunkt war, dass die industrielle Maschine den diktatorischen Takt vorgibt, der sich in gesellschaftliche Verhältnisse fortpflanzt. Ich ergänze nur, dass dieser diktatorische Takt auch ohne Maschinen möglich ist.

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  10. Peinhart schreibt:

    Dem kann ich wiederum nur zustimmen. Es gibt allerdings noch einen Aspekt der Automatisierung, der für uns ‚hier und jetzt‘ alle anderen überwiegen dürfte: das ‚Geschäftsmodell‘ des Kapitalismus wird dadurch komplett hinfällig, und Diskussionen über irgendeine ‚Zähmung‘ oder ‚Rettung‘ des Kapitalismus damit natürlich auch.

    Für eine tatsächlich vollautomatisierte Produktion ist das unmittelbar einleuchtend: es gibt schlicht keine Löhne=Kaufkraft mehr, die noch irgendwie konsumieren könnten. Aber prekär wird es natürlich auch schon weit früher, wann genau lässt sich empirisch schwer feststellen, aber es gibt eine ganze Reihe empirischer Befunde – nicht zuletzt die exzessive Schuldenmacherei, die dennoch kaum mehr ‚Waxtum‘ generiert – die nahelegen, dass der kritische Punkt vermutlich bereits überschritten ist.

    Hier bin ich dann in der Tat wieder ziemlich nahe an Herrn Kurz und seiner ‚Wertkritik‘, obwohl das auch nicht die einzige Herangehensweise ist, um zu diesem Befund zu gelangen. Das nicht zugeben zu können ist mE auch ein Hauptgrund, warum auch ‚gestandene Linke‘, bspw die hier ja auch schon mal Angesprochenen aus dem Umfeld der NDS, immer mehr in teils obskure und zudem ‚rechts offene‘ Verschwörungstheorien abdriften. Was wiederum nicht heißen soll, dass es da nicht auch reichlich Verschwörung und Manipulation gäbe – natürlich gab und gibt es die. Aber es gibt eben auch handfest materiell-ökonomische Gründe, warum man zum Strohhalm Neoliberalismus greifen konnte und gegriffen hat.

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  11. genova68 schreibt:

    Ich könnte mir vorstellen, dass diese weitestgehende Automatisierung nicht kommt, weil Leute für wenig Geld arbeiten werden, siehe Bäckerbeispiel. Und auch, dass das poltisch verhindert wird, weil extreme Arbeitslosenzahlen Politikern schaden. Es war ja bis zur Einführung des Mindestlohns zu sehen, wie leicht das machbar ist: Millionen arbeiteten für vier, fünf, sechs Euro die Stunde, ohne sich zu beklagen.

    Die Kaufkraft könnte aber auch durch Grundeinkommen etc. gesichert werden, dazu braucht es keine Lohnarbeit. Es wird ja nie zu Null menschlicher Arbeit kommen. Es arbeiten dann in einer Fabrik nicht mehr 1000, sondern 100 Arbeiter. Und das ist bei den großen Produzenten, Autoherstellern etwa, schon längst Realität. Autos werden in Deutschland dennoch immer mehr abgesetzt.

    Aber eigentlich ist mir das alles zu kompliziert.

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